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Vietnam: Eine Vision wird WirklichkeitDie WWF-Mitarbeiterin Thuy Nguyen Thi Dieu kämpft für plastikfreie Städte

Sie hat schon viel bewegt in Vietnam: Thuy Nguyen Thi Dieu arbeitet seit 2006 für den WWF. Sie hat das Meeresfischerei-Management verbessert und erfolgreich dafür gekämpft, dass die stark vom Aussterben bedrohten Meeresschildkröten seltener im Beifang landen. Nun treibt die 46 Jahre alte Meeres-Biologin das Ziel eines plastikfreien Vietnams maßgeblich voran. Auf der besonders vermüllten Touristeninsel Phu Quoc hat Thuy Nguyen Thi Dieu das Anti-Plastikprogramm des WWF - Plastic Pollution Free Cities (PPFC) - entwickelt. Jetzt soll es auf zehn weitere Städte und Regionen ausgeweitet werden.

Wie schlimm ist das Plastikmüllproblem in Vietnam?

Thuy Nguyen Thi Dieu © WWF-Vietnam
Thuy Nguyen Thi Dieu © WWF-Vietnam

Plastik ist überall, viele Strände sind voll davon, die Flüsse ebenso. Aber wir haben auch unglaublich viel Plastikmüll auf dem Land, in den Bergen. Wir hören von Anwohnern, die dagegen sind, dass noch mehr Müll auf bestehende, übervolle Deponien kommt. Oder die gegen neue Müllkippen in ihrer Nachbarschaft protestieren. Wenn in manchen Städten zwei, drei Tage lang – aus welchen Gründen auch immer - die Müllabfuhr nicht kommt, liegt alles voller Müll! Oder nach Veranstaltungen, Märkten z.B., fliegen auch überall Folien, Tüten, Becher und Verpackungen herum. Die Städte kämpfen, aber sie können das Abfall-Problem nicht lösen.

Und was genau ist das Plastic Pollution Free City Programm?

Es ist eine Initiative des WWF-Netzwerks. Wir ermutigen Städte auf der ganzen Welt mitzumachen beim Kampf gegen Plastikmüll. Wir wollen ein weltumspannendes Netzwerk plastikmüllfreier Städte schaffen. Ähnlich wie das Earth-Hour Netzwerk (die beteiligten Städte schalten jedes Jahr im März für eine Stunde die öffentliche Beleuchtung ab) oder das C40 Netzwerk, bei dem Städte den Kampf gegen den Klimawandel unterstützen, indem sie auf städtischer Ebene Treibhausgasemissionen verringern oder den Bau CO2 neutraler Gebäude fördern.

Wie funktioniert das ganz konkret?

Es wird alles auf einer Plattform dokumentiert, was Städte weltweit tun können gegen ihr Plastikmüllproblem. Welche Ideen erfolgreich und gut umsetzbar sind. Welche Ziele einige Städte bereits haben und wie genau sie das umsetzen. Verbote von Plastiktüten z.B. oder der komplette Verzicht auf Einweggeschirr in Behörden oder Kantinen. Alles orientiert an einer Liste von Maßnahmen, die der WWF vorschlägt. Natürlich gibt es auf der Plattform auch bereits bewährte, praktische Umsetzungstipps, die jede Stadt für ihre plastikfreie Zukunft nutzen kann. Dazu bieten wir außerdem einen Aktionsplan für gelingende Kommunikation, für Bildung, Konzepte zum Plastikmüll-Management und Vorschläge, wie private und öffentliche Bereiche, also Restaurants und Geschäfte z.B., zum Mitmachen motiviert werden. Wir müssen es schaffen, so viele Menschen wie möglich zu begeistern und sie positiv und aktiv an unser Projekt binden.

Wie sehen die plastikmüllfreien Städte der Zukunft aus?

Der Plastikmüll wird von jedem Einzelnen, von Unternehmen, Behörden und allen anderen Interessengruppen so weit wie möglich reduziert. Was übrig bleibt, wird sorgfältig gesammelt und im Wirtschaftskreislauf wiederverwertet. Wenn kein Plastikmüll mehr in der Umwelt herumfliegt haben wir unser Ziel erreicht.

Warum kämpfen Sie dafür?

Es ist mir eine absolute Herzensangelegenheit. Wenn ich sehe, wie Plastik unsere Umwelt zerstört und dass so viele Tiere qualvoll am Plastikmüll verenden. Wir Menschen machen uns schuldig! Es kann doch nicht sein, dass Tiere sterben müssen, weil wir uns das Leben mit Plastik angenehm und einfach machen. Als ich noch klein war, lag nirgendwo Plastikmüll herum.

Wie sehen die nächsten Ziele aus?

Bis 2021 sollen 25 führende Großstädte und große Tourismusregionen unseren Plastic Smart City Plan umsetzen. Und bis 2035 wollen wir erreichen, dass 1000 Städte und Touristenregionen ihre größten Plastikmüll-Eintragsquellen in die Weltmeere gestoppt haben.

Ozeanretter werden © WWF

Wie kann es klappen, dass diese Ziele tatsächlich erreicht werden?

Der große Erfolg der vom WWF initiierten Earth-Hour macht mir Mut, sie wird auch in Vietnam wirklich gut angenommen. Und: Die Plastikmüllberge kann inzwischen ja jeder sehen! Außerdem gibt es viele politische und wirtschaftliche Führungspersönlichkeiten, die sich ernsthaft Sorgen machen, weil die Lebensqualität in ihren Städten dramatisch sinkt. In Vietnam arbeitet der WWF auf beiden Ebenen: Mit politischen Entscheidungsträgern und Praktikern, die Lösungsideen vorantreiben.

Zehn vietnamesische Städte und Regionen werden beim PPFC Programm mitmachen – welche?

Wir sind noch im Entscheidungsprozess Auf jeden Fall sind die WWF-Projektregionen Long An im Mekong-Delta und die stark vermüllten Inseln Phu Quoc und Con Dao dabei. Außerdem sollen das Biosphärenreservat Hoi-An-Cu Lao Cham und die frühere Kaiserstadt Hue mitmachen. Bei den anderen Städten entscheiden wir nach ihrer konkreten Müllsituation. Und natürlich danach, wie sehr sich Bürgermeister und Behörden vor Ort engagieren wollen.

Auf Phu Quoc haben Sie Ihre Arbeit begonnen. Wie sieht es dort aus?

Phu Quoc hat ein unglaublich großes Plastikproblem. Zwei Deponien sind voll, der einzige Fluss ist völlig verdreckt, die Zahl der Touristen wächst rapide, Einwegplastik ist absolut normal, eine neu gebaute Abfallentsorgungsanlage funktioniert nicht. Der WWF arbeitet an folgenden Punkten: Lokale Entscheidungsträger für ein besseres Abfallmanagement und Müllsammlung gewinnen, Firmen und Geschäftsleute motivieren in ihren Betrieben Plastikmüll zu reduzieren. Den Erwachsenen Mülltrennung und Reduzierung beibringen und den Kindern in den Schulen das Müllproblem bewusst machen und sie zu einem Verhaltenswechsel motivieren. Außerdem: Die Urlauber zu nachhaltigem Tourismus bewegen.

Phu Quoc: Vermüllung am Touristenstrand © Getty Images
Phu Quoc: Vermüllung am Touristenstrand © Getty Images

In den vietnamesischen Städten klappt die Müllabfuhr ja oft schon ganz gut, auf dem Land sieht das ganz anders aus – inwieweit hilft da das PPFC-Programm?

Erstens ist unser Projekt nicht auf Städte begrenzt, auch ländliche Gegenden können und sollen mitmachen. Zweitens arbeiten wir mit den lokalen Behörden zusammen, die den Müll in ihren Provinzen und Distrikten managen, da sind ländliche Regionen automatisch eingebunden. Drittens kann das PPFC Programm nicht die bestehende Müllsammlung ersetzen, es ist nur ein Werkzeug, dass wir nutzen, um das Müllmanagement überall zu verbessern, egal ob auf dem Land oder in der Stadt. Und viertens sind Städte Orte an denen besonders viele Menschen leben und besonders viel Müll anfällt. Die meisten Städte haben überfüllte Mülldeponien, die die Umgebung belasten, Müllverarbeitungsanlagen sind komplett überlastet und können den täglich neu anfallenden Müll nicht bewältigen. Deshalb sind drastische Plastikreduzierung und besseres Müllmanagement in den Städten so wichtig und stehen am Anfang einer nachhaltigen Lösung.

Wie ernsthaft verfolgt die vietnamesische Regierung den Kampf gegen Plastikmüll?

Der Premierminister hat sich in allen internationalen Foren verpflichtet, Plastikmüll zu bekämpfen. Einen nationalen Aktionsplan gibt es auch. Er wird hoffentlich ab Juni 2019 umgesetzt.

 

Wie sind Ihre Erfahrungen mit Behörden und Entscheidungsträgern, wie reagieren sie auf Aktionspläne wie PPFC?

Noch hat sich keine Stadt verpflichtet, bei PPFC mitzumachen. Aber es gibt Beispiele, die nachweislich belegen, dass es gute Resultate gibt, wenn leitende Stellen sich für die Lösung eines Problems einsetzen. Zum Beispiel wurden auf der Insel Cu Lao Cham Plastiktüten verboten – das funktioniert jetzt schon seit über zehn Jahren. Fast alle Führungspersönlichkeiten, die ich getroffen habe, erkennen die Dringlichkeit des Plastikmüll-Problems. Aber die meisten von Ihnen glauben, dass Müllverbrennungsanlagen die Lösung seien. Außerdem denken viele, dass es zu schwierig ist, das Verhalten der Menschen hinsichtlich ihres Plastikmüllverbrauchs zu ändern.

Ist es leichter, ein Programm wie PPFC in einem zentral organisierten kommunistisch regierten Land wie Vietnam umzusetzen, weil vieles theoretisch schneller von oben gelöst werden kann?

Ja, theoretisch schon, trotzdem ist hier die Umsetzung von Gesetzen in vielen Bereichen schwach.

Was glauben Sie, wird Vietnam eines Tages plastikmüllfrei sein?

Ich glaube fest daran, auch wenn es bestimmt noch mehr als zehn Jahre dauert. Vietnam liegt in einem der meist verschmutzen Gebiete der Welt. Nicht nur unser Land muss sich anstrengen, auch die Nachbarländer müssen mitziehen. Wir brauchen im Kampf gegen die Plastikflut starke, bindende Verpflichtungen der politischen Machthaber und die Unterstützung aller Interessengruppen und jedes Einzelnen.

So können Sie helfen, die Plastikflut in Vietnam zu stoppen

Müllbehälter für Gemeinde in Vietnam © GettyImages

Mit 50 € tragen Sie beispielsweise zur Bereitstellung von Müllbehältern für Schulen und Gemeinden bei, damit der Müll korrekt gesammelt werden kann.

Müllkarren für Gemeinde in Vietnam © GettyImages

Mit 80 € können Sie zum Beispiel die Anschaffung von Müllkarren für die Gemeinden unterstützen, damit der Müll eingesammelt und abtransportiert werden kann.

Aufklärungsarbeit Vietnam © Thomas Cristofoletti / WWF US

Mit 150 € leisten Sie einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung der Bevölkerung in Vietnam, um Druck auf die Regierungen und Unternehmen zu erzeugen.

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