Ölpest im Golf von Mexiko: „Ökosysteme drohen zu ersticken“

WWF-Meeresschutzexperte Stephan Lutter zu den Folgen der Umweltkatastrophe

© WWF
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Nach dem Untergang einer Ölbohrplattform im Golf von Mexiko treten aus mehreren Lecks mittlerweile schätzungsweise bis zu 760 Tonnen Erdöl pro Tag aus.

Was bedeutet das Ölunglück für die Region?

Lutter: Wenn wir mit ähnlichen Unfällen vergleichen, die es bereits gegeben hat, zum Beispiel mit jenem letztes Jahr nordwestlich von Australien, wo es zehn Wochen dauerte, das Leck zu schließen, dann kommen wir schnell in Dimensionen wie bei der Havarie des Tankers Exxon Vadez vor Alaska vor über 20 Jahren, bei dem 42.000 Tonnen Rohöl ins Meer flossen. Die Folgen dort sind heute noch zu sehen.

Zwar bauen sich in der arktischen See solche Verschmutzungen noch viel langsamer ab. Doch eines haben beide Gebiete gemeinsam, übrigens auch mit der Nordsee, wo ebenfalls Erdöl gefördert wird: Alle sind biologisch sehr produktive Ökosysteme, in denen zugleich viel Fischerei betrieben wird. Das heißt: Neben einem allgemeinen Schaden für das Ökosystem werden auch kommerzielle Fisch- und Schalentierbestände leiden.

Der Ölteppich ist nur noch knapp von der Küste Louisianas entfernt. Was passiert, wenn er die Küste erreicht?

Lutter: Dort gibt es Lebensräume, die sehr empfindlich auf Ölverschmutzungen reagieren werden. Während es in der Nordsee das Wattenmeer mit seinen weiten Gezeitenflächen gibt, gibt es dort Lagunen und Mangrovensümpfe als Gezeitengebiete. Beiden gemeinsam ist: Wenn Erdöl auf die Schlickflächen auftritt, schneidet es die gesamte Lebensgemeinschaft darunter von der Sauerstoff- und Wasserzufuhr ab. Sie erstickt langsam. Und wo die Lebensgemeinschaft nicht erstickt, tragen all die Würmer, Muscheln und Schnecken das Öl noch tiefer in den Boden ein. Und dort bleibt es auf Jahre liegen, weil unter Sauerstoffabschluss kein natürlicher Erdölabbau stattfindet. Man rechnet, dass sich Lebensräume wie Schlickflächen und Salzwiesen frühestens nach zehn Jahren erholen.

Verschmutzte Vögel: Nur eine der schlimmen Folgen von Ölkatastrophen. © WWF
Verschmutzte Vögel: Nur eine der schlimmen Folgen von Ölkatastrophen. © WWF

Hinzu kommen die Gefahren für die Tiere an der Oberfläche. Watvögel etwa stochern typischerweise im Schlick. Dadurch werden sie sich verölen. Dort brüten Braune Pelikane und seltene Weißkopfseeadler. Und ähnlich wie am Atlantik ist auch die Golfküste ein Orientierungsweg für wandernde Zugvögel.

Wenn das Ausmaß der Ölpest noch größer werden sollte und auch Florida erreichen würde, dann würde das Öl auch Korallenriffe und Seegraswiesen verschmutzen – unter anderem die Lebensräume der Seekühe.

Die US-Küstenwache setzt Teile des Ölteppichs kontrolliert in Brand. Ist das eine sinnvolle Maßnahme?

Lutter: Es ist die zweitsinnvollste Maßnahme, wenn man die Ölmenge anders nicht mehr beherrschen kann. Die sinnvollste ist natürlich immer, das Öl abzusammeln. In Europa wird das auch prinzipiell immer zuerst so versucht – mit Ölauffangschiffen und Barrieren.

Das Abflammen wird helfen, den Ölteppich, der die Küste erreicht, zu verringern – und damit die rein physikalisch-schädliche Wirkung des Öls. Doch die Schadstoffe aus dem Öl bleiben. Rohöl ist nun mal sehr giftig. Da sind Schwermetalle drin, außerdem polyzyklische, aromatische Kohlenwasserstoffe, PAKs genannt – also Krebs erregende Stoffe, ferner Schwefelverbindungen, die alle jetzt durch das Verbrennen als Rückstände im Meer bleiben oder in die Erdatmosphäre und Böden gelangen.

Ölplattform vor Texas im Golf von Mexico. © Michael Sutton / WWF-Canon
Ölplattform vor Texas im Golf von Mexico. © Michael Sutton / WWF-Canon

Was wäre nach dem Unglück zu tun? Die Küsten reinigen, Schlick abtragen? Oder alles der Natur überlassen?

Lutter: Ölreinigungsmaßnahmen sind eigentlich nur an harten Felsküsten und Sandstränden erprobt. Das gestaltet sich dort schon schwierig. Ganze Schlickflächen zu entnehmen, wäre auch eine Zerstörung des Ökosystems. Vermutlich bleibt nichts anderes übrig, als die Flächen der Natur zu überlassen, bevor man noch mehr Schaden anrichtet.

Wie kann man in Zukunft solche Katastrophen verhindern? Durch bessere Technik? Oder durch Verzicht auf Bohrungen in fragilen Ökosystemen?

Lutter: Klar Letzteres. Sowohl dieser Unfall als auch der letztes Jahr in australischen Gewässern geschahen ja nicht auf alten maroden Bohrinseln, sondern auf supermodernen Plattformen auf dem neuesten Stand der Technik. Trotzdem passieren dort Unglücke. Das liegt eben daran, dass in immer größeren Meerestiefen nach Erdöl gebohrt wird – und in immer küstenferneren Gebieten. Dieser Trend ist weltweit zu beobachten, auch in Europa, etwa auf der Westseite der Britischen Inseln oder in der Barentssee. Der WWF engagiert sich massiv dagegen.

Denn mit immer größerer Wassertiefe steigt das Risiko, weil in diesen Tiefen von bis zu 2.000 Metern mit menschlichem Einsatz nicht mehr repariert werden kann, sondern nur noch mit Unterwasserrobotern. Diese Technik jedoch ist sehr schwer beherrschbar.

Was sollte die Politik nun tun?

Lutter: Die Obama-Administration sollte ihre gerade erst vor drei Wochen angekündigte Freigabe für weitere Erdölerschließungen vor der Atlantikküste überdenken. Generell fordert der WWF, Zonen ohne Ölförderung in besonders empfindlichen Gebieten unserer Ozeane auszuweisen. Klima- und Meeresschutz müssen an einem Strang ziehen, um den Einsatz fossiler Energieträger und Ölhunger der Förderstaaten und Industrien zu begrenzen.