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Stand: 26.11.2019

Unsere Meere sind bedroht

Die Ozeane sind Quelle des Lebens. Ihre schiere Größe und die Abgeschiedenheit ihrer Lebensräume haben sie für viele Jahrhunderte geschützt und widerstandsfähig gemacht. Diese Widerstandsfähigkeit wird jedoch zunehmend durch eine Vielzahl von menschlichen Eingriffen und Aktivitäten bedroht und geschwächt. Zusammen genommen haben die Folgen dieser Eingriffe das Potential, die Vielfalt der marinen Ökosystem, so wie wir sie kennen, langfristig zu zerstören.

Unsere Meere sind bedroht. © Robert Delfs / WWF
Unsere Meere sind bedroht. © Robert Delfs / WWF

Illegale und nicht nachhaltige Fischerei, Verschmutzung, unter anderem durch Plastikmüll, und die fortschreitende Zerstörung von Lebensräumen in Korallenriffen, Flachmeeren, offenen Ozeanen und an den Küsten haben die Bestände vieler Arten von Meerestieren auf den niedrigsten Stand seit Menschengedenken schrumpfen lassen. Gerade in Anbetracht der Klimakrise, die das Meer zusätzlich in enormen Stress versetzt, liegt darin eine erhebliche Gefahr. Was, wenn es sich mit der Gesundheit des Ozeans nicht viel anders verhält als beim Menschen: ein gesundes System kann Angriffe deutlich besser abwehren – ein geschwächtes ist angreifbar und droht zu kollabieren.

 

Deshalb setzt sich der WWF auf unterschiedlichen Ebenen für den Erhalt gesunder und widerstandsfähiger Ozeane ein: durch politische Arbeit auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene, in konkreten Naturschutzprojekten von den Polarregionen bis in die Tropen und sowie durch Öffentlichkeitsarbeit.

Tourismus

Ob Tauchen Schnorcheln, eine Kreuzfahrt unternehmen oder einfach am Strand liegen und die Meeresbrise genießen, der Meeres- und Küstentourismus ist Fluch und Segen gleichermaßen. 60 Prozent aller Europäer bevorzugen den klassischen Strandurlaub und für den Badeurlaub geben mehr als 80 Prozent der US Touristen ihr Reisebudget aus. Die vom Tourismus stark beanspruchten Küstenregionen sind gleichzeitig die Heimat der weltweit wertvollsten und empfindlichsten Ökosysteme wie Korallenriffe, Dünen, Feuchtgebiete oder Mangroven.

 

Von diesen intakten Meeres-Küstensystemen hängt die Lebensgrundlage eines Großteils der lokalen Bevölkerung ab, die direkt am Meer und vom Meer leben. Der Reisesektor ist der am schnellsten wachsende Wirtschaftszeig. 2016 waren laut UNWTO 1,2 Milliarden Touristen unterwegs (1950: 25 Millionen weltweit). Die jährlich steigenden Touristenzahlen sorgen nicht nur für Arbeitsplätze und Wohlstand, sondern beanspruchen immer mehr dieser wertvollen Ökosysteme, sei es durch den Bau von Hotelkomplexen, Häfen und Straßen, die für eine touristische Infrastruktur notwendig sind. Um Touristenmassen weiterhin bedienen zu können, müssen nicht nur natürlichen Ökosysteme weichen, sondern es werden lebensnotwendige Ressourcen übernutzt. Das business-as-usual Szenario prognostiziert dem nicht nachhaltig gestalteten Tourismus Wachstumsraten von Treibhausgasemissionen von 131 Prozent, einen Trinkwasserkonsum von 152 Prozent und die Verursachung von Müll und Abwasser von 251 Prozent bis 2050.

 

Schon heute sind Küstendestinationen und Inselgruppen durch den ungeregelten Tourismus überfordert und verfügen nicht über ausreichende Regeln und Gesetze sowie über notwendige Managementstrukturen, die Belastung einzuschränken und zu kontrollieren. Die Folgen sind uns allen bekannt: Zerstörung und Verschmutzung der Meeres- und Küstenlebensräume und dramatischer Rückgang der marinen Arten.

Lärmverschmutzung

Meeressäuger wie der Schweinswal haben ein sensibles Gehör © naturepl.com / Florian Graner / WWF
Meeressäuger wie der Schweinswal haben ein sensibles Gehör © naturepl.com / Florian Graner / WWF

Große Teile der Meere sind in ständiger Dunkelheit. Viele Meerestiere, wie Wale und Delfine, aber auch Fische, sind daher besonders abhängig von ihrem Hörvermögen, während die Sicht eher zweitrangig ist. Durch eine immer stärker werdende Lärmverschmutzung wird die Nutzung des Hörsinns jedoch immer mehr eingeschränkt: Schiffsmotoren, Unterwasserbaumaßnahmen und Explosionen zur Erdölerkundung sowie militärisches Sonar sind vielerorts besonders für Wale und Delfine eine schädliche Geräuschkulisse, wodurch sie gestresst werden, ihr Verhalten ändern und die Reichweite ihrer Kommunikation eingeschränkt wird. Extreme Schallbelastungen können sogar tödlich enden. 

Ressourcenausbeutung

Jedes Jahr werden Schätzungen zufolge weltweit 32 bis 50 Milliarden Tonnen Sand und Kies vornehmlich für die Produktion von Zement abgebaut. Der Abbau von Sand, Kies und Rotalgenkalk (Maerl) für den Bausektor stellt einen direkten Eingriff in die Bodenlebensräume und ihre Artenvielfalt dar. Durch das Abtragen des Meeresbodens werden nicht nur die Arten und Lebensräume auf der betroffenen Fläche, sondern auch in der direkten Umgebung in Mitleidenschaft gezogen. Überschüssiges Material wird wieder ins Meer gekippt und überschüttet so auch besonders artenreiche Steinriffe. Dadurch gehen zum Beispiel Kinderstuben für Fische verloren und andere Meerestiere wie zum Beispiel Schweinswale verlieren ihre Nahrungsgrundlage. In Deutschland findet Sand- und Kiesabbau aktuell im Naturschutzgebiet „Sylter Außenriff“ statt, welches vor allem für Schweinswale ein entscheidendes Nahrungs- und Fortpflanzungsgebiet ist. Der WWF hat sich unter anderem durch eine Beschwerde bei der EU-Kommission dafür eingesetzt, dass Sand- und Kiesabbau in Meeresschutzgebieten mit schützenswertem Bodenleben nicht stattfindet.

 

Die Erkundung von Lagerstätten und Förderung fossiler Energieträger wie Öl und Gas aus geologischen Schichten unter dem Meeresboden ist mit großen Belastungen der Ozeane und Risiken für die Meeresumwelt verbunden. Nicht nur Unfälle an Förderplattformen sind ein hohes Risiko für marine Ökosysteme, sondern auch der alltägliche Förderbetrieb verschmutzt das Meer fortlaufend mit Chemikalien, ölhaltigen Abwässern und giftigen Bohrschlämmen – auch in der Nordsee, wo Hunderte solcher Anlagen stehen. Der Stress für Meeresbewohner wie Schweinswale und Delfine beginnt aber schon mit der seismischen Erkundung von Lagerstätten durch sogenannte Schallkanonen, deren Impulse das lebenswichtige Gehörorgan dieser Tiere schädigen und verletzen können. Der WWF setzt sich dafür ein, Öl- und Gaserkundung in Meeresschutzgebieten nicht zuzulassen und stillgelegte Anlagen nur an Land entsorgt werden dürfen. Für große Teile der Ostsee konnte durchgesetzt werden, dass keine Ölerkundung und Förderung zugelassen werden.

Tiefseebergbau

Tiefseefisch Aphyonus gelatinosus im Nordatlantik. © naturepl.com / David_Shale / WWF
Tiefseefisch Aphyonus gelatinosus im Nordatlantik. © naturepl.com / David_Shale / WWF

Mit dem zunehmenden Bedarf an Rohstoffen und Edelmetallen, insbesondere für IT-Technologien und -Produkte, sind in den letzten Jahren auch die marinen mineralischen Rohstoffe in der Tiefsee ins Visier von Staaten und Unternehmen gerückt. Dabei geht es um Manganknollen, kobalthaltige Krusten an den Hängen von Seebergen und polymetallische Sulfide, die sich rund um Hydrothermalquellen am Meeresboden in mehreren Tausend Metern Wassertiefe ablagern. Bereits heute sind von der Internationalen Meeresbodenbehörde Lizenzen zur Erkundung dieser Rohstoffe auf einer Fläche von mehr als 1.5 Millionen Quadratkilometern vergeben worden.

 

Ein kommerzieller Abbau dieser Ressourcen hat noch nicht begonnen, da vorerst noch ein internationales Regelwerk beschlossen werden muss. Ein großflächiger Abbau dieser Rohstoffe in den bisher fast unberührten Tiefen der Ozeane hätte nach Einschätzung der Wissenschaft erhebliche und zum Teil unkalkulierbare Auswirkungen auf die Meeresumwelt. Daher lehnt der WWF einen kommerziellen Tiefseebergbau ab.

Eutrophierung – Nährstoff-Einträge aus der Landwirtschaft

Die Überdüngung der Meere ist vor allem für unsere flachen Küstenmeere ein zentrales Umweltproblem. Die Pflanzennährstoffe Phosphor und Stickstoff werden von stark gedüngten Feldern ins Meer geschwemmt. Hinzu kommen Stickstoffeinträge aus der Luft von Abgasen aus Verkehr, Heizungen und Industrieanlagen. Die Folgen sind so fatal wie vielfältig, denn Stickstoff und Phosphor wirken auch im Meer als Dünger für Meerespflanzen: Feine Grünalgen überwuchern zum Beispiel Seegraswiesen und Braunalgenwälder vor der Küste, die dann absterben, weil ihnen das lebensnotwendige Sonnenlicht fehlt. So ist zum Beispiel in der Ostsee die Zone, in die genug Licht gelangt, damit Pflanzen dort wachsen von über zehn auf sechs Meter Tiefe verringert worden.

 

Hinzu kommen in Sommermonaten Blaualgen (Cyanobakterien), die sich mit Hilfe von Phosphor aus dem Wasser und Stickstoff aus der Luft massenhaft vermehren. All diese Algen und Bakterien sinken nach dem Absterben auf den Meeresgrund, wo andere Mikroorganismen sie mit Hilfe von Sauerstoff zersetzen. In diesem Prozess wird der Sauerstoff im Wasser und am Meeresboden verbraucht – es entstehen großen Todeszonen. Die aus dem Abbau freigesetzten Nährstoffe lösen einen neuen Wachstumskreislauf aus. Der Sauerstoffmangel führt in der Ostsee regelmäßig zu einem Kollaps aller Bodenlebewesen in großen Regionen und auch zu Massen-Fischsterben. 

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