Alarmstufe Rot: Am Internationalen Tag der biologischen Vielfalt 2019 steht es um den Reichtum der Natur schlechter denn je. Das aktuelle Artensterben verläuft mindestens zehn- bis hundertfach schneller als im Durchschnitt der vergangenen zehn Millionen Jahre. Das bestätigte Anfang Mai der Weltbiodiversitätsrat IPBES mit einer aufsehenerregenden Studie.

Demnach könnten innerhalb der nächsten Jahrzehnte rund eine Million Arten verschwinden, wenn sich der Zustand unserer Ökosysteme weiter so dramatisch verschlechtert wie bisher. Mit erheblichen Folgen für uns Menschen, etwa hinsichtlich unserer Ernährung: Allein der Verlust von Bestäuberinsekten bedroht die Nahrungsmittelproduktion im Wert von 235 bis 577 Milliarden Dollar pro Jahr. 

Ökologische Reserven schrumpfen

Verursacher ist eindeutig der Mensch – vor allem durch die Intensivierung der Landwirtschaft, die Abholzung der Wälder, den Klimawandel und den ungebremsten Ressourcenabbau. Mittlerweile verbraucht die Menschheit jährlich 70 Prozent mehr Naturgüter als die Erde zeitgleich erneuern kann. Zu diesem Ergebnis kommt der Living Planet Report des WWF aus dem Jahr 2018.

Fatale Folge: Mit wachsendem Ressourcenhunger schrumpfen die ökologischen Reserven der Erde. Entsprechend fällt der „Living Planet Index“, ein Maß für den weltweiten ökologischen Gesundheitszustand der Erde, auf einen neuen Tiefpunkt. Die Bestände von mehr als 4.000 untersuchten Wirbeltierarten sind seit 1970 um 60 Prozent zurückgegangen. Besonders stark geschrumpft – um 89 Prozent – sind die Bestände von Säugetieren, Vögeln, Fischen, Amphibien und Reptilien in Süd- und Zentralamerika.

Raubbau für den Lebensstil

Acker mit Wildblumen © photonaj / iStock / Getty Images Plus
Acker mit Wildblumen © photonaj / iStock / Getty Images Plus

Deutschland hat am Rückgang der biologischen Vielfalt weltweit maßgeblich Anteil. Für unseren Lebensstil, vor allem unsere Ernährung, fallen in Südamerika, Afrika und Asien Bäume, verschmutzen Flüsse, schwinden Tierbestände oder sterben Arten ganz aus.

Aber auch in Europa hat die Intensivierung der Landwirtschaft erhebliche Folgen für die Natur. Immer mehr Hecken, Bauminseln und Kleingewässer verschwinden, um vergrößerten Anbauflächen Platz zu machen. Darunter leiden viele Tier- und Pflanzenarten. Die Artenvielfalt an Ackerwildkräutern wie Kornblume, Mohn oder Feld-Rittersporn ist allein in Mittel- und Norddeutschland gegenüber den 1960er Jahren um fast drei Viertel zurückgegangen.

Insektensterben durch Ackergifte

Überdurchschnittlich stark gefährdet sind auch die Vögel der Agrarlandschaft: Dort hat sich nach einer Studie von BirdLife International die Zahl von 37 untersuchten europäischen Feldvogelarten innerhalb von 30 Jahren halbiert. Selbst häufige Arten wie Feldlerche, Wiesenpieper oder Rauchschwalbe haben in den letzten Jahrzehnten rund die Hälfte ihrer Populationen verloren. Nicht nur, weil ihr Lebensraum schwindet, sondern auch weil es immer weniger Insekten gibt.

Seit 1989 haben wir allein in Deutschland drei Viertel der Insektenbiomasse verloren. In anderen Ländern Europas sieht es nicht besser aus. Ein Hauptverursacher ist die intensive Landwirtschaft mit ihren Pflanzenschutzmitteln und Insektengiften.

Zugleich werden vier Fünftel aller Wild- und Kulturpflanzen durch Insekten bestäubt. Das bedeutet: Der Verlust an Bestäuberarten bedroht massiv auch unsere Ernährung.

Landwirtschaft erneuern

Feld wird mit Pestiziden besprüht © Michel Gunther / WWF
Feld wird mit Pestiziden besprüht © Michel Gunther / WWF

Deshalb setzt sich der WWF für eine Reform der EU-Agrarpolitik ein. Wir brauchen eine Landwirtschaft, die biologische Vielfalt nicht bekämpft, sondern schützt und vermehrt. Die Vergabe von Fördermitteln muss daher künftig an messbare ökologische Maßnahmen gekoppelt sein, für die Landwirte entsprechend honoriert werden. Der Einsatz von Pflanzenschutzmittel und Stickstoffdünger muss deutlich reduziert, zugleich der Wiederaufbau strukturreicher Landschaften mit artenreichen Böden erheblich verstärkt werden.

Globale Verantwortung Deutschlands

Um unserer globalen Verantwortung gerecht zu werden, fordert der WWF, EU-weite Nachhaltigkeitskriterien für importierte Agrar- und Mineralrohstoffe einzuführen, damit für unseren Wohlstand anderswo keine Wälder mehr abgeholzt werden. Für den weltweiten Wälder- und Biodiversitätsschutz muss Deutschland in Zukunft mindestens eine Milliarde Euro pro Jahr bereitstellen.

Am 22. Mai 1992 wurde auf der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung der Text des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD) offiziell angenommen. Seit 2001 wird daher am 22. Mai der Internationaler Tag der biologischen Vielfalt begangen.

  • Luchs Weibchen mit Nachwuchs © Staffan Widstrand / WWF Biologische Vielfalt in Deutschland

    In Deutschland kommen natürlicherweise etwa 48.000 Tierarten vor. Doch die Rote Liste zeigt einen dramatischen Rückgang der biologischen Vielfalt an. Weiterlesen ...

  • Der stark bedrohte Berggorilla © naturepl.com / Andy Rouse / WWF Der Wert der Vielfalt

    Die kostenfreie biologische Vielfalt einer intakten Natur würde uns allein in Europa 50 Milliarden Euro jährlich kosten. Weiterlesen ...