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Auf der Spur des Plastikmülls in Vietnam -Ein Reisebericht

Die WWF-Experten Stefan Ziegler und Bernhard Bauske waren auf den Inseln Cu Lao Cham und Con Dao unterwegs. Dies sind mögliche neue Projektregionen des WWF. Das Müllproblem dort ist gigantisch.

1. Station: Cu Lao Cham - Giftregen im Meeresschutzgebiet

Die Sonne neigt sich langsam zum Horizont und wir sitzen schweigend in dem kleinen Boot, das uns zurück auf die Hauptinsel bringt. Eine traumhafte Kulisse von einsamen Felseninseln und üppig-grünen Mangrovenküsten zieht an uns vorbei, während wir uns in schneller Fahrt unserem Ziel nähern. Kaum einer spricht ein Wort, alle sind immer noch fassungslos und traurig darüber, was wir heute in einem der letzten Tropenparadiese gesehen haben.
Unser Team aus Meeresbiologen, Naturschutzexperten und Abfall-Ingenieuren hatte sich auf den Weg gemacht, der Spur des Plastiks zu folgen und nach möglichen Lösungen für dieses riesige globale Umweltproblem zu suchen.

Unser Hauptinteresse gilt diesmal den Meeresschutzgebieten in Vietnam. Sie sind durch den anlandenden Plastikmüll zunehmend bedroht. Zunächst führt unsere Tour auf die Inselgruppe Cu Lao Cham, vor der Stadt Hoi An in Mittelvietnam gelegen. Ein großes Schild am Hafen, an dem die Boote zu den Inseln ablegen, stimmt uns hoffnungsvoll: „No plastic bags allowed“ (Keine Plastiktüten erlaubt). Auf der Insel selbst stehen kleine Papierkörbe in verschiedenen Farben für „organic waste“ (Bioabfall) und „residual waste“ (Restmüll). Offensichtlich ist Mülltrennung hier schon ein Thema. Zumindest in der Theorie. Was wir wenig später sehen, beweist das traurige Gegenteil.

Ozeanretter werden © WWF
Müllbehälter für Gemeinde in Vietnam © GettyImages

Mit 50 € tragen Sie beispielsweise zur Bereitstellung von Müllbehältern für Schulen und Gemeinden bei, damit der Müll korrekt gesammelt werden kann.

Müllkarren für Gemeinde in Vietnam © GettyImages

Mit 80 € können Sie zum Beispiel die Anschaffung von Müllkarren für die Gemeinden unterstützen, damit der Müll eingesammelt und abtransportiert werden kann.

Aufklärungsarbeit Vietnam © Thomas Cristofoletti / WWF US

Mit 150 € leisten Sie einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung der Bevölkerung in Vietnam, um Druck auf die Regierungen und Unternehmen zu erzeugen.

Schwelende Feuer auf wilden Deponien

Mit angemieteten Motorrädern geht es in die Berge - zu einer Deponie. In einem kamingroßen Ofen wird nach und nach Plastikmüll verbrannt. Und auch der Müll auf der Deponie kokelt vor sich hin. Unser Abfallexperte winkt uns zurück: „Das ist nicht gesund, hier in der Rauchfahne zu stehen.“ Die Verbrennungstemperatur ist wegen des hohen organischen Anteils im Müll zu niedrig. Deshalb entstehen hochgiftige Dioxine und Furane, die ständig ungefiltert auf das Schutzgebiet niederrieseln. Eigentlich war man auf Cu Lao Cham auf einem guten Weg: Im Jahr 2007 war hier ein

Müllprojekt angelaufen. Die getrennten Abfallfraktionen (Kompost, Plastik und Restmüll) wurden komplett auf das nahe gelegene Festland nach Hoi An verbracht. Dann gab es 2011 Fördermittel aus Dänemark zum Bau einer Deponie mit Verbrennungsanlage auf der Insel. Gut gemeint, um Aufwand und Kosten für den Mülltransport zum Festland zu senken. Doch die Mülltrennung auf der Insel wurde von Jahr zu Jahr wieder schlechter und der völlig durcheinander gemischte Müll wird nun auf die ungesicherte, wilde Deponie gebracht und dort verbrannt.

Außer Betrieb – Müllverwertungsanlagen können nicht arbeiten

Das gleiche erleben wir im großen Maßstab in der bekannten Touristenstadt Hoi An auf dem Festland, den Inseln gegenüber. Auch hier gab es Versuche, den organischen Müll getrennt zu sammeln. Eine Müllverwertungsanlage mit großem Verbrennungsofen wurde gebaut. Und eine Kompostierungsanlage. Als wir durch die Anlage gehen, wieder das traurige Bild: Die Maschinen stehen still, der Müll liegt ungeordnet herum. Müllsammler klauben die wenigen für sie wertvollen Bestandteile heraus. Aus diesem vermischten Müll wird etwas Organik herausgefischt, um daraus Kompost zu machen. Den will aber keiner haben - der vielen Verunreinigen, Müllbeimengungen und Schadstoffe wegen. Wir bekommen den Eindruck, dass es hier nicht um fehlende Technik geht. Vielmehr braucht es Fachleute, die sich stetig, intensiv und nachhaltig um Aufklärung, saubere Mülltrennung, intakte Anlagen und damit um die beständig hohe Qualität der Abfallwirtschaft kümmern. Uns kommen Verbraucherkampagnen aus Deutschland in den Sinn, keine Kunststoffe in den Biomüll zu geben. Auch bei uns gerät immer noch zu viel Plastik in die Kompostwerke.

