Vom 07. bis 19. Dezember 2022 findet die 15. Weltnaturkonferenz im kanadischen Montreal statt. Dort wird ein neues Übereinkommen zum Schutz der biologischen Vielfalt verhandelt. Ziel davon ist es, das Artensterben und den Verlust von Ökosystemen bis 2030 aufzuhalten.

Das Übereinkommen wurde 1992 erstmals in Rio de Janeiro verabschiedet, die bisher vereinbarten Ziele allerdings nicht erreicht. Auf der Konferenz in Kanada müssen insgesamt 196 Staaten, auch Deutschland, nun ambitionierte Ziele beschließen und umsetzen, um die Ursachen des Artensterbens zu adressieren. Die COP15 ist die letzte echte Gelegenheit zum Erhalt der biologischen Vielfalt

Die 15. Weltnaturkonferenz: Was fordert der WWF?

Waldelefanten auf der Dzanga-Bai © Carlos Drews / WWF
Waldelefanten auf der Dzanga-Bai © Carlos Drews / WWF

Wir fordern die Vereinbarung von ambitionierten und verpflichtenden Zielen, die die verschiedenen Ursachen des Artensterbens adressieren. Alle Länder müssen dafür Sorge tragen, dass die artenreichen Ökosysteme der Welt bewahrt und Arten vor Übernutzung geschützt werden. Wir setzten uns dafür ein, dass 30 Prozent der Land- und Meeresflächen bis 2030 unter Schutz und zerstörte Gebiete renaturiert werden. Dieser Schutz muss im Einklang mit den Rechten indigener und lokaler Bevölkerungen stehen.

Doch Schutzgebiete allein reichen nicht. Zusätzlich benötigen wir die Festlegung mutiger Ziele, die den ökologischen Fußabdruck unserer Produktion und unseres Konsums bis 2030 mindestens halbieren. Dazu zählen ein Ernährungssystem, das unsere Artenvielfalt und Gesundheit schützt. Aber auch nationale und internationale Gesetze, die unsere Wirtschaftssektoren naturfreundlich reformieren: mit verantwortungsvollen Lieferketten ohne illegale und legale Abholzung, Überfischung oder Übernutzung natürlicher Ressourcen und ohne Verschmutzung oder Zerstörung der Ökosysteme. Nötig sind zudem wirksame Anreize und eine Regulierung für den Finanzsektor, damit private und öffentliche Investitionen Natur erhalten und nicht zerstören. Und eine nachhaltige Ressourcennutzung, insbesondere durch eine effektive Kreislaufwirtschaft.

Welche Rolle spielt Deutschland?

Klimafinanzierung © Shutterstock / isak55 / WWF
Klimafinanzierung © Shutterstock / isak55 / WWF

Die vereinbarten Ziele müssen verbindlich nachgehalten und auch ausreichend finanziert werden. Dafür müssen international mehr Gelder für Naturschutz bereitgestellt und schädliche Subventionen abgebaut werden – auch in Deutschland und in der EU. Als starke Wirtschaftsmacht mit einem sehr großen ökologischen Fußabdruck haben Deutschland und die Bundesregierung international eine große Verantwortung. Wir fordern, dass sie die Artenkrise endlich ernst nimmt und diese Verantwortung übernimmt. Dazu gehört vor allem, den finanziellen Beitrag zum internationalen Schutz der Artenvielfalt auf mindestens 2 Mrd. Euro im Jahr zu erhöhen.

Das UN-Übereinkommen zur biologischen Vielfalt

Mit der Convention on Biological Diversity – CBD steht ein völkerrechtlich verbindliches Übereinkommen zur Verfügung, das drei Hauptziele verfolgt:

  1. Den Erhalt der Vielfalt von Tier- und Pflanzenarten, Lebensräumen und aller Gene.
  2. Die nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen. Darunter versteht man, Wälder, Flüsse, Meere, wildlebende Tiere und Pflanzen so zu nutzen, dass sie in ihrer Nutzungsfähigkeit nicht abnehmen und somit auch zukünftigen Generationen erhalten bleiben.
  3. Die gerechte Aufteilung der sich aus der Nutzung genetischer Ressourcen ergebenden Gewinne und Vorteile, z.B. bei der Gewinnung und Vermarktung von Naturmedizin aus wildlebenden Arzneipflanzen.

Die Konvention regelt somit die umfassende Berücksichtigung der biologischen Vielfalt in allen Lebens-, Wirtschafts- und Nutzungsbereichen des Menschen im Sinne der Nachhaltigkeit. Politik, Wirtschaftsunternehmen und Verbraucher:innen sind aufgefordert, ihren Beitrag zur Sicherung der biologischen Vielfalt und der Funktionsfähigkeit von Ökosystemen als Lebens- und Wirtschaftsgrundlage aller Menschen zu leisten.

Die fünf Treiber des Artensterbens

  • Landnutzungswandel: Durch immer weiter wachsende Nutzung natürlicher Lebensräume, insbesondere durch großflächige Futtermittelproduktion, Viehzucht und Monokulturen in der Landwirtschaft, werden immer mehr Ökosysteme zerstört – oft in den artenreichsten Gebieten der Erde, wie dem Amazonasregenwald. Tier- und Pflanzenarten verlieren dadurch die Grundlage ihres Fortbestehens. In der Folge kommt es zu Mensch-Tier-Konflikten, die weltweit zunehmen – mit verheerenden Folgen für beide Seiten.
     
  • Übernutzung natürlicher Ressourcen: Wir entnehmen der Erde Jahr für Jahr mehr, als sie an Ressourcen und Ökosystemleistungen wiederherstellen kann. Durch beispielsweise intensive Landwirtschaft, Überfischung der Meere, Entwaldung und umweltschädliche Subventionen werden Ökosysteme und Lebensräume von Tier- und Pflanzenarten zerstört. Unser Wirtschaftssystem kalkuliert die Natur nicht mit ein, ihre Ressourcen werden als unendlich betrachtet und die Kosten ihrer Zerstörung meist ignoriert.
     
  • Umweltverschmutzung: Luft-, Wasser- und Bodenverschmutzung nehmen zu. Treibhausgasemissionen, industrielle Abfallprodukte wie im Bergbau oder in der Landwirtschaft sowie Giftmüll und immer wieder auftretende Ölkatastrophen haben schwerwiegende Auswirkungen auf Land-, Süßwasser und Meeresökosysteme, auf die Wasserqualität und die Atmosphäre. Plastikmüll in den Meeren belastet nicht nur die Artenvielfalt stark, sondern erreicht über die Nahrungskette auch uns Menschen.
     
  • Klimakrise: Die Erderhitzung hat weltweit dramatische Folgen für die biologische Vielfalt. Häufiger und extremer auftretende Naturkatastrophen wie Waldbrände, die Erwärmung der Meere und das Schmelzen der Eiskappen haben dramatische Auswirkungen auf Tier- und Pflanzenarten und deren Lebensräume. Die fortschreitende Zerstörung natürlicher CO2 Speicher wie Wälder und Moore befeuern wiederum die Erderhitzung. Klima- und Artenkrise können deshalb nur gemeinsam bewältigt werden.
     
  • Invasive Arten: Immer mehr Tiere und Pflanzen werden durch den Menschen aus ihrem Verbreitungsgebiet verschleppt – ob bewusst oder unbewusst. Stellenweise kann dadurch die Artenvielfalt zunehmen. Oft haben Neozoen und Neophyten aber negative Auswirkungen.

Fragen und Antworten zur CBD & COP

Wofür steht CBD?

CBD ist die Abkürzung für Convention on Biological Diversity – die UN-Konvention zur Biologischen Vielfalt, also das völkerrechtliche Instrument mit 196 Mitgliedsstaaten.

Wann ist das Übereinkommen in Deutschland in Kraft getreten?

Seit 1992 sind dem Übereinkommen 196 Staaten inklusive der Europäische Union beigetreten. Für die Bundesrepublik Deutschland trat das Übereinkommen am 29. Dezember 1993 völkerrechtlich in Kraft. Alle Unterzeichnerstaaten verpflichten sich mit ihrer Unterschrift, die Bestimmungen der Konvention in nationales Recht zu übertragen und nationale Biodiversitätsstrategien zu erarbeiten. Im November 2007 legte die Bundesregierung ihre Nationale Strategie vor. Damit kam sie erst 14 Jahre nach Unterzeichnung des Übereinkommens ihrer Pflicht der nationalen Umsetzung nach.

Was ist die COP?

COP steht für Conference of the Parties, das sind regelmäßige Konferenzen, bei denen sich die 196 Mitgliedsstaaten (bei der CBD alle 2 Jahre) treffen und das weitere Vorgehen, Strategien oder neue Abkommen innerhalb bzw. „unter“ der CBD verhandeln.

Warum ist der Erhalt der Artenvielfalt so wichtig für uns?

Ohne die Natur können wir nicht leben. Der Verlust von Natur hat große Auswirkungen auf den Menschen – auch wir können es schon spüren. Seit 1998 haben wir allein in Deutschland drei Viertel aller Insekten durch unsere Landwirtschaft verloren. Ein voll gedeckter Frühstückstisch? Undenkbar ohne Insekten! Die biologische Vielfalt ist eine unersetzliche Ressource für uns Menschen. Sie ist nicht nur die Grundlage für unsere Ernährung oder unseren Sauerstoff, sondern auch für lebensrettende Medikamente. Unser heutiger Wohlstand wäre ohne sie nicht möglich. Die Natur ist auch eine wichtige Verbündete im Kampf gegen die menschgemachte Klimakrise.

Das Artensterben – von den großen Säugetieren bis hin zu den kleinsten Organismen – hat dramatische Folgen. Sinnbildlich könnte man die Natur mit einem Bauklötzeturm vergleichen, der in einem perfekten Gleichgewicht steht. Auch wir sind ein Bestandteil des Turmes. Desto mehr Steine entfernt werden, desto instabiler wird der Turm – bis er letztendlich zusammenfällt. Wenn wir das Artensterben nicht aufhalten, verschwinden auch wir. Doch wir sind es auch, die etwas dagegen tun können!

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