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Wer weniger wegschmeißt, muss weniger anbauen

16. Mai 2011

Zur Ernährungskonferenz in Düsseldorf: Konzepte gegen Hunger basieren auf fragwürdigen FAO-Annahmen

 

Berlin - Die zur Bekämpfung der Hungerkrise von der Welternährungsorganisation FAO geforderte Steigerung der Lebensmittelproduktion um 70 Prozent bis 2050 basiert auf unvollständigen Annahmen. Zu diesem Schluss kommt eine gemeinsame Studie des WWF Deutschland und der Heinrich-Böll-Stiftung. Demnach hat die FAO maßgebliche Faktoren wie den Klimawandel unbeachtet gelassen. Die von der FAO geforderte siebzig-prozentige Steigerung der Agrarproduktion verliert damit laut Studie weitgehend ihre politische Aussagekraft. Die FAO hatte auf Grundlage ihrer Berechnungen bislang stets eine weltweite Intensivierung der Landwirtschaft gefordert. Die Studie wurde von der Universität Hohenheim durchgeführt  und wird heute anlässlich der zweitägigen FAO-Konferenz in Düsseldorf veröffentlicht.  

 

Die Studie ist die erste, die die FAO-Prognosen aus dem Jahre 2009 hinterfragt und analysiert. „Es war höchste Zeit, dass die FAO-Angaben unter die Lupe genommen werden. Sie sind der Grund, weshalb bislang alle über die Intensivierung der Landwirtschaft geredet haben, aber kaum einer über Verteilungs- und Effizienzfragen“, sagt Matthias Meissner, Agrarreferent beim WWF Deutschland. Die Produktionssteigerung sei nur ein kleiner Teil der Lösung. Wesentlich dringlicher sei es, dass Nahrungsmittel und knappe Produktionsmittel wie Wasser und Böden gerechter und effizienter genutzt würden.  

 

„Dank der Studie wissen wir, dass die FAO wichtige Faktoren wie die Reduzierung von Nachernteverlusten in ihrer Projektion unterbewertet gelassen hat. Außerdem hat sie beispielsweise den weltweiten Einkommenszuwachs extrem hoch angesetzt“, so Christine Chemnitz, Referentin für internationale Agrarpolitik der Heinrich-Böll-Stiftung.  

 

WWF und Heinrich-Böll-Stiftung bemängeln vor allem, dass die FAO die Möglichkeiten, die Nachernteverluste zu reduzieren, zu wenig beachtet hat. Damit werden alle Lebensmittel und ihre Rohstoffe bezeichnet, die auf dem Weg zwischen Ernte und Verbraucher weggeworfen werden. „Die FAO vernachlässigt, dass ein Drittel aller Lebensmittel vom Acker direkt in den Abfall wandern“, so WWF-Experte Meissner. Meissner fordert eine „Effizienzrevolution in der gesamten Lebensmittelkette.“  

 

Laut WWF und Heinrich-Böll-Stiftung wäre schon bei einer Halbierung der Nachernteverluste nur noch eine Produktivitätssteigerung von 48 Prozent statt der von der FAO geforderten 70 Prozent nötig. Dazu müssten in Entwicklungs- und Schwellenländern die Transport- und Lagerungsbedingungen verbessert und in den Industrieländern die Wegwerfmentalität im Einzelhandel sowie bei den Verbrauchern gestoppt werden. Um dies umzusetzen, seien Visionen gefordert. Deshalb müssten weitaus mehr als die bisherigen fünf Prozent aller Agrarforschungsmittel in die Reduzierung von Nachernteverlusten gesteckt werden.   

 

„Die FAO-Angaben haben bisher eine einseitige Intensivierungsdebatte für die weltweite Landwirtschaft beflügelt“, sagt Christine Chemnitz. „Dabei müssen wir jetzt darüber nachdenken, welche politischen Instrumente die richtigen Weichen stellen, um weltweit eine nachhaltige und gerechte Landwirtschaft zu erreichen.“ Die Verringerung des Fleischkonsums von Industrieländern sei ein weiterer wichtiger Baustein zur Stabilisierung der Welternährung. Außerdem sei es wichtig, dass die Industrieländer mit einer Verringerung des Fleischkonsums zur Stabilisierung der Welternährung beitrügen. Bereits ein Drittel weniger Fleischkonsum in OECD-Ländern würde gut 30 Millionen Hektar Ackerfläche, also praktisch die Fläche Deutschlands, für den Anbau frei machen.

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