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Über die Vereinbarkeit von Menschenrechten und Naturschutz

Wildhüterin © Green Renaissance / WWF
Wildhüterin © Green Renaissance / WWF

Die in den vergangenen Tagen erhobenen Anschuldigungen in den Medien haben uns erschüttert. Umso wichtiger war es für uns, von euch so viel Zuspruch, Ermutigung und positive Botschaften zu erhalten. Für diese wunderbare Unterstützung möchten wir uns als WWF-Team ganz herzlich bei euch, bei all unseren Spendern, Förderern, Partnern, Petitenten und Unterstützern bedanken! Wir arbeiten hart an der transparenten Klärung der Vorwürfe und sind froh, dabei von bewährten Menschenrechtsexpertinnen und -experten unterstützt zu werden. Wir werden auch weiterhin alles dafür tun, euer Vertrauen nicht zu enttäuschen.

Vielen Dank.

WWF bestürzt über BuzzFeed-Vorwürfe

Engagement in Bürgerkriegs- und Krisenregionen wird untersucht. / Unabhängige Menschenrechtsexperten mit Aufarbeitung befasst.


05.03.2019

Die schwerwiegenden Vorwürfe des BuzzFeed-Artikels vom 04.03.2019 haben uns zutiefst bestürzt. Es wurde daher sofort ein internationales Krisenteam eingerichtet und zusammen mit externen Menschenrechtsexperten eine umfassende Untersuchung eingeleitet. Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, wird dies Konsequenzen zur Folge haben.

Wir sind in den weltweit schwierigsten und gefährlichsten Orten im Einsatz: in Bürgerkriegs- und Krisenregionen oder in Staaten, die unserem eignen Verständnis von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit teilweise fundamental entgegenstehen. Wir sehen uns nicht selten mit Gewalt und kriegerischen Konflikten, organisierter Kriminalität und einer skrupellosen, milliardenschweren Wildtier-Mafia konfrontiert, die vor nichts zurückschreckt. Zugleich ist in vielen Staaten der Welt Naturschutzarbeit nur möglich, wenn man als Nichtregierungsorganisation bereit ist, mit staatlichen Stellen, wie etwa Nationalparkverwaltungen, Naturschutzbehörden, Justiz und Polizei oder gar der Armee zusammenzuarbeiten. In diesen schwierigen Regionen und in diesem kritischen Umfeld müssen Naturschutzorganisationen agieren, auch wenn das oftmals eine Gratwanderung darstellt. Niemand darf beim Kampf gegen Wilderei und die Zerstörung unserer Natur selbst zum Täter werden.

Der WWF versteht sich als Teil einer starken, unabhängigen Zivilgesellschaft. Für uns hat die Achtung der Menschenrechte oberste Priorität. Wir arbeiten in jedem unserer Projekte mit den Menschen vor Ort eng zusammen. Der WWF trägt in vielen Ländern aktiv zum Aufbau einer starken Zivilgesellschaft bei. Aus diesem Selbstverständnis heraus legen wir an uns und unser Engagement höchste Maßstäbe an. Wir überarbeiten und schärfen unsere Richtlinien bereits seit einigen Monaten grundlegend. Im Licht der Vorwürfe werden wir sie nun ganz besonders in den Fokus rücken.

Wir arbeiten die Vorwürfe transparent und umfassend durch unsere eigenen Mitarbeiter und zugleich durch unabhängige Dritte auf. Die Zentrale von WWF International hat hierfür die Londoner Kanzlei Kingsley Napley engagiert. BuzzFeed wurde gebeten, uns weitere Informationen und Beweise zur Verfügung zu stellen, um eine Überprüfung möglichