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Bambuskorb und Lotusblatt – Chancen für das grüne Paradies

Thinh Van Ngoc, Direktor des WWF Büros Vietnam, im Interview über mögliche Wege aus der gigantischen Müllkrise in Vietnam.

Vietnam ist auf Platz 4 unter den Top-5-Ländern, von denen der meiste Plastikmüll in die Ozeane gelangt. Woran liegt das?

Thinh Van Ngoc, Direktor WWF Vietnam ©Thomas Cristofoletti / WWF
Thinh Van Ngoc, Direktor WWF Vietnam ©Thomas Cristofoletti / WWF

Viel Müll entsteht durch täglichen Konsum – vor allem durch in Einwegplastik verpacktes Essen. Unsere Verpackungsindustrie floriert. Vietnams Wirtschaft ist rasant gewachsen und damit auch der Verbrauch von Plastikprodukten. Einwegverpackungen für Lebensmittel sind billig und bequem. Die Menschen wissen kaum, welche Umweltprobleme Plastik verursacht. Und die meisten Unternehmen versuchen gar nicht erst, Plastikverpackungen zu reduzieren.

Wie wird der anfallende Müll entsorgt?

Unsere Müllentsorgung funktioniert nur ansatzweise. Sie hält nicht mit dem schnellen Wirtschaftswachstum mit. Private Mülltrennung und flächendeckende Müllabfuhr gibt es meist nur in den Städten. In ländlichen Gebieten landet der Müll häufig in den Flüssen. Und die Politik tut wenig. Außerdem hat Vietnam eine lange Küstenlinie und mehr als eine Million Quadratkilometer Meereswasserfläche davor. Die Plastikabfälle kommen ja nicht nur vom Land, sondern auch Müll aus Fischerei, Boots-Tourismus und nicht zuletzt der Müll aus anderen Ländern wird hier angespült. Wir importieren also auch Plastikmüll. Das alles verschlimmert unser Problem.

Wie war es früher?

Vor 40, 50 Jahren war unser Leben arm, aber sehr grün. Wir hatten Rattansäcke, Bambuskörbe zum Einkaufen. Nasse, rohe Lebensmittel wurden in Bananen- oder Lotusblättern eingewickelt. Gekocht haben wir meistens zu Hause. Es gab kein Einwegplastik. Und kaum Plastikverpackungen. Heute ist Kunststoff überall. Statt aus Glas, Metall, Holz, Leder oder Stoff ist fast alles aus Plastik - vom Regenmantel bis zur Wasserleitung. Plastik hat eben viele Vorteile. Es ist haltbar, durchsichtig, schwer zu brechen, bunt, bequem und billig. Einwegplastik ist so normal für uns geworden. Es ist überall. Die Leute haben sich daran gewöhnt. Viele denken, ohne geht es nicht.

Wie wichtig ist die Kunststoffindustrie für Vietnam?

Sie ist erst in letzter Zeit wirklich gewachsen, das aber rasant. 1990 lag der Pro-Kopf-Verbrauch von Kunststoff bei 3,8 Kilogramm im Jahr. 2015 waren es schon 49 Kilogramm pro Jahr. Die Kunststoffindustrie war von 2010 bis 2015 einer der Sektoren mit der höchsten jährlichen Wachstumsrate von 16 bis 18 Prozent. Davor liegen nur die Telekommunikations- und die Bekleidungsbranche. Die Kunststoffindustrie gilt als dynamischer Sektor in der vietnamesischen Wirtschaft. Das Marktpotenzial ist groß. Vietnams Plastikindustrie ist im Vergleich zur restlichen Welt gerade erst am Anfang. Und sie umfasst alle Branchen von Kunststoffverpackungen über Baumaterialien bis zu Haushalts- und High-Tech-Produkten.

Wissen die Menschen, welche Rolle Vietnam bei der Plastikflut in den Ozeane spielt?

Das Thema ist jetzt stärker präsent. Viele Organisationen, Medien und das Umwelt-Ministerium sind aktiv geworden. In manchen Schulen gibt es Müll-Projekte. Schon die kleinste Aktion hilft Kindern zu sehen, dass sie für ihre Umwelt verantwortlich sind, sie brauchen nachhaltige Erziehung. Aber: Alles was bisher geschieht, reicht bei weitem nicht. Unser Müllproblem ist gigantisch. Umweltverschmutzung ist hier überall: Auf dem Land, in den Städten, in den Bergen und an der Küste. Im Wasser und in der Luft.

Umweltverschmutzung ist hier überall in Vietnam © Stefan Ziegler / WWF
Umweltverschmutzung ist hier überall in Vietnam © Stefan Ziegler / WWF

Was muss passieren, um die Müllflut zu stoppen?

Die Regierung muss ein effektives Plastikmüll-Management aufbauen. Und fördern, dass Plastik vermieden wird. Die Wirtschaft muss mitziehen, Plastikabfälle verringern und ihre Kunden über die Umweltschäden aufklären, die Plastik anrichtet. Jeder einzelne muss sensibilisiert werden: Die Menschen müssen überhaupt erstmal das Plastikmüllproblem für die Ozeane und ihre Lebewesen erkennen. Und vor allem in puncto Einweg-Verpackungen und Plastiktüten müssen diese drei Grundregeln beherzigt werden: Ablehnen, reduzieren und wiederverwerten. Auch International muss Plastikvermeidung viel stärker Thema werden. Wir brauchen neue Technologien, die Kunststoffverpackungen ersetzen. Unternehmen müssen mehr Verantwortung übernehmen für den Schaden, den ihre Plastikverpackungen anrichten.

