Birgit Weerts (c) WWF

Interview mit WWF-Tourismusexpertin Birgit Weerts

Über umweltbewusstes Reisen, den WWF-Ratgeber und die Faszination von Juist im Winter

Birgit Weerts hat in Oldenburg Geographie und Umweltpolitik studiert und anschließend im Informationszentrum im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer gearbeitet. Seit April 2003 ist sie beim WWF als Referentin für Tourismus tätig. In ihrer täglichen Arbeit versucht sie, die unterschiedlichen Belange von Naturschutz, Tourismus und sozialen Aspekten unter einen Hut zu bringen.

WWF: Warum ist Tourismus wichtig für den Naturschutz?

Weerts: Gerade artenreiche und landschaftlich schöne Regionen sind sehr häufig auch Publikumsmagnete. Tourismus kann dabei durchaus ein sehr positives Instrument für den Naturschutz sein - vorausgesetzt, er ist umweltverträglich. Deshalb ist Tourismus auch schon seit Jahren ein Schwerpunkt des WWF Deutschland, besonders in den Nationalparken an Nord- und Ostsee.

WWF: Worin liegt dabei der Schwerpunkt der WWF-Arbeit?

Weerts: Auf einer guten Zusammenarbeit mit der Tourismusindustrie. Seit 2004 gibt es eine Partnerschaft mit einem internationalen Netzwerk von Reiseveranstaltern. Diese Unternehmen haben sich verpflichtet, bei ihren Angeboten eine Reihe von Richtlinien für einen naturverträglichen Tourismus zu erfüllen.

WWF: Ein Urlaub ist ja immer zu kurz. Weshalb sollte man sich gerade für die schönsten Wochen im Jahr so viele Umweltgedanken machen?

Weerts: Umweltbewusst zu reisen heißt ja nicht, dass man auf interessante Erfahrungen, Spaß und Erholung verzichten muss. Aber durch das eigene Reiseverhalten bestimmt der Einzelne mit, welches Ausmaß Umweltbelastungen wie z.B. Verkehrsemissionen, Abfallaufkommen durch Tourismus tatsächlich annehmen.

WWF: Ist umweltbewusst zu reisen kompliziert? Was sind die wichtigsten Kriterien, die man beachten muss?

Weerts: Nein, bewusst zu reisen ist nicht kompliziert. Man sollte mit einer guten Planung beginnen und Angebote von Reiseveranstalter nutzen, die naturverträgliche Reisen organisieren. Im Urlaubsland selber ist es wichtig, Aktivitäten umweltfreundlich zu gestalten und möglichst bei lokalen Anbietern zu buchen.

Ein weiterer Aspekt ist die Mobilität vor Ort: Muss man sich unbedingt mit Flugzeug oder Leihwagen durchs Land bewegen oder kommt man mit Fahrrad, Überlandbus oder Zug genauso gut voran? Bewusst reisen bedeutet auch, dass man die Vorzüge und die Vielfalt der regionalen Produkte nutzt - sei es zur Verpflegung oder beim Kauf von Reiseandenken. Gut als Souvenir eignen sich landestypische regionale Produkte aus Handwerk und Landwirtschaft. So bringt man nicht nur ein schönes Andenken mit nach Hause, sondern unterstützt gleichzeitig die lokale Bevölkerung. Ungeeignet ist hingegen so genanntes "Last Minute Shopping" von Souvenirs am Flughafen.

Tabu sind natürlich einheimische Tier- und Pflanzenarten. Man sollte diese nicht im Reiseland kaufen und schon gar nicht selber fangen oder sammeln und mitnehmen.

WWF: Sind "All inclusive"-Reisen eine Alternative, wenn man umwelt- und sozialverträglich reisen will?

Weerts: "All inclusive"-Reisen können besser sein, als ihr Ruf erwarten lässt. Oft ist die Umweltbilanz von Hotelanlagen nicht so verheerend wie beispielsweise die einer Siedlung mit vielen Ferienhäusern. Hier ist der Flächen- und Ressourcenverbrauch viel größer. Unter ökonomischen und sozialen Aspekten sind "All inclusive"-Reisen dann zweifelhaft, wenn die lokale Bevölkerung nicht profitiert da weder Arbeitspläze geschaffen noch die lokale Wirtschaft unterstützt wird. Empfehlenswert für Urlauber ist es sich nicht nur in der Hotelanlage aufzuhalten sondern auch die Angebote der lokalen Bevölkerung, wie Restaurants und Läden, zu nutzen.

