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Stand: 15.06.2018

Schildkröten: Harte Schale - weicher Kern

Sie überlebten die Dinosaurier und bevölkerten Berge und Täler, Wüsten und Wälder, Seen, Flüsse und Meere schon vor über 200 Millionen Jahren: Schildkröten. 356 verschiedene Arten der Panzertiere sind bekannt, aber für viele von ihnen scheinen die Tage gezählt zu sein. Dies legt ein neuer Report der Turtle Conservation Coalition nahe. Rund die Hälfte der bekannten Spezies ist demnach bedroht.

Terekay-Schienenschildkröten in Bolivien © Jaime Rojo / WWF-US
Terekay-Schienenschildkröten in Bolivien © Jaime Rojo / WWF-US

Ganz oben auf der Liste der Todeskandidaten steht die Yangtze-Riesenweichschildkröte. Ein letztes Pärchen der Tiere, die rund 120 Kilo auf die Waage bringen, lebt in einem chinesischen Zoo, ein weiteres Männchen in Vietnam. Die Aussichten, dass die drei noch für Nachwuchs sorgen, sind vage. Das Weibchen ist mit ihren ca. 80 Jahren zwar durchaus noch im zeugungsfähigen Alter, doch um die Potenz ihres Partners steht es schlecht. Versuche, die Art mit künstlicher Befruchtung zu erhalten, schlugen bislang fehl.  

 

Bei den asiatischen Flussschildkröten scheint sich das Schicksal von Lonesome George zu wiederholen. Der einsame George starb 2012 als letzter Vertreter der Galapagos-Riesenschildkröten der Insel Pinta in der Charles Darwin Forschungsstation, die einst mit Hilfe des WWF ins Leben gerufen wurde.

Flussschildkröten auf einem Markt in Peking © Michel Gunther / WWF
Flussschildkröten auf einem Markt in Peking © Michel Gunther / WWF

Weniger Raum für Urzeittiere

Verantwortlich für den Niedergang der Panzertiere ist wie so oft der Mensch. Schon Walfänger nahmen im 19. Jahrhundert Schildkröten als lebenden Proviant an Bord. Aber nicht nur das Fleisch, sondern auch die Eier waren und sind eine beliebte Beute. In Zentralamerika stehen die gepanzerten Reptilien und ihre Eier vor allem zu Ostern gern und oft auf dem Speisezettel.

 

Die übermäßige Jagd – als Nahrung, für traditionelle Medizin und als Haustiere – ist nicht die einzige Bedrohung, die den Schildkröten das Leben schwer macht: trockengelegte Sümpfe, verschmutzte Gewässer oder Wälder, die in Agrarsteppen umgewandelt werden, lassen immer weniger Raum für die Urzeittiere. Beobachten kann man das am Fall der Kolumbianischen Kröten-Schildkröte (Mesoclemmys dahli), deren Bestand auf einige hundert Exemplare geschätzt wird. Ihr Lebensraum ist um 85 Prozent geschrumpft. Überleben ungewiss.

Vom Wurf- zum Handelsobjekt

Auffällig an der Liste der 50 besonders gefährdeten Arten: Mehr als die Hälfte der akut bedrohten Spezies lebt in Asien. Noch! Gerade hier sind die Tiere besonders begehrt. Sie werden gegessen und für traditionelle asiatische Medizin genutzt. Sammler aus aller Welt zahlen astronomische Summen für besonders seltene Exemplare. Ein Teufelskreis: Je seltener die Tiere, desto attraktiver die Wilderei. Schildkröten werden dadurch gerade für die arme Landbevölkerung zu wandelnden Edelsteinen. Manchmal bricht die Population dadurch in wenigen Jahren zusammen. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ berichtete vom Schicksal der McCords Scharnierschildkröte (Cuora mccordi): „Noch in den siebziger Jahren waren die Tiere mit ihrem walnussbraunen Panzer und gelben Kopf in ihrem relativ kleinen Heimatgebiet häufiger als Steine. Deshalb benutzten die Einheimischen sie als Wurfgeschosse, um Büffel zu scheuchen. Dann begann Anfang der 1980er Jahre ein Händler aus Hongkong, pro Tier ein paar Cent zu zahlen, und förderte damit die Karriere vom schnöden Wurf- zum kostbaren Handelsobjekt.“ Seit 2010 wurde kein einziges Exemplar mehr in der freien Wildbahn gesichtet. Es bleibt die Hoffnung der Wiederauswilderung – 700-800 Tiere der Scharnierschildkröte leben in Menschenhand.

  

Inzwischen sind Schildkröten, nach Primaten, die am stärksten bedrohte Wirbeltiergruppe der Welt. „Ihr Panzer wird ihnen angesichts der Vielfalt an Bedrohungen nicht helfen, um zu überleben. Wir müssen ihre Lebensräume schützen und brauchen strengere Gesetze gegen Wilderei und Handel sowie Sensibilisierung der Bevölkerung. Langfristig können auch Programme zur Wiederansiedelung stark bedrohte Arten retten“, betont Anne Hanschke vom WWF Deutschland. Wie so etwas aussehen kann, zeigen Naturschützer in Bolivien.

WWF-Projekt zum Schildkrötenschutz

Nest der Terekay Schienenschildkröten © Jaime Rojo / WWF-US
Nest der Terekay Schienenschildkröten © Jaime Rojo / WWF-US

Schildkröten und ihre Eier sind sehr eiweißhaltig und gelten im gesamten Amazonasgebiet als Delikatesse. Insbesondere in der Trockenzeit ist es einfach, die Tiere zu fangen. In den vergangenen Jahrzehnten landeten Millionen von ihnen  im Kochtopf. Lange war das kein Problem, doch der ungezügelte Hunger auf die Eier ließ die Bestände der dort lebenden Arrauschildkröten und Terekay-Schienenschildkröten bedenklich schrumpfen. In einem Gebiet in Brasilien, wo 1979 noch 10.000 Arrauschildkröten nisteten, fanden sich 2017 nur weniger als 200 ein. Die Schildkröten-Expertengruppe der Weltnaturschutzunion IUCN geht davon aus, dass die Art mittlerweile vom Aussterben bedroht ist.

 

Weil der Eiernachschub zu versiegen drohte, entschlossen sich die Bewohner einiger Orte am Ufer des Río Iténez, einem Grenzfluss zwischen Brasilien und Bolivien, die Sammlung von Eiern deutlich zurückzufahren. Mit Hilfe des WWF wurden am Fluss mitten im Amazonasregenwald  zunächst Strandabschnitte als bedeutende Nistplätze identifiziert. Diese Zonen wurden von Freiwilligen aus den Dörfern der Umgebung rund um die Uhr überwacht. Schon im ersten Jahr schlüpften an den geschützten Strandabschnitten 150.000 Schildkrötenbabies, wenige Jahre danach waren es bereits mehrere Millionen.

 

Während die Zahl der Exemplare am Río Iténez wieder nach oben zeigt, sieht die Zukunft vieler ihrer Verwandten alles andere als rosig aus. Anne Hanschke: „Es ist höchste Zeit, das Bewusstsein für die Verletzlichkeit der Schildkröten zu schärfen. Wenn das nicht gelingt, könnten die Tiere, die die Erde seit Urzeiten besiedeln, sich schon bald für immer von diesem Planeten verabschieden.“

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