Ankaufen um zu renaturieren
Wie der WWF den Schutz ganzer Lebensräume auch in Deutschland populär machte

- Großes Moor in der Uckermark. © WWF / Uwe Prietzel
Um 1970 beschloss der WWF Deutschland, auch „zu Hause“ aktiv zu werden. Vor allem Feuchtgebiete waren in Not: Landesweit wurde ihnen das Wasser abgegraben.
Dies wurde zum Aufbruch für eine neue Naturschutzinitiative: nicht nur einzelne beliebte Arten, sondern ganze natürliche Lebensräume sollten geschützt und entwickelt werden. Das war konfliktbeladen, denn der Flächenanspruch konkurrierte mit den politischen Vorgaben, letzte Naturwinkel „flurzubereinigen“. Auch waren damals viele Menschen noch mehr als heute der Meinung, aufwändiger Naturschutz erübrigt sich, wenn nur die Schädlinge vernünftig verfolgt würden.
Rettung der letzten Moore
Erste Hilferufe erreichten den WWF aus Schleswig-Holstein: Das entwässerte Dellstedter Birkwildmoor sollte renaturiert werden. Daraufhin kaufte der WWF die ersten 13 Hektar Land. Heute ist das Moor – durch überwiegend staatliche Förderung – zu einem Naturschutzgebiet von über 600 Hektar Größe „angewachsen“.
1972 sollte das Neustädter Moor in Niedersachsen weiter abgetorft werden. Um das zu verhindern, kaufte der WWF für 60.000 DM 26 Hektar als Sperrgrundstück. Viel Geld für einen kleinen Flecken Land, das sich aber auszahlte. Denn tatsächlich war der Flächenkauf ein Türöffner für die engagierten Naturschutzleute vor Ort. Sie nämlich konnten nunmehr als Vertreter des neuen Grundeigentümers in Behördenverfahren als Anwälte für den Moorschutz aufzutreten. Heute steht das gesamte Neustädter Moor mit über 1.000 Hektar unter Naturschutz – genauso wie weitere Moore in der Diepholzer Moorniederung, jetzt anerkannt als Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung.
Kaufen ist der beste Schutz
In den Folgejahren kaufte der WWF weitere Flächen auf – zum Beispiel Salzwiesen im Wattenmeer, Auenflächen am Rhein oder Feuchtgebiete in Norddeutschland. Denn der Flächenankauf war und ist die sicherste Grundlage, um Naturschutzprojekte ohne störende Nutzungsansprüche umzusetzen.
1985 startete der WWF in den Borgfelder Wümmewiesen bei Bremen sein erstes großes Feuchtwiesenschutzprojekt auf über 300 Hektar Eigentumsfläche, diesmal als Partner des staatlichen Naturschutzes. Aber erst mit der Öffnung des „Eisernen Vorhangs“ wurden ab 1990 die wirklich großen Flächenschutzprojekte möglich. Schon vorher hatte der WWF im Schatten der Grenze, zum Beispiel im westdeutschen Teil des Drömlings und am Schaalsee, Flächen gekauft und modellhafte Renaturierungsprojekte durchgeführt. Durch „Freundschaftsbesuche“ wurde ein intensiver Kontakt zu Naturschützern im anderen Teil Deutschlands aufgebaut. Jetzt konnte zusammenwachsen, was zusammen gehört.
Das Bundesumweltministerium bat 1990 den WWF, zusammen mit den Landkreisen und staatlichen Institutionen Verantwortung für die Schutzgebiete „von gesamtstaatlich repräsentativer Bedeutung“, der „Schaalsee-Landschaft“ und dem „Naturpark Drömling“, zu übernehmen. Heute sind sie die größten Bundesnaturschutzprojekte entlang der einstigen innerdeutschen Grenze und gemeinsam mit den Projekten „Uckermärkische Seen“ (1997) und „Mittlere Elbe“ (2001) Paradebeispiele für den konsequenten Schutz von Großlandschaften.