WWF: Der Flugverkehr entwickelt sich mit den erwarteten Zuwachsraten zum Klimakiller Nummer 1 bei den Verkehrmitteln. Kann man Fernreisen in Anbetracht dieser Tatsache überhaupt noch empfehlen?

Weerts: Generell ist weniger zu fliegen natürlich besser. Wenn man dennoch eine Fernreise machen will, ist es wichtig, dass die Entfernung und die Urlaubslänge in einem vernünftigen Verhältnis stehen. Man sollte also möglichst nicht für nur eine Woche nach Australien jetten. Es gibt Reiseanbieter, die speziell auf dieses Verhältnis achten und die Reisen dementsprechend zusammenstellen. Kampagnen wie atmosfair bieten Verbrauchern die Möglichkeit, die Klimaauswirkungen ihres Fluges durch einen entfernungsabhängigen Preisaufschlag auszugleichen, der in Klimaschutzprojekte fließt und die Klimawirkung der Flugreise kompensieren soll..

WWF: Gibt es spezielle Anbieter für umweltfreundliche Unterkünfte und Reisen?

Weerts: Ja, es gibt bereits einige Anbieter für umweltfreundliche Reisen. So zum Beispiel den 1998 gegründeten Verband "forumandersreisen e.V.". Hier haben sich kleine und mittelständische Reiseveranstalter zusammengeschlossen, die bei ihren Produkten mehr Wert auf die Belange der Umwelt und der Menschen in den bereisten Ländern legen und Reisen in alle Welt mit einem Qualitätsanspruch anbieten, der sich stark an der Natur orientiert. Die Mitglieder des "forumandersreisen e.V." streben eine Tourismusform an, die langfristig ökologisch tragbar, wirtschaftlich machbar sowie ethisch und sozial gerecht für ortsansässige Gemeinschaften sein soll.

Für Reisen in Deutschland gibt es die Dachmarke Viabono, unter der sich Reiseveranstalter mit umweltorientierten Tourismusangeboten zusammengeschlossen haben. Viabono hat zusammen mit seinen Partnern anspruchsvolle Kriterien entwickelt, die auf den Erfahrungen der Umwelt- und Verbraucherverbände aufbauen.

WWF: Wie hilft der neue Ratgeber des WWF zusammen mit Verbraucherschutzverbänden bei der Planung des Urlaubs?

Weerts: Der "Einkaufsführer Bewusst Reisen" ist kein Katalog mit Angeboten, sondern soll dabei helfen, umwelt- und sozialverträgliche Reiseangebote zu erkennen und zu buchen. Mittlerweile gibt es sehr viele Labels, die sich naturverträgliches Reisen auf die Fahnen schreiben. Welche wirklich seriös sind, zeigt der Einkaufsführer. Hier erfährt der Leser aber auch, was er bei der Urlaubsplanung beachten sollte, angefangen bei der Wahl des Urlaubsziels über die Reisevorbereitung, die Wahl von Unterkunft und Verpflegung, die Art der An- und Abreise bis hin zur Mobilität vor Ort und der Planung möglicher Aktivitäten im Reiseland.

Um sich schnell einen Eindruck über die ökologische, wirtschaftliche und soziale Qualität von Reiseangeboten zu verschaffen, wurde für den Einkaufsführer zusätzlich der so genannte Reisekompass entwickelt: Ein Werkzeug, mit dem man durch Beantworten einiger Fragen die Auswirkungen seiner Reise besser einzuschätzen kann.

WWF: Hast Du eine ganz besondere Reiseempfehlung?

Weerts: Meine besondere Empfehlung ist ein Urlaub auf der ostfriesischen Insel Jüst-am besten im Herbst oder Winter. Hier kann man bei Wind und Wetter wunderschöne lange Spaziergänge am endlosen und einsamen Strand machen und die Naturgewalten auf sich wirken lassen. Wenn man dann ordentlich durchgepustet worden ist, kann man sich in einer gemütlichen Teestube aufwärmen. Ich fahre fast jedes Jahr einmal nach Jüst, weil ich dort den Alltagsstress hinter mir lassen kann und wirklich Erholung finde.


Die Fragen stellte Julia Lönneker