Tatyana Minenko nimmt ihr Fernglas, streift sich die hohen Stiefel über, packt Leuchtspurmunition in ihren Rucksack und greift zu ihrem traditionellen Speer. Denn bald kommen die Walrosse. Und mit ihnen die Eisbären.

Tatyana Minenko auf Patrouille © Maksim Deminov / WWF Russia
Tatyana Minenko auf Patrouille © Maksim Deminov / WWF Russia

Das immer schneller schmelzende Packeis treibt die Walrosse im Herbst zu Zehntausenden an sogenannte Haulout-Plätze an der Küste von Ryrkaipij. Auf der Suche nach leichter Beute folgen ihnen die Eisbären – und kommen dem Ort immer näher. Denn das Meereis, von dem aus sie eigentlich nach Robben jagen, ist viel zu früh geschmolzen.

Hier, im Autonomen Kreis der Tschuktschen in Ostsibirien, sind die Folgen der Klimakrise längst bedrohlicher Alltag. Auch Tatyana Minenko kann die Eisschmelze nicht aufhalten, die den Lebensraum von Eisbär und Walross mehr und mehr verkleinert. Doch sie kann Leben retten. Von Tier und Mensch.

Die Arktis: Unterm Brennglas der Klimakrise

Schauen wir auf die Arktis, dann schauen wir wie durch ein Brennglas zugleich in die Zukunft der globalen Erderhitzung. Nirgendwo erwärmt sich die Erde schneller als hier. Nirgendwo sind die Folgen der Klimakrise in dieser Geschwindigkeit und Dramatik so sicht- und spürbar. Bereits jetzt liegt die jährliche Durchschnittstemperatur in den arktischen Regionen fünf Grad höher als zu vorindustriellen Zeiten. Das Meereis zieht sich in jedem Jahrzehnt um rund 10 Prozent zurück.

Der Lebensraum für Eisbären und Walrosse wird enger, und der Kampf um die besten Nahrungsgründe verschärft sich. An den Haulout-Plätzen an der Küste von Ryrkaipij drängen sich die Walrosse inzwischen so stark, dass schon geringe Störungen durch Menschen fatale Folgen haben können: Bei dem Versuch, schnellstmöglich das sichere Wasser zu erreichen, erdrücken die Tiere sich in einer Massenpanik gegenseitig. Von den am Ufer zurückbleibenden verletzten oder erdrückten Walrossen werden wiederum Eisbären angezogen.

Eisbären suchen Futter gefährlich nah an der Siedlung der Tschuktschen © Maxim Dyominov / WWF Russia
Eisbären suchen Futter gefährlich nah an der Siedlung der Tschuktschen © Maxim Dyominov / WWF Russia

Dafür nehmen die sonst eher einzelgängerisch lebenden Könige der Arktis sogar die Gesellschaft ihrer Artgenossen und zunehmend auch die Nähe zu Menschen in Kauf. Ohne Eis, von dem aus sie Robben jagen könnten, suchen sie sogar auf Müllkippen nach Essbarem.

Im Dezember 2019 streiften 56 Eisbären auf der Suche nach Nahrung in unmittelbarer Nähe von Ryrkaipij herum. Schulen und Kindergärten mussten bewacht und öffentliche Veranstaltungen abgesagt werden. Dass in solchen gefährlichen Situationen weder Menschen noch Eisbären verletzt oder gar getötet wurden, ist vor allem Menschen wie Tatyana Minenko zu verdanken.

„Man muss ständig aufpassen.“

Die Frau mit dem großen Fernglas und den gelben Handschuhen, deren Vorfahren in Ryrkaipij als indigene Tschuktschen von Fischfang und Rentierzucht lebten, leitet eine vom WWF unterstützte Eisbärenpatrouille und setzt sich dabei furchtlos und entschlossen für den Schutz der arktischen Wildtiere ein.

Fast jeden Tag läuft sie im Herbst die Küste ab. Gemeinsam mit ihrem Team beobachtet sie Walrosse, zählt und dokumentiert jeden Eisbären, meldet den Behörden Fälle von Wilderei, sorgt für die Entfernung von Walrosskadavern und warnt bei Gefahr die Bevölkerung

Doch der Rückzug des Packeises verschärft die Situation mehr und mehr. Inzwischen müssen Minenko und ihre Kolleg:innen bis weit in den Winter hinein Patrouille laufen.

„Die Walrosse und Eisbären sammeln sich hier, weil ihr Lebensraum sich verkleinert, weil hier nur noch katastrophal wenig Eis ist. Wir sehen, wie der Meeresspiegel ansteigt und wie unsere Küste unter dem Wasser versinkt.“

Tatyana Minenko

Schulfach: Anti-Eisbär-Training

Siedlung Tschuktschen Ostsibirien © Anatoly Kochnev
Siedlung Tschuktschen Ostsibirien © Anatoly Kochnev

Die Schönheit und Bedeutung, aber auch die Gefahren der arktischen Wildnis vermittelt Tatyana Minenko, selbst mehrfache Mutter und Großmutter, auch an die Kinder und Jugendlichen ihres Heimatdorfes weiter. Deshalb kann es passieren, dass aus dem Schulgebäude in Ryrkaipij plötzlich ein bedrohliches Brüllen zu hören ist: Eine Schulklasse beim Anti-Eisbär-Training! Jede:r Einwohner:in, auch jedes Kind in Ryrkapij wird in seinem Leben unvermeidlich Eisbären begegnen. Deshalb klärt Tatyana Minenko sie darüber auf, was bei einer Eisbärbegegnung zu tun ist: Ruhig bleiben, nicht wegrennen, sondern laut brüllen und sich dabei langsam zurückziehen. Und zur Sicherheit wird das Brüllen im Klassenraum noch gemeinsam geübt.

Ohnehin erhält Tatyana Minenko viel Unterstützung in Ryrkaipij. Die Bewohner:innen haben sogar eine Petition zum Schutz der Eisbären an die Regierung des Autonomen Kreises der Tschuktschen gerichtet, in der sie eine Schutzzone für Eisbären und Walrosse fordern. Tatyana Minenko freut sich über den Rückenwind, bleibt aber realistisch: „Dafür werden wir einen langen Atem brauchen. Unsere Kinder werden einmal unsere Arbeit fortsetzen müssen.“

15 Dorfgemeinschaften, sechs Klimastationen und Ranger:innen aus sieben Schutzgebieten beteiligen sich an den Eisbärpatrouillen in der Region. Erst kürzlich wurden Spuren verlassener Eisbärhöhlen in der Nähe des Ortes Billings entdeckt – nur 200 Kilometer westlich von Ryrkaipij.

Eisbär frisst beim Walross-Haulout in Tschuktschen © Anatoly Kochnev
Eisbär frisst beim Walross-Haulout in Tschuktschen © Anatoly Kochnev

Der WWF wird auch dieses Gebiet in Zukunft besonders überwachen, um Störungen fernzuhalten, DNA-Spuren aus Haaren und Dung der Bären zu sammeln und im besten Fall die Überlebensrate der Jungen zu dokumentieren.  Wenn die Schneehöhlen durch die immer früher im Jahr steigenden Temperaturen schmelzen, bevor die Jungen selbständig sind, drohen sie zu erfrieren.

Der WWF unterstützt die Patrouillen und setzt sich für ein Netz aus Schutzgebieten in der russischen Arktis ein, in denen besonders bedrohte Arten wie der Eisbär leben, von dem es weltweit nur noch etwa 22.000 bis 31.000 Tiere gibt.

Klima schützen. Leben retten. In der Arktis und weltweit.

Jedes Mal, wenn Tatyana Minenko wieder ihren Rucksack packt und ihren Speer in die Hand nimmt, denkt sie dabei auch an zukünftige Generationen und richtet einen dringenden Appell an uns: „Wir träumen alle davon, dass unsere Kinder und Enkel diese großartigen arktischen Tiere noch erleben können. Lassen Sie uns gemeinsam handeln! Die größte Herausforderung für unsere Patrouillen ist der hohe Bedarf an Ausrüstung, Material und Fahrzeugen, um das Gebiet besser kontrollieren zu können. Auf jeden Fall möchte ich unseren Unterstützer:innen in Deutschland jetzt schon ein herzliches Dankeschön sagen!“ 

Helfen Sie Tatyana und ihren Eisbärpatrouillen dabei, den Auswirkungen der Klimakrise entgegen zu wirken.