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Stand: 07.08.2019

WWF-Preis: Ostsee-Landwirt/-in des Jahres 2019

Auch zehn Jahre nach der Auszeichnung des ersten internationalen WWF-Ostseelandwirtes leidet die Ostsee immer noch unter zu hohen Nährstoffbelastungen. 2018 sorgte ein Bericht des Umweltbundesamtes für Aufsehen, nach dem alle untersuchten Standorte an der Ostsee in Deutschland eutrophiert waren. Obwohl es erste Anzeichen einer Verbesserung gibt, sind den jüngsten Bewertungen zufolge etwa 97 Prozent der gesamten Ostsee betroffen. Jährlich gelangen immer noch tausende Tonnen Stickstoff und Phosphor über die Flüsse und die Luft in die Ostsee. Als halbgeschlossenes, interkontinentales Schelfmeer ist die Ostsee besonders empfindlich gegenüber den Auswirkungen der Nährstoffeinträge.

Uckermärker Mutterkuhhaltung mit Bullen auf Bartelshagen 1 © Sonja Ritter / WWF
Uckermärker Mutterkuhhaltung mit Bullen auf Bartelshagen 1 © Sonja Ritter / WWF

Ein Überschuss an Nährstoffen wie Phosphor und Stickstoff führt zu schweren Störungen des Ökosystems. Folgen sind ausgedehnte Algenblüten, Sauerstoffmangel in tiefen Gewässern und einer Zunahme von Bodenbereichen mit wenig oder gar keinem Sauerstoff – sogenannte "Todeszonen". Die gute Nachricht ist, dass viele der schlimmsten Verschmutzungsquellen bereits identifiziert wurden und Fortschritte erzielt werden konnten, unter anderem durch die Verbesserung der Abwasserbehandlungsanlagen und die Reduzierung des industriellen Eintrags. Dennoch ist die Landwirtschaft mit fast der Hälfte des gesamten Stickstoff- und Phosphoreintrags nach wie vor einer der Hauptverursacher für die Nährstoffüberlastung der Ostsee.

 

Um zu zeigen, dass eine Reduktion der Einträge aus der Landwirtschaft möglich ist, schreibt der WWF seit 2009 in allen Anrainerstaaten der Ostsee den Wettbewerb „Ostseelandwirt des Jahres“ aus. Es werden Landwirte ausgezeichnet, die bereits Maßnahmen umsetzen, durch die die Einträge von Nährstoffen in die Ostsee reduziert werden. Landwirte sollen Wertschätzung und Motivation für umweltfreundliches Wirtschaften erfahren, ganz gleich, ob sie biologisch zertifiziert oder konventionell arbeiten. „Darüber hinaus wollen wir alle Landwirte motivieren, dem guten Beispiel des „Ostseelandwirts“ zu folgen und ebenfalls umwelt- und „ostseefreundliche“ Maßnahmen durchzuführen. Seit Jahren zeigen unsere „Ostseelandwirte“, dass ein umweltfreundliches Wirtschaften möglich ist.“, sagt Michael Berger, Referent für Landwirtschaft beim WWF Deutschland.

Gewinner 2019: Wilfried Lenschow, Bartelshagen 1

Wilfried Lenschow, Betriebsleiter Bartelshagen 1 © Sonja Ritter / WWF
Wilfried Lenschow, Betriebsleiter Bartelshagen 1 © Sonja Ritter / WWF

Die Agrargenossenschaft Bartelshagen 1 liegt im nördlichen Mecklenburg-Vorpommern, nur wenige Kilometer von der Ostsee entfernt. Wilfried Lenschow leitet die Agrargenossenschaft seit ihrer Gründung 1991, direkt nach der Wiedervereinigung der beiden Deutschlands. Bereits vor der Wiedervereinigung führte Lenschow als einer der jüngsten Betriebsleiter in Mecklenburg-Vorpommern die damalige LPG und kennt die Flächen und Strukturen wie kein anderer. Über die Auszeichnung durch den WWF sagt er: „Wir sind sehr stolz darauf, diese Anerkennung für unser Engagement zu erhalten. In der Debatte über mehr Umweltschutz in der Landwirtschaft werden oft nur die lautesten Stimmen gehört, und diejenigen, die sich bereits für mehr Umweltschutz einsetzen und gute Bauern sind, werden übertönt. Wir freuen uns daher, dass der WWF versucht, eben diesen Bauern eine Stimme zu geben.“

 

Insgesamt bewirtschaftet die Genossenschaft 3.420 Hektar, davon 2.800 Hektar Ackerland und 620 Hektar Grünland. Die dominanten Kulturen 2019 sind Winterweizen auf 764 Hektar, Winterraps mit 571 Hektar und Wintergerste auf 487 Hektar. Aber auch Zuckerrüben und Futterrüben, Mais, Lupinen, Roggen und Hafer werden angebaut. Zudem betreibt Lenschow auf 96 Hektar Grassamenvermehrung. 257 Hektar wurden aus der Bewirtschaftung genommen und dienen nun als Pufferzonen, Ackerrandstreifen oder Ackersölle.

Auch Tierhaltung spielt eine große Rolle auf Bartelshagen 1. 475 Milchkühe, 200 Mutterkühe mit Kälbern und 600 weibliche Jungrinder zur Nachzucht stellen das Rinderinventar. Daneben leben noch 6.000 Stück Freilandgefügel auf dem Betrieb. Das Geflügel wird während der weniger arbeitsreichen Wintermonate von den Mitarbeitern auf dem Betrieb geschlachtet und küchenfertig im eigenen Hofladen oder auf lokalen Regionalmärkten verkauft. Winterbraugerste wird seit 20 Jahren angebaut und direkt an eine nahegelegene Mälzerei in Rostock verkauft. Ein weiterer Vermarktungszweig ist Qualitätsrindfleisch. Seit einigen Jahren ist Bartelshagen 1 Vertragspartner eines Vermarktungsunternehmens für nachhaltig erzeugtes Rindfleisch.

Umweltschutz auf Bartelshagen 1

Als besondere Maßnahme gegen den Austrag von Nährstoffen in die angrenzenden Gewässer werden auf Bartelshagen 1 auf allen bewirtschafteten Flächen 20 Meter Schutzstreifen angelegt – gesetzlich vorgeschrieben sind lediglich fünf Meter. Aber nicht nur was aus dem Betrieb rausgeht, sondern auch was in den Betrieb reinkommt, hat Wilfried Lenschow fest im Griff. So verzichtet er schon seit vielen Jahren auf den Zukauf von Sojafuttermitteln und setzt stattdessen auf Lupine – eine heimische Hülsenfrucht, die nicht nur wertvolles Eiweiß für die Fütterung der Tiere liefert, sondern auch den Insekten als Nahrungsquelle dient.

Kornblumen in der Braugerste © Sonja Ritter / WWF
Kornblumen in der Braugerste © Sonja Ritter / WWF

Und auch der Boden profitiert vom Anbau der Lupine, die mit ihren langen Wurzeln sogar tiefe Bodenschichten auflockert. Um den Bedarf an Düngemitteln noch besser einschätzen zu können, ließ Lenschow über einige Jahre durch die Landesforschungsanstalt Mecklenburg- Vorpommern Exaktversuche zur Düngungsintensität in Wintergerste und Winterweizen durchführen. Besonderes Untersuchungsziel war der Einfluss der Stickstoffdüngung auf den Ertrag und die Qualität. Auf Grundlage dieser Untersuchungen hat er seine Düngestrategie überarbeitet und lädt auf Feldtagen auch andere Landwirte zu sich ein, damit sie sich ein Bild machen können.

 

Die breit aufgestellte Fruchtfolge bringt gute Vorfruchteffekte für die Folgekultur und auch die Sortenauswahl wurde in Hinsicht auf den Nährstoffbedarf und der Qualitätssicherheit angepasst. Der Anbau von Winterbraugerste seit etwa 20 Jahren ist fast ein Alleinstellungsmerkmal der Genossenschaft. Der Stickstoffbedarf liegt ca. 30 Prozent unter dem der Futtergerste, was sich positiv auf die Nährstoffbilanz des Betriebs auswirkt. Mit der Aussaat von 200 Hektar Winterzwischenfrüchten wird ein großer Teil der im Frühjahr zu bestellenden Flächen begrünt. Zwischenfrüchte werden in der Zeit nach der Ernte und vor der Aussaat angebaut, damit sie die vorhandenen Nährstoffe speichern, organische Masse in den Boden bringen und den Aufbau von Humus fördern. So lässt sich die Gefahr der Nährstoffauswaschung und der Erosion verringern.

 

Als konventioneller Landwirt setzt Wilfried Lenschow auch chemische Pflanzenschutzmittel ein, doch konnte er deren Einsatz über die Jahre erfolgreich reduzieren. Bartelshagen 1 war Teil des vom Bundeslandwirtschaftsministerium initiierten Modellvorhabens „Demonstrationsbetriebe integrierter Pflanzenschutz“, welches zwischen 2010 und 2018 lief. Um weniger Chemie einsetzen zu müssen, integriert er in die regionstypische Fruchtfolge Winterraps-Winterweizen-Wintergerste gezielt Futterpflanzen oder Zwischenfrüchte. Der Zwischenfruchtanbau erfolgt auf einem Großteil der Flächen über Phacelia mit anschließender Mulchsaat. Speziell ausgebildete Mitarbeiter beurteilen seit vielen Jahren das Auftreten von Beikräutern, Pilzkrankheiten und Insekten, wodurch die Einhaltung optimaler Termine und Intensitäten erleichtert wird. Prophylaktische Pflanzenschutzmaßnahmen sind seltener geworden und ganzflächige Insektizidbehandlungen die absolute Ausnahme.

Landwirt und Vogelfreund

Schwalbennest © Sonja Ritter / WWF
Schwalbennest © Sonja Ritter / WWF

Neben der Landwirtschaft hat Wilfried Lenschow noch eine weitere Leidenschaft: die Vogelwelt. Dass sich beides wunderbar vereinbaren lässt, zeigt er auf Bartelshagen 1 eindrucksvoll. 2015 zählte er 130 Schwalbenpaare auf seinem Betrieb. Sogar die seltene Uferschwalbe hat es sich in der Nähe des Kuhstalles gemütlich gemacht. Platz für Vögel, Amphibien, Insekten und andere Wildtiere aller Art bietet Bartelshagen 1 reichlich. So dienen die bereits erwähnten 20 Meter Gewässerrandstreifen nicht nur der Vermeidung von Nähstoffaustrag, sondern bieten vielen Tieren einen wertvollen Lebensraum.

 

Auch entlang der 15 Kilometer renaturierten Fließgewässer lassen sich allerlei Tiere beobachten. Auf fünf Kilometern wurden Grabenläufe entrohrt und offene Bachläufe angelegt. Und damit nicht genug: Ackersölle sind für das eiszeitlich geprägte norddeutsche Tiefland typische Kleingewässer, ähnlich wie Tümpel, die inmitten der Agrarlandschaft wichtige Biotope darstellen. Im Zuge der Intensivierung wurden zu LPG-Zeiten viele der Ackersölle zugeschüttet. 16 dieser Ackersölle ließ Wilfried Lenschow wieder ausgraben und renaturieren. "Landwirtschaft und Umweltschutz können nur Hand in Hand funktionieren. Ich freue mich sehr, dass durch unsere Maßnahmen wieder mehr Vögel und viele andere Tiere auf unseren Flächen heimisch geworden sind. Und sie geben uns viel zurück: 130 Schwalbenpaare, Feldlerchen, Kiebitze und all die anderen Vogelarten sind der beste Pflanzenschutz, den man sich vorstellen kann", berichtet Lenschow stolz.

 

Besonders am Herzen liegen ihm aber die Störche. Regelmäßig fährt er durch die Landschaft und kontrolliert die Storchennester, kennt jedes einzelne Brutpaar und deren Nachkommen. Und sein Engagement zahlt sich aus. 2018 wurden im Stadtgebiet von Marlow 15 Storchennester gezählt. Und auch dem Bienenschutz hat sich Lenschow verschrieben. Erstmalig wurde im Stadtgebiet von Marlow und dessen Ortsteilen Bienenweiden angelegt. Die Initiative mit den Bienenweiden ging von der Genossenschaft aus und findet mittlerweile breite Unterstützung bei den Bauern in der Umgebung. In diesem Jahr wollen alle Bauern der Stadt und des Umfeldes, ca. 2.200 Haushalten kostenlos Blühmischungen zur Verfügung stellen.

Die Jury für den Preis "Ostsee-Landwirt/in 2019" bestand aus Dr. Susanne Werner (Bauernverband Schleswig-Holstein e.V.), Dr. Reinhold Stauß (Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume des Landes Schleswig-Holstein (LLUR), Dr. Herwart Böhm (Thünen-Institut für Ökologischen Landbau), Dr. Harriet Gruber (Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei Mecklenburg-Vorpommern) und Michael Berger (WWF Deutschland).

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