Ein Schritt in die richtige Richtung: Der Europäische Gerichtshof bestätigt nach acht Jahren Rechtsstreit das partielle Verbot von bestimmten Insektiziden.

Drei Neonicotinoide (Imidacloprid von Bayer CropScience, Clothianidin von Takeda Chemical/Bayer CropScience und Thiamethoxam von Syngenta) sind 2013 von der Europäischen Kommission mit einem Moratorium belegt worden, nachdem in wissenschaftlichen Studien die Schädlichkeit für Bienen nachgewiesen werden konnte. Der Konzern BASF, zudem Bayer CropScience gehört, legte sofortigen Widerspruch ein und löste damit einen Rechtsstreit aus, der am 6. Mai 2021 ein Ende fand. Das Urteil bestätigt, dass die Verwendung der drei hochgiftigen Neonicotiniode weiterhin eingeschränkt bleibt. Bienen- und Insektenschutz hat Vorrang vor wirtschaftlichen Interessen.

Ein Signal zum Umdenken?

Bauer im Weizenfeld © BigDuckSix / iStock / GettyImages Plus
Bauer im Weizenfeld © BigDuckSix / iStock / GettyImages Plus

Chemische Pflanzenschutzmittel sind für die Landwirtschaft attraktiv: sie lassen sich flexibel einsetzen und wirken in der Regel schnell.  Doch der Schaden, den die Mittel an Natur und Umwelt anrichten, ist ein hoher Preis dafür. Weil es zahlreiche Alternativen gibt, sollte der Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel die letzte Wahl sein und nicht der Standard. Ein großflächiger, präventiver Einsatz, wie er zurzeit in vielen landwirtschaftlichen Betrieben die Praxis ist, ist weder ökonomisch noch ökologisch sinnvoll.

Beispiele für solche Alternativen sind eine abwechslungsreiche Fruchtfolge, die die Entwicklungszyklen von Schädlingen unterbricht oder der gezielte Einsatz von Nützlingen, die Schädlinge auf natürliche Weise bekämpfen. Eine flächendeckende Umstellung auf solch integrierten Pflanzenschutz braucht jedoch Zeit, Know-how und eine klare politische Linie, die den Landwirten in der Übergangszeit Unterstützung gewährt und eventuelle wirtschaftliche Verluste auffängt.

Zeit für die Politik, den Wandel zu gestalten

Leider fehlt genau diese klare politische Linie, um einen Strukturwandel in der Land- und Forstwirtschaft nach vorne zu bringen. Zu stark ist der Einfluss der Agrarlobby, zu gering der politische Wille und zu schwach sind die Signale von Wähler:innen und Konsument:innen.

Die Forschung sollte angeregt werden, neue Methoden zum biologischen oder mechanischen Pflanzenschutz zu entwickeln, statt immer wirkungsvollere, chemische Pflanzenschutzmittel herzustellen. Ein großer Hebel für die Umsetzung alternativer Methoden zum Schutz der Nutzpflanzen ist die Beratung der Landwirt:innen.

Wirkung von Pestiziden auf den Menschen

Kind pflanz mit Hilfe eine Pflanze in den Boden © Shutterstock / A3pfamily WWF
Kind pflanz mit Hilfe eine Pflanze in den Boden © Shutterstock / A3pfamily WWF

Noch weiß man wenig darüber, wie sich Pestizide auf den menschlichen Organismus auswirken, jedoch gibt es genügend Hinweise darauf, dass etliche dieser Stoffe krebserregend sind oder in Verdacht stehen, krebserregend zu sein. Besonders die Neonicotinoide stehen im Verdacht, auch andere Schäden im menschlichen Körper zu verursachen, wie die „Task Force on Systemic Pesticides“*, die mehr als 800 Studien aus aller Welt ausgewertet hat, schreibt. Aber auch wie verschiedene Pestizide im Zusammenspiel auf den menschlichen Organismus und auch auf die Umwelt wirken, ist noch nicht ausreichend erforscht. Hier besteht dringender Forschungsbedarf.

Ein globaler Ausstieg ist nötig

Langfristig brauchen wir einen globalen Ausstieg aus der Nutzung der systemischen Pestizide. Denn wie eine aktuelle Studie zeigt, findet man sogar Rückstände von nicht in Europa zugelassenen Pestiziden in deutschen Naturschutzgebieten. Dies kann nur zwei Ursachen haben: entweder werden diese Mittel illegal ausgebracht, was unwahrscheinlich ist, oder diese flüchtigen Stoffe verbreiten sich transkontinental über Luftströme. Auch fernab der landwirtschaftlichen Nutzung finden sich Pestizid-Rückstände, die sich in Boden, Gewässern, Pflanzen, Tieren und letzten Endes auch im Menschen anreichern können.

Zu groß sind die Gefahren des derzeitigen Systems für die Biodiversität und unsere Gesundheit, um einfach wie bisher weiterzumachen.

Höchste Zeit für Veränderung

Forderungen an die Politik

Deshalb fordert der WWF zur kommenden Bundestagswahl von der neuen Bundesregierung:

  • Eine drastische Reduzierung von Pflanzenschutzmitteln und einen forcierten Ausbau des Ökolandbaus.
  • Systemische Pestizide sollten nur noch mittels Notfallzulassung in einem streng reglementierten Rahmen zugelassen werden.
  • Prüfung, inwiefern auf europäischer und internationaler Ebene Alternativen zur Anwendung chemischer Pflanzenschutzmittel beworben und in der Praxis etabliert werden können.
  • Zugleich sollte geprüft werden, inwieweit beim Import von Produkten jene bevorzugt werden können, bei bei deren Herstellung keine chemischen Pflanzenschutzmittel verwendet wurden.

Der aktive Verzicht auf systemische Pflanzenschutzmittel muss sich auch ökonomisch lohnen – in Deutschland, Europa und der Welt. Nur so kann es uns gelingen, den Einsatz chemischer Pestizide zu verringern und so die Schäden und Risiken für Tiere, Mensch und die Umwelt zu minimieren.

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