Reginaldo Oliveira ist Park-Ranger in einem Schutzgebiet am Fluss Ivanhema in Brasilien. Das Arbeiten in Abgeschiedenheit ist er gewohnt. Umso wichtiger ist für ihn jeder einzelne Urlaubstag, den er nach Wochen der Isolation wieder mit seiner Familie verbringen kann. Doch seinen Urlaub muss der Wildhüter in diesem Frühjahr an seinem Arbeitsplatz verbringen.

Durch die Corona-Krise gibt es auch in Brasilien massive Reisebeschränkungen, Flugzeuge und Busse fahren kaum noch. Außerdem möchte Oliveira seine Familie nicht gefährden.

"Ich mache mir Sorgen und vermisse meine Familie sehr. Sowohl meine Frau als auch meine Mutter leben weit weg vom Schutzgebiet. Seit Beginn der Pandemie bin ich hier und habe sie nicht mehr gesehen. Es ist schwer für mich, dass ich von hier aus nichts für sie tun kann."

In den Worten von Reginaldo Oliveira, der Naturschutz als "mein Lebensziel" bezeichnet, spiegelt sich die menschliche Seite des Dramas, das die Corona-Krise für die meisten seiner Kolleginnen und Kollegen mit sich bringt. Doch Einsamkeit und Sorge um die Familien sind nicht die einzigen Herausforderungen, mit denen die Ranger jetzt zu kämpfen haben.

Mehr als ein Beruf

Ranger im Bwabwata Nationalpark © NACSO / WWF Namibia
Ranger im Bwabwata Nationalpark © NACSO / WWF Namibia

Ranger auf der ganzen Welt stehen beim Einsatz für den Naturschutz in der Regel in der ersten Reihe. Mehr Berufung als Beruf arbeiten sie im Durchschnitt 72 Stunden in der Woche in abgelegen Gebieten. Sie suchen Fallen, montieren Wildtierkameras und schützen Wildtiere vor Wilderei. Allein ihre Präsenz in einem Gebiet kann Wilderer abschrecken und hilft, das Überleben vieler selten gewordener Wildtierarten zu retten. Dabei nehmen Ranger viele Gefahren in Kauf. Konflikte mit Wilderern können eine Bedrohung sein, aber auch Krankheiten wie Dengue-Fieber oder Malaria können in der Abgeschiedenheit der Nationalparks und Schutzgebiete, wo medizinische Hilfe oft kilometerweit entfernt ist, zu einer tödlichen Bedrohung werden.

Ranger verteilen Lebensmittelrationen und Schutzausrüstung

Während viele Ranger jetzt um ihr Einkommen fürchten müssen, hat sich ihr Arbeitspensum trotz Lockdown nicht verringert. Im Gegenteil: "Ich verbringe den ganzen Tag damit, mich um die Logistik zu kümmern, zu versuchen, Lebensmittel, Schutzausrüstung und Treibstoff für die anderen Wildhüter und die entlegenen Gemeinden zu beschaffen, anstatt meinen üblichen Ranger-Tätigkeiten nachgehen zu können", schildert zum Beispiel Wildhüterin Carola Vaca aus Bolivien ihre aktuelle Situation im Biosphärenreservat Beni Ecological Station.

Zugleich müssen viele Ranger um ihr Einkommen fürchten. In einigen Fällen wurde das staatliche Budget für Schutzgebiete derzeit um bis zu 30 Prozent gekürzt, denn viele Reservate sind von Einnahmen aus dem Tourismus abhängig, der in der jetzigen Situation nicht mehr stattfinden kann.

Goldene Zeiten für illegale Abholzung und Wilderei?

Abholzung in Sumatra © Fletcher & Baylis / WWF-Indonesien
Abholzung in Sumatra © Fletcher & Baylis / WWF-Indonesien

Trotzdem versuchen die meisten, so gut es geht weiterzuarbeiten. Denn die Reservate und ihre Tierwelt brauchen auch weiterhin ihren Schutz. Jetzt vielleicht sogar mehr denn je, denn mit den Ausgangssperren fallen für viele Menschen auch Einkommensmöglichkeiten weg, was das Risiko von illegalen Aktivitäten, wie Wilderei, erhöht. Die Berichte mehrerer Ranger aus Schutzgebieten auf der ganzen Welt deuten leider auf diese Entwicklung hin.

"Die illegalen Holzfäller wissen, dass derzeit nur sehr wenige Patrouillen unterwegs sind, da die Ranger mit anderen Aufgaben wie der logistischen Unterstützung der Gemeinden beschäftigt sind. Also nutzen sie diese Schwäche aus, so dass wir einen Anstieg der Entwaldung festgestellt haben", erzählt Carola Vaca.

Wildhüter Idrees aus Pakistan findet noch deutlichere Worte: "Die Wilderer betrachten diese Zeit als eine goldene Gelegenheit, Wildtiere illegal zu jagen, da sie glauben, dass die Wachsamkeit in dieser Zeit nachgelassen hat." Auch die Wildhüterin Prem Kanwar aus dem Baisorgarh Schutzgebiet in Indien bestätigt, dass die Wilderei von Süßwasserschildkröten, illegale Fischerei und die Häufigkeit von Waldbränden zugenommen haben.

Das wirkliche Problem heißt: Umweltzerstörung

Doch globale Trends werden sich aus diesen Beobachtungen erst langfristig generieren lassen. Möglich ist auch, dass der Druck auf die Wildtiere durch illegale Jagd mittelfristig nachlässt, da Wildtiermärkte und Buschfleisch durch Covid-19 zunehmend in Verruf geraten sind. Der WWF fordert schon lange eine Schließung sogenannter Hochrisiko-Wildtiermärkte, also solcher Märkte, die ein erhöhtes Risiko für die Entstehung von Pandemien durch Zoonosen (auf den Menschen übertragbare Krankheitserreger) tragen. Das würde die Gefahr reduzieren, dass Viren wie zuletzt das Corona-Virus von Wildtieren auf Menschen überspringen.

Der indische Ranger Atul Deokar appelliert daher an die Verantwortlichen: "Das Coronavirus ist ein dramatischer Vorfall, aber das wirkliche Problem ist die Ausbreitung von Zoonosen durch Wilderei und Umweltzerstörung. Wenn die Länder ihren gemeinsamen Kampf gegen das Coronavirus ernst nehmen, sollten sie auch alles dafür tun, die Umwelt zu retten und das künftige Auftreten solcher Krankheiten zu bekämpfen. Jetzt ist die richtige Zeit dafür!"

Wer den Menschen hilft, hilft der Natur

Ranger Narendra Kumar im Ranthambore Nationalpark in Indien © Ola Jennersten / WWF-Sweden
Ranger Narendra Kumar im Ranthambore Nationalpark in Indien © Ola Jennersten / WWF-Sweden

Nicht immer ist es jedoch Profitgier, die die Wilderer und Holzfäller antreibt. Oft ist es auch die pure Not von Menschen, die als Tagelöhner:innen nun kein Einkommen mehr haben. Illegaler Holzeinschlag wird verständlich, wenn Märkte geschlossen und sonst kein Brennholz mehr aufzutreiben ist. Hier ist es wichtig, zu differenzieren und nicht nur Täter:innen zu sehen, sondern vor allem Menschen in großer Not.

Das Verständnis, das zuerst den Menschen geholfen werden muss, ist auch unter den Rangern stark verbreitet. Viele helfen jetzt den isolierten Gemeinden bei der Versorgung mit Lebensmitteln, Hilfsgütern und Treibstoff oder organisieren Schutzausrüstung.

In der indischen Provinz Rajasthan sind die Ranger sogar noch einen Schritt weitergegangen: Sie verzichten in den nächsten drei Monaten einmal pro Woche auf einen Tageslohn und spenden das Geld an einen Covid-19 Hilfsfonds! Aber auch mit kleinen Gesten helfen Wildhüter:innen auf der ganzen Welt vielen Menschen, nicht den Mut zu verlieren und mit der Natur in Verbindung zu bleiben.

Mit Naturfotos gegen Einsamkeit und Isolation

Der brasilianische Ranger Reginaldo Oliveira, der seine Familie jetzt selber so sehr vermisst, ist viel in sozialen Medien aktiv und hat dabei ein erstaunliches Phänomen festgestellt: Viele Menschen finden offenbar Trost in seinen Naturfotos und Bildern von Wildtieren aus dem von ihm betreuten Schutzgebiet.

"Mir ist aufgefallen, dass seit Ausbruch der Pandemie immer mehr Menschen meinen Bildern zu folgen scheinen. Und viele hinterlassen Nachrichten, in denen sie sagen, dass sie den Kontakt mit der Natur vermissen. Manche danken mir auch dafür, dass ich ihnen in dieser Zeit, in der sie zu Hause eingesperrt sind, Bilder von Wildtieren zeige. Die Natur scheint beruhigend auf sie zu wirken."

Was können wir jetzt tun?

Auch wenn der Handlungsspielraum für Naturschutzorganisationen und Ranger durch die vielen Einschränkungen im Zusammenhang mit der Coronakrise begrenzt sind, gibt es Dinge, die jetzt notwendig und möglich sind:

  • Daten sammeln, um zu verstehen, was jetzt passiert
    Wir müssen verstehen, wie die derzeitige Situation die Naturschutzarbeit beeinflusst und wo zusätzliche Risiken oder Belastungen entstehen. Wie wirkt sich die Coronakrise auf Wilderei aus? Nimmt sie durch die wirtschaftliche Not zu? Oder lassen sich Abschreckungseffekte durch die geringere Akzeptanz von Wildtiermärkten und den Verzehr von Buschfleisch erkennen? Ranger können hier wichtige Daten und wertvolle Erkenntnisse liefern.
  • Gehälter weiter zahlen
    Wo immer möglich muss Rangern weiter ihr Gehalt gezahlt werden, damit sie ihre unverzichtbare Arbeit in den Schutzgebieten fortsetzen können und ihre Familien abgesichert bleiben. Auch der WWF sieht sich hier in der Verantwortung für die von ihm finanziell unterstützten Ranger und will mit der Einrichtung des Corona-Nothilfefonds auch Einkommensausfälle kompensieren.
  • Infektionen verhindern, Schutzausrüstung bereitstellen
    Für die angestellten und freiwilligen Naturschützer:innen, sowie in lokalen Gemeinden, muss eine Ausbreitung verhindert und, wo nötig, zum Beispiel Schutzausrüstung zur Verfügung gestellt werden. Da sie häufig in Gebieten weit abgelegen von Krankenhäusern oder anderer medizinischer Versorgung arbeiten, kann eine Infektion mit Covid-19 fatale Folgen haben.

Der Schutz der Ranger in dieser akuten Krise muss aber auch einhergehen mit umweltpolitischen Maßnahmen wie der Schließung von Hochrisiko-Wildtiermärkten und einem Stopp der Entwaldung. Nur so können wir die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Pandemie verringern und zugleich Tierarten auf der ganzen Welt schützen. Oder mit den Worten von Reginaldo Oliveira: "Wann immer wir gegen die Natur handeln, handeln wir gegen uns selbst."

So können Sie helfen

  • Lokale Bevölkerung Chiang Mai © James W. Thorsell / WWF Corona-Krise in Thailand: Lebensmittel für die Ärmsten

    Um Ökobauern und der von Armut betroffenen Bevölkerung zu helfen, haben Hilfsorganisationen gemeinsam eine Initiative gestartet. Weiterlesen ...