Stillstehende Verbrennungsanlage © Bernhard Bauske / WWF
Stillstehende Verbrennungsanlage © Bernhard Bauske / WWF

2. Station: Con Dao - Tonnenweise Kunststoff-Müll aus aller Welt

Ein paar Tage später. Wir starten vom quirligen Ho-Chi-Minh-Stadt mit einer kleinen Turboprop-Maschine und machen uns auf dem Weg nach Con Dao. Eine kleine Inselgruppe im Süden, circa 100 Kilometer vom Festland entfernt, mitten im bedeutendsten Meeresschutzgebiet Vietnams.

Früher war Con Dao eine berüchtigte Gefängnisinsel. Der Massentourismus hat hier noch nicht Einzug gehalten. 300.000 Besucher im Jahr peilt die Regierung an, die meisten bleiben nur kurz. Palmen säumen den Strand mit einigen Luxus-Hotelanlagen.

Nistgebiet für die bedrohte Grüne Meeresschildkröte

Auf Con Dao gibt es mehrere streng geschützte Strände und Abschnitte, vor allem um dort die Eiablage der Grünen Meeresschildkröten zu sichern. Und um Seekühe, Seegraswiesen und Korallenriffe zu schützen. Engagierte Ranger der Nationalparkverwaltung begleiten uns auf der Fahrt in einem Schnellboot auf eine kleine Nachbarinsel. Ein schmaler, sauberer Strand begrüßt unsere Gruppe und wir fragen uns anfangs, wo denn nun das Plastikmüllproblem ist. Doch die Ranger führen uns in das Mangrovendickicht. Nach mühsamer Kletterei durch die Stelzwurzeln sind wir im Gezeitenbereich der Mangroven angekommen.

Hier bietet sich ein völlig anderes Bild. An der felsigen Küste türmt sich alles, was die Kunststoffindustrie zu bieten hat: Bunte Plastikflaschen, zerbrochene Styroporbehälter und alte Fischkisten. Etikettenaufschriften aus aller Herren Länder zeigen: Dieser Müll kommt nicht von den Inseln, sondern wird vom Ozean ausgespuckt. Wir fragen einen Ranger nach der schwarzen Färbung der Flaschen. „Das kommt vom Öl, das auch auf dem Meer treibt.“ Aus diesen Flaschen lassen sich keine Turnschuhe oder Trikots aus „Ocean Plastic“ mehr herstellen, dies ist schlicht Sondermüll.

Gefährdete Grüne Meeresschildkröte © istockphoto.com / WWF
Gefährdete Grüne Meeresschildkröte © istockphoto.com / WWF

Tag für Tag spült das Meer neuen Müll auf die Insel

Am nächsten Tag geht es wieder zu einer Deponie. An der Küstenstraße von Con Dao sammeln sich abends Touristen, um den idyllischen Sonnenuntergang im Meer zu bestaunen. Wir dagegen nehmen die andere Richtung und gehen einige Schritte landeinwärts. Große Müllberge bilden das bunte Kontrastprogramm zum malerischen, tatsächlich unberührten grünen Regenwald dahinter. Wieder sehen wir einen kleinen Verbrennungsofen, in den fleißig Plastikmüll geschaufelt wird. Unser Abfallexperte verwickelt eine dort arbeitende Müllsammlerin in ein Gespräch. Welchen Müll sammelt sie hier? Wie schafft sie ihn zum Verkauf aufs Festland? Was kostet der Transport? Das freundliche Mädchen gibt uns bereitwillig Auskunft - wie immer bewährt sich die direkte Recherche vor Ort. Nach der deprimierenden Erfahrung in den Mangroven hatten wir intensiv darüber diskutiert, wie noch mehr Plastikmüll eingesammelt, auf das Festland gebracht und dort umweltverträglich entsorgt werden kann. Laut Nationalparkverwaltung gelangen jedes Jahr

5.000 Kubikmeter Plastikmüll an die Küsten der Schutzgebiete in Con Dao. Nur 700 Kubikmeter davon werden durch Ranger und Freiwillige eingesammelt. Ab und zu zeigen schwarze Flecken am Ufer, dass die Ranger hier, mitten im Naturschutzgebiet, regelmäßig den aufgesammelten Plastikmüll verbrennen. Der Transport des Mülls auf die Hauptinsel ist zu teuer. Erneut spüren wir den Geruch verbrannten Plastiks in der Nase. Die letzte Strand-Reinigung ist etwa acht Monate her. Seitdem liegt wieder alles voll. Der Küstensaum weiter landeinwärts ist dann vollständig mit Plastikmüll überzogen, eine schwarz verschmierte Gemengelage aus dem Höllenschlund der Zivilisation. Deprimiert setzen wir uns ins Boot und treten den Rückweg an. Der Einsatz der Ranger erinnert an Sisyphos, der einen Felsblock auf ewig einen Berg hinaufwälzen muss. Den Müll einzusammeln und zu verwerten ist eine Aufgabe für die kommenden 30 Jahre und wird ohne eine internationale Plastikkonvention und Hilfe aus dem Ausland kaum zu bewältigen sein.

Ozeanretter werden © naturepl.

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