Was konkret kann die vietnamesische Regierung tun?

Die Abfallwirtschaft ist armselig bei uns, das muss besser werden. Gutes Abfallmanagement braucht funktionierende Abfallverwertungs-Technologien, Verpackungsrichtlinien, Regeln für Einwegplastik und den Handel mit Plastikabfällen. Ich hoffe, dass Vietnam erfüllt, wozu wir uns verpflichtet haben, im Juni 2018 bei der 6. Vollversammlung der Global Environment Facility (GEF) – das ist eine internationale Umwelt-Konferenz mit Teilnehmern aus über 100 Ländern. Dort hat Vietnam angekündigt, dass es Vorreiter sein will, in puncto „grünes Wachstum“, also dem ökologischen Umbau der Wirtschaft. Und gegen die Plastikflut in den Ozeanen hat sich Vietnam zu einer Zero-Waste-Politik verpflichtet. Also: von Vietnam aus soll kein Plastikmüll mehr ins Meer gelangen.

 

Welche Rolle spielt der WWF im Kampf gegen die Plastikmüllflut in den Ozeanen?

Der WWF macht weltweit auf das Plastikmüll-Problem und seine dramatischen Gefahren für das Meeresökosystem und seine Lebewesen aufmerksam. Und er sorgt so dafür, dass die Menschen ihr Verhalten ändern, vor allem, dass sie auf Einwegplastik verzichten. Außerdem setzt sich der WWF auf verschiedenen Regierungsebenen für effektives Plastikmüll-Management ein. Und er startet Pilotprojekte für bessere Abfallwirtschaft, z.B. das Modellprojekt in Long An im Mekong-Delta. Dort soll der Müll in den privaten Haushalten in die verschiedenen Abfallfraktionen getrennt werden. Biomüll auf den Kompost, Plastikmüll und Wertstoffe wie Papier oder Metall werden eingesammelt und recycelt. So können wir aus der Abfallwirtschaft auch Einnahmen generieren - und unsere Erfahrungen und funktionierende Konzepte im Land weiterverbreiten.

Ozeanretter werden © WWF

Würde Vietnam ein internationales Abkommen zur Plastikmüllreduzierung in den Ozeanen unterstützen?

Ja, die Regierung wird jetzt aktiv. Beim G7-Gipfel in Kanada im Juni 2018 hat Vietnams Premierminister Nguyen Xuan Phuc vorgeschlagen, gemeinsame Wege der globalen Zusammenarbeit zu diskutieren, für saubere Ozeane ohne Plastikmüll. Und er hat internationale Organisationen und andere Länder gebeten, Vietnam dabei zu unterstützen. Es wurden erfolgreich drei Verbände gegründet, die sich um unser Müllproblem kümmern. Und es gibt Runder-Tisch-Gespräche dazu. Vietnam will seine Abfallwirtschaft auf ein internationales Level bringen, Plastikmüll reduzieren und weiter daran arbeiten, dass Einwegplastik verschwindet. Die Entscheidungsträger beginnen, das Problem zu erkennen, aber die Bevölkerung muss noch intensiv aufgeklärt werden und vor allem ihr Verhalten ändern.

Sie haben während Ihrer Promotion einige Jahre in Deutschland gelebt. Was kann Vietnam vom deutschen "Dualen System" zur Abfallwirtschaft lernen?

Meine Doktorarbeit habe ich in Biologie geschrieben, nicht in Abfallmanagement, aber ich habe im Alltag viel gelernt darüber, wie die Deutschen Verantwortung für ihr Leben übernehmen. Alle kümmern sich gleichermaßen um ihren täglichen Abfall. Es gibt klare Gesetze und Richtlinien. Und die Deutschen werden gut informiert und geschult, wie sie mit ihrem Müll umgehen sollten. So zeigen sie ihre Liebe für die Umwelt und für ihr Land. Ein Beispiel: Wer Waren produziert und damit handelt, muss die Verpackung entsorgen, er muss sie zurücknehmen. Wenn ich Mineralwasser kaufe, bringe ich die leeren Flaschen zurück in den Supermarkt und bekomme Pfandgeld dafür. Und in meinem Labor und zu Hause hatten wir getrennte Mülleimer für Wiederverwertbares, für organischen Abfall, sogar alte Kleidung und Schuhe kann man in Deutschland abgeben. Die kommunalen Behörden oder das Duale System sorgen dafür, dass Wiederverwertbares nicht in der Umwelt landet.

So können Sie helfen, die Plastikflut in Vietnam zu stoppen

Müllbehälter für Gemeinde in Vietnam © GettyImages

Mit 50 € tragen Sie beispielsweise zur Bereitstellung von Müllbehältern für Schulen und Gemeinden bei, damit der Müll korrekt gesammelt werden kann.

Müllkarren für Gemeinde in Vietnam © GettyImages

Mit 80 € können Sie zum Beispiel die Anschaffung von Müllkarren für die Gemeinden unterstützen, damit der Müll eingesammelt und abtransportiert werden kann.

Aufklärungsarbeit Vietnam © Thomas Cristofoletti / WWF US

Mit 150 € leisten Sie einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung der Bevölkerung in Vietnam, um Druck auf die Regierungen und Unternehmen zu erzeugen.

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