„Zusammen haben wir in zwei Jahren mehr bewegt als die EU in 20 Jahren“

Unternehmenskooperationen im Bereich Fisch und Meeresfrüchte: WWF-Fischereiexpertin Heike Vesper zieht eine Zwischenbilanz  

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Heike Vesper, Fischereiexpertin des WWF Deutschland. © WWF

Warum kooperiert der WWF im Fisch-Sektor mit Unternehmen?

Vesper: Die Politik ist Jahrzehnte ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden und hat versäumt, effektive Maßnahmen zu ergreifen, um der Überfischung und Zerstörung von Lebensräumen Einhalt zu gebieten. Die Fischereikrise hat ein solches Ausmaß erreicht, dass nur eine Zusammenarbeit aller Beteiligten die nötige Veränderung wird bringen können. Neben Politik und Fischerei tragen auch die Verarbeiter von Fisch und die Einzelhändler eine Verantwortung für den Erhalt dieser kostbaren Ressource. Der WWF kooperiert mit all diesen Akteuren.

Mit welchen Unternehmen arbeitet der WWF in Deutschland zu diesem Thema zusammen?

Vesper: Wir haben drei Kooperationen, alle mit einem unterschiedlichen Schwerpunkt. Das Unternehmen Gottfried Friedrichs arbeitet seit 2008 mit dem WWF zusammen. Ziel ist die nachhaltige Veränderung einer Wildlachsfischerei in Kamtschatka. Illegale Fischerei ist ein sehr großes Problem in dieser Region. Japanische Unternehmen kaufen fast den gesamten gefangenen Lachs aus dieser Region – bislang ohne Rücksicht auf Umweltauswirkungen oder mit einem Blick für den langfristigen Erhalt der Fischerei. In Kamtschatka ist zudem der Marine Stewardship Council (MSC), der Siegel für nachhaltige Fischerei vergibt, noch nicht populär.

Gütezeichen für nachhaltig gefangenen Fisch: MSC. © Marine Stewardship Council
Gütezeichen für nachhaltig gefangenen Fisch: MSC. © Marine Stewardship Council

Da konnten wir etwas verändern: Eine Fischerei, die an der Westküste Kamtschatkas im Vorovskaya-Fluss auf Wildlachsfang geht, ist nun in einer Vorprüfung, um das MSC-Zertifikat zu bekommen. Wir gehen davon aus, dass die Ergebnisse vor dem Beginn der Fischereisaison Ende Juli 2010 vorliegen werden.

Die Edeka-Gruppe wiederum hat sich Anfang 2009 in der Zusammenarbeit mit WWF verpflichtet, ihr gesamtes Sortiment an Fisch und Meeresfrüchten bis Ende 2011 auf umweltverträgliche Quellen umzustellen. Bis Ende 2009 waren bereits 95 Prozent aller Produkte vom Aal, Stör sowie alle Hai- und Rochenarten, darunter Schillerlocke (Dornhai), aus dem Sortiment entfernt. Gemessen am Umsatz stammten Ende 2009 schon 80 Prozent aus umweltverträglichen Fischereien.

Mit Hilfe der Projektgelder von Edeka werden nun in einem WWF-Projekt in den „Tunfisch-Kinderstuben" im westlichen Pazifik Schutzgebiete identifiziert und etabliert. Indonesische Fischerboote werden auf so genannte Rundhaken umgerüstet, was den Beifang von bedrohten Meeresschildkröten um etwa 80 Prozent reduziert. In einem ersten Schritt wurden 2009 rund 30 Boote ausgestattet, weitere sollen folgen. Edeka setzt sich außerdem mit uns für politische Veränderungen auf europäischer Ebene ein.

Die Kooperation mit Follow Fisch schließlich beschränkt sich auf die Verwendung des Panda-Logos auf den Produkten des Unternehmens und in der Kommunikation. Alle Produkte entsprechen den Anforderungen von MSC oder Biosiegeln. Und tragen einen Code zur Rückverfolgung ihrer Herkunft, das ist bislang einmalig in Deutschland. Wir fanden dieses zu 100 Prozent nachhaltige Produktsortiment so beeindruckend, dass wir mit dem WWF-Logo helfen, die Aufmerksamkeit von Verbrauchern auf dieses Unternehmen zu lenken.

Wenn das Panda-Logo auf Fischprodukten ist, was bedeutet das für Verbraucher?

Vesper: Mit dem Panda-Logo werben wir gemeinsam mit Unternehmen für Bio- oder MSC-zertifizierte Produkte. Das Panda-Logo ist ausschließlich auf Fischprodukten zu finden, die, wenn sie aus Wildfischerei stammen, durch den MSC zertifiziert wurden. Produkte aus Fischzuchten müssen das Bio-Siegel von Naturland oder Bioland tragen. So stellen wir auch für uns sicher, dass in den Verpackungen nur umweltgerechte Produkte zu finden sind, denn sie werden durch unabhängige Institutionen zertifiziert. Die Siegel von MSC, Naturland und Bioland mit ihren Umweltkriterien sind die einzigen, die derzeit vom WWF als glaubwürdig anerkannt werden. Für Verbraucher bedeutet es, dass man hier eine gute Wahl trifft.

Was bringt es der Umwelt, wenn Verbraucher solche Produkte kaufen?

Vesper: Zwei konkrete Beispiele aus der Edeka-Kooperation: Statt tropischer Garnelen, bei deren Fang pro Kilogramm bis zu 20 Kilogramm andere Meerestiere ins Netz gehen, sind jetzt Eismeergarnelen mit MSC-Siegel im Sortiment. Diese Fischerei ist streng kontrolliert, ihr Beifang auf maximal fünf Prozent begrenzt. Mit Spezialnetzen wird sichergestellt, dass ungewollte Fische durch ein Fluchtfenster entkommen können. Neu im Sortiment ist auch MSC-zertifizierter Seelachs aus der Nordsee. Er wird mit Netzen gefangen, die extra große Maschen aufweisen, sodass nur erwachsene Fische gefangen werden.

Der MSC hat zu den positiven Effekten der Zertifizierung eine Broschüre veröffentlicht – leider bislang nur in Englisch.

2009 hat sich die Anzahl der Produkte mit dem MSC-Label in Deutschland von 310 auf 802 mehr als verdoppelt. Damit ist Deutschland weltweit Marktführer. Die große Nachfrage hat zu einer Nachhaltigkeitsbewegung bei europäischen Fischereien geführt: Die gesamte niederländische und dänische Fischerei begibt sich derzeit in den MSC-Zertifizierungsprozess.

Damit haben wir durch die Zusammenarbeit mit Unternehmen in den letzten beiden Jahren mehr bewegt, als es die europäische Fischereipolitik in den letzten 20 Jahren vermocht hat.

Fischfarm. © Maren Esmarck / WWF-Canon
Fischfarm. © Maren Esmarck / WWF-Canon

Und was ist mit Produkten aus Aquakultur?

Vesper: Der WWF arbeitet mit Hochdruck daran, ein zum Marine Stewardship Council (MSC) vergleichbares, unabhängiges Label für Aquakulturen zu entwickeln, um neben dem kleinen Marktsegment „Biozucht“ auch große Produktbereiche nachhaltig zu gestalten.

Der so genannte Aquaculture Stewardship Council (ASC) ist derzeit dabei, sich zu formieren. Im Jahr 2011 könnten die ersten überprüften und mit Siegel versehenen Produkte aus umweltgerechter Zucht auf den Markt kommen. Wie bei der Wildfischerei haben Konsumenten und Händler dann die Wahl und können diese unabhängig überprüften Produkte bevorzugen.