Über viele Millionen Jahre hat sich eine unvergleichbare Vielfalt des Lebens auf unserem Planeten entwickelt. Sie ist der größte Schatz, den die Menschheit besitzt, und ohne die unser Leben wie wir es kennen nicht möglich wäre.

Diese Vielfalt ist in Gefahr. Jeden Tag verschwindet ein bisschen mehr Leben – wir befinden uns im größten Artensterben seit den Dinosauriern. Dieses Mal sind wir der Meteorit. Das hat auch für uns Menschen dramatische Folgen: Denn unser Leben ist von der Artenvielfalt abhängig.

Aber es ist noch nicht zu spät: Auf der Weltnaturkonferenz verhandeln Deutschland und die internationale Staatengemeinschaft ein Abkommen zum Schutz der biologischen Vielfalt. Eine einmalige und letzte Chance, das Artensterben bis 2030 aufzuhalten! Leider wird die Konferenz immer wieder verschoben, die Verhandlungen stehen auf Stillstand. Aber das Artensterben wartet nicht!

Was bedeutet Artenvielfalt?

Genau genommen ist die Artenvielfalt ein Teil der biologischen Vielfalt auf unserem Planeten, auch Biodiversität genannt. Biologische Vielfalt umfasst die Vielfalt aller Lebewesen, Lebensräume und auch aller Gene, die sich über Millionen Jahre entwickelt haben. Dazu gehören außerdem auch noch alle Leistungen, die sogenannten Ökosystemleistungen, die diese Vielfalt im gegenseitigen Zusammenspiel erbringt – zum Beispiel unseren Sauerstoff oder die Bestäubung unserer Pflanzen.

Zu der Vielfalt der Lebewesen auf der Erde zählen Löwe, Blauwal und Wildbiene genauso wie Pflanzen und Mikroben. Wie viele Arten es genau gibt, ist bis heute nicht bekannt – viele müssen erst noch entdeckt werden! Eines ist jedoch sicher: Tier- und Pflanzenarten verschwinden derzeit schneller als jemals zuvor. Der letzte Artenschutzbericht des UN-Weltbiodiversitätsrates (IPBES) schätzt, dass bis zu eine Millionen Arten in den nächsten Jahrzehnten verschwinden könnten.

Warum verschwindet unsere Natur?

Unsere Lebens- und Wirtschaftsweise sorgt dafür, dass die Natur vor unserer Haustür und auf den anderen Kontinenten verschwindet. Unser Produktions- und Konsumverhalten ist maßgeblicher Faktor. Weil unsere Wirtschaft die Natur bisher als unendliche Ressource betrachtet, zerstören wir sie schneller, als sie sich erholen kann.

Ökosysteme wie Wiesen oder Wälder werden beispielsweise für landwirtschaftliche Nutzflächen zerstört. Tier- und Pflanzenarten verlieren damit ihr Zuhause, so zum Beispiel der Orang-Utan auf Borneo. Auch Umweltverschmutzung – wie Plastik, Ölkatastrophen oder Pestizide – und die Übernutzung von natürlichen Ressourcen machen die Natur kaputt.

Unsere Meere, in denen sich vor vielen Jahren Fische aller Arten tummelten, sind maßlos überfischt und verschmutzt. Zudem gefährdet die menschgemachte Klimakrise zahlreiche Tiere und Pflanzen. Artenreiche Ökosysteme wie die russische Arktis oder auch der Mittelmeerraum drohen, durch die Erhitzung weitreichend zerstört zu werden.

„Sinnbildlich könnte man die Natur mit einem Bauklötzeturm vergleichen, der in einem perfekten Gleichgewicht steht. Desto mehr Steine entfernt werden, desto instabiler wird der Turm – bis er letztendlich zusammenfällt.“

Florian Titze, Experte für Internationale Politik, WWF Deutschland

Warum ist der Erhalt der Artenvielfalt wichtig für uns Menschen?

Ohne die Natur können wir nicht leben. Der Verlust von Natur hat große Auswirkungen auf den Menschen – auch wir können es schon spüren. Seit 1998 haben wir allein in Deutschland drei Viertel aller Insekten durch unsere Landwirtschaft verloren. Ein voll gedeckter Frühstückstisch? Undenkbar ohne Insekten! Die biologische Vielfalt ist eine unersetzliche Ressource für uns Menschen. Sie ist nicht nur die Grundlage für unsere Ernährung oder unseren Sauerstoff, sondern auch für lebensrettende Medikamente. Unser heutiger Wohlstand wäre ohne sie nicht möglich. Die Natur ist auch eine wichtige Verbündete im Kampf gegen die menschgemachte Klimakrise.

Das Artensterben – von den großen Säugetieren bis hin zu den kleinsten Organismen – hat dramatische Folgen. Sinnbildlich könnte man die Natur mit einem Bauklötzeturm vergleichen, der in einem perfekten Gleichgewicht steht. Auch wir sind ein Bestandteil des Turmes. Desto mehr Steine entfernt werden, desto instabiler wird der Turm – bis er letztendlich zusammenfällt. Wenn wir das Artensterben nicht aufhalten, verschwinden auch wir. Doch wir sind es auch, die etwas dagegen tun können!

Was ist das Abkommen zum Schutz der biologischen Vielfalt?

Im Jahr 1992 wurde neben der UN-Klimakonvention erstmals das Abkommen zum Schutz der biologischen Vielfalt (engl. Convention on Biological Diversity – CBD) auf der Weltnaturkonferenz in Rio de Janeiro ins Leben gerufen. Es ist das erste internationale Regelwerk, das den Schutz aller Bestandteile unserer Natur umfasst und auch die nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen durch den Menschen regelt.

Seither sind dem Abkommen 196 Staaten beigetreten – auch Deutschland. Alle Unterzeichnerstaaten verpflichten sich dazu, die vereinbarten Ziele in nationalem Recht umzusetzen und eigene Biodiversitätsstrategien zu erarbeiten. Was auf der Weltnaturkonferenz entschieden wird, ist damit über Jahre eine Grundlage für die nationalen Anstrengungen zum Schutz der Artenvielfalt auf der ganzen Welt. Die letzten Ziele, die auf der zehnten Weltnaturkonferenz im Jahr 2010 festgelegt wurden, hat die internationale Gemeinschaft deutlich verfehlt.

Welche Rolle spielt Deutschland auf der 15. UN-Weltnaturkonferenz?

Auf der 15. Weltnaturkonferenz im kanadischen Montreal, die voraussichtlich im Dezember 2022 stattfinden wird, soll ein neues, ambitionierteres Abkommen zum Erhalt der Artenvielfalt verhandelt werden, das den Naturverlust in den nächsten zehn Jahren stoppen soll. Deutschland nimmt an der Konferenz teil und spielt als einflussreicher UN-Mitgliedsstaat und große Wirtschaftsmacht eine bedeutende Vorreiterrolle für alle Teilnehmenden.

Der WWF fordert die neue Bundesregierung auf, ihre internationale Position zu nutzen und sich für ein Abkommen einzusetzen, das endlich die Ursachen der Artenkrise anpackt. Leider ist von den Zusagen im Koalitionsvertrag wenig übergeblieben. Dort hat die Bundesregierung eine erhebliche Erhöhung der internationalen Gelder für den weltweiten Erhalt der biologischen Vielfalt vereinbart. Im Bundeshaushalt 2022 und 2023 steht sie nun mit leeren Händen da. Ausgerechnet beim Schutz unser aller Lebensgrundlage soll gespart werden. Ein fatales Zeichen für die Weltgemeinschaft - und für die Artenvielfalt.

Kamera im Blumenfeld © Marina Zg - iStock Getty Images
Kamera im Blumenfeld © Marina Zg - iStock Getty Images

Foto-Mitmachaktion: Die Natur verschwindet. Halten wir sie fest!

Knapp 2.000 Menschen - vielleicht auch Sie - haben mit uns die Vielfalt der Natur sichtbar gemacht! Ob Tier, Pflanze oder Landschaft: Vom 16. Juni bis zum 31. Juli haben wir im Rahmen einer Fotoaktion viele schöne Naturfotos erhalten, die zeigen: Wir müssen die Natur schützen, bevor sie nur noch eine Erinnerung ist. Wir bedanken uns herzlich bei allen Teilnehmenden!

Und jetzt? Alle Fotos werden Teil einer Installation, mit der wir zum Auftakt der UN-Weltnaturkonferenz auf das rasante Artensterben zusammen aufmerksam machen.

Als Industrieland, das für einen Großteil der weltweiten Naturzerstörung verantwortlich ist, trägt Deutschland eine große Verantwortung. Die Konferenz ist eine wichtige Gelegenheit für die Bundesregierung zu zeigen, wie wichtig ihr der Erhalt der biologischen Vielfalt ist. Gemeinsam müssen wir dafür sorgen, dass die Naturzerstörung endlich ein Ende nimmt!

Was fordert der WWF?

Wir fordern die Vereinbarung von ambitionierten und verpflichtenden Zielen, die die verschiedenen Ursachen des Artensterbens adressieren. Alle Länder müssen dafür Sorge tragen, dass die artenreichen Ökosysteme der Welt bewahrt und Arten vor Übernutzung geschützt werden. Wir setzten uns dafür ein, dass 30 Prozent der Land- und Meeresflächen bis 2030 unter Schutz und mindestens 50 Prozent zerstörter Gebiete renaturiert werden. Dieser Schutz muss im Einklang mit den Rechten indigener und lokaler Bevölkerungen stehen.

Doch Schutzgebiete allein reichen nicht. Zusätzlich benötigen wir die Festlegung mutiger Ziele, die den ökologischen Fußabdruck unserer Produktion und unseres Konsums bis 2030 mindestens halbieren. Dazu zählen ein Ernährungssystem, das unsere Artenvielfalt und Gesundheit schützt. Aber auch nationale und internationale Gesetze, die unsere Wirtschaftssektoren naturfreundlich reformieren: mit verantwortungsvollen Lieferketten ohne illegale und legale Abholzung, Überfischung oder Übernutzung natürlicher Ressourcen und ohne Verschmutzung oder Zerstörung der Ökosysteme. Nötig sind zudem wirksame Anreize und eine Regulierung für den Finanzsektor, damit private und öffentliche Investitionen Natur erhalten und nicht zerstören. Und eine nachhaltige Ressourcennutzung, insbesondere durch eine effektive Kreislaufwirtschaft.

Die vereinbarten Ziele müssen verbindlich nachgehalten und auch ausreichend finanziert werden. Dafür müssen international mehr Gelder für Naturschutz bereitgestellt und schädliche Subventionen abgebaut werden – auch in Deutschland und in der EU. Als starke Wirtschaftsmacht mit einem sehr großen ökologischen Fußabdruck haben Deutschland und die neue Bundesregierung international eine große Verantwortung. Wir fordern, dass sie die Artenkrise endlich ernst nimmt und diese Verantwortung übernimmt. Dazu gehört vor allem, den finanziellen Beitrag zum internationalen Schutz der Artenvielfalt auf mindestens 2 Mrd. Euro im Jahr zu erhöhen.

Zwischenbilanz: Update aus den Vorverhandlungen

Vier Mal wurde die UN-Weltnaturkonferenz aufgrund der Corona-Pandemie verschoben. Das vom Menschen verursachte Artensterben macht leider keine Pause. Im Vorfeld der Konferenz haben sich die knapp 200 Unterzeichnerstaaten mehrfach getroffen, um neue Biodiversitätsziele zu verhandeln und endlich eine Trendwende einzuleiten. Auf der Konferenz sollen sie verabschiedet werden. Der Zwischenstand: Es steht schlecht um die Natur. Die Verhandlungen stecken fest, das nötige Abkommen ist in großer Gefahr. Auch weil Deutschland und andere Länder zu wenig politischen Willen zeigen, das Ruder in den wichtigen Verhandlungen noch herumzureißen.

Eine große Hürde: Für den Schutz der weltweiten Artenvielfalt wird bisher zu wenig Geld bereitgestellt. Die noch verbliebenen, artenreichsten Gebiete der Erde befinden sich in ärmeren Ländern im globalen Süden, die für den Schutz der Natur unsere Unterstützung brauchen. Schließlich ist es auch unsere Lebensweise, die maßgeblich zu der Naturzerstörung in ihren Ländern beiträgt. Zum Beispiel in Südamerika, wo Regenwälder für die Produktion und den Import vieler der Lebensmittel abgeholzt werden, die wir in Europa konsumieren.

Weil Deutschland als großes Industrieland und als einer der schlimmsten Naturzerstörer der Welt eine besondere Verantwortung trägt, muss sich die gesamte Bundesregierung wie im Koalitionsvertrag versprochen auf allen Ebenen für einen Erfolg bei den internationalen Verhandlungen zum Erhalt der weltweiten Natur einsetzen. Doch stattdessen spielt das Thema in der Ampel-Koalition keine Rolle. Bundeskanzler Olaf Scholz und Umweltministerin Steffi Lemke halten sich zurück und Finanzminister Christian Lindner blockiert die nötige Finanzierung. Das ist ein fatales Zeichen an die Weltgemeinschaft. Die Bundesregierung muss die Artenkrise endlich als globale Bedrohung erkennen und international Verantwortung übernehmen!

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