Kleines Knabenkraut
Orchis morio (Orchideengewächse)

- Kleines Knabenkraut. © Leo Michels
Noch um das Jahr 1900 war das Kleine Knabenkraut eine der häufigsten Orchideenarten in Deutschland. In den letzten 50 Jahren aber wurde sein Lebensraum, nährstoffarme Wiesen, zunehmend zerstört, weil diese Flächen entweder stark gedüngt oder aber ganz aus der Nutzung genommen wurden. Mit dem Verschwinden der Magerwiesen ging auch das Vorkommen des Kleinen Knabenkrauts zurück. Heute wird es in der „Roten Liste der gefährdeten Pflanzen Deutschlands“ als „stark gefährdet“ geführt und in der Bundesartenschutzverordnung als „besonders geschützt“ eingestuft. In ganz Mitteleuropa geht der Bestand zurück.
Merkmale
Seinen Artnamen "morio" (lat. „Narr“) erhielt das Kleine Knabenkraut von dem schwedischen Naturforscher Carl von Linné, weil ihn die Form der Blüte an eine Narrenkappe erinnerte. Das Kleine Knabenkraut ist eine kleine kräftige Pflanze von bis zu 30 Zentimeter Höhe. Sie blüht Ende April bis Ende Mai und besitzt einen kräftigen Stängel, der mit meist dunkelroten-purpurnen Blüten besetzt ist. Die Lippenmitte der Blüten ist weißlich mit dunklen auffälligen Punkten. Die hellgrünen Blätter bilden einen gut sichtbaren Kontrast zum dunkelvioletten Stängel. Die Blume braucht mäßige Wärme und wächst auf feuchten und mageren, meist nährstoffarmen Böden. Die Bestäubung erfolgt durch Insekten und die Verbreitung durch Wind.
Lebensraum
Das Kleine Knabenkraut ist eine einheimische Pflanze, die in ganz Europa vorkommt. Die Wiesenvegetation darf nicht hoch sein, da die Pflanze volles Sonnenlicht braucht. Magerwiesen sind dafür ideal. Durch die hohe Sonneneinstrahlung kann das Knabenkraut dort schon im zeitigen Frühjahr blühen, so dass die Blüte abgeschlossen ist, wenn die übrige Vegetation zu wachsen beginnt.
Bedrohungsfaktoren
Nach dem 2. Weltkrieg wurden die Lebensräume des Kleinen Knabenkrauts durch Nutzungsintensivierung oder Brachlegung immer knapper.
Viele Wiesen werden seit der Einführung des Mineraldüngers stark gedüngt, um bessere Erträge zu liefern. Das trug zum Rückgang des Kleinen Knabenkrauts bei, das auf nährstoffarme Böden angewiesen ist.
Viele Magerwiesen, auf denen eine intensive Bewirtschaftung nicht möglich war, wurden dagegen ganz aus der Nutzung genommen. Auf diesen stillgelegten Flächen führt nun eine Verbuschung zur Verdrängung der Blume. Noch bewirtschaftete Magerwiesen bilden nur noch Reststandorte. Sie wurden gleichsam zu Inseln in einer intensiv genutzten Landschaft.
Lösungsansätze
Während Gräser bevorzugt auf fetten Wiesen wachsen, sind Blumen und Kräuter auf mageren, stickstoffarmen Standorten konkurrenzfähiger. Magerwiesen zählen zu den artenreichsten Pflanzengesellschaften. Viele Orchideen- und Lilienarten kommen dort vor.
Für die Landwirte sind diese ertragsarmen und arbeitsintensiven Flächen in den meisten Fällen heute unrentabel. Sie erhalten die Nutzung von Magerwiesen nur aufrecht, wenn sie zum Beispiel Agrarumweltprogramme in Anspruch nehmen können. Durch sie werden ihre höheren Kosten ausgeglichen und die Landwirte erhalten einen Anreiz zur schonenden Bewirtschaftung dieser Flächen.
Die Mahd ist die Hauptnutzung der Magerwiesen. Um den Artenreichtum auf diesen Flächen zu erhalten, dürfen die Wiesen erst spät im Sommer geschnitten werden – müssen aber mindestens alle drei Jahre gemäht werden, damit sie nicht einwachsen. Der Schnittzeitpunkt wird mit dem Landwirtschaft- und dem Naturschutzamt vertraglich festgelegt. Bei jeder Mahd sollen fünf Prozent der Fläche stehengelassen werden – am besten in Form von mehreren Flecken.
Günstig für das Kleine Knabenkraut ist auch eine extensive Beweidung der Wiesen durch Schafe. Sie sorgen ebenfalls dafür, dass der Lebensraum Magerwiese nicht verbuscht, sondern in seiner traditionell offenen Form erhalten bleibt.
Ausblick
Das Kleine Knabenkraut hat nur auf extensiv bewirtschafteten Flächen eine Überlebenschance. Agrarumweltprogramme und Programme des Vertragsnaturschutzes, die eine solche Bewirtschaftung fördern, sind eine Möglichkeit, solche Lebensräume zu erhalten. Mit gezielten Schutzmaßnahmen kann zwar dafür gesorgt werden, dass das Kleine Knabenkraut nicht ausstirbt, aber es wird aufgrund der veränderten Landnutzung und den wenigen verbliebenen Standorten wohl auch auf Dauer zu den selteneren Arten zählen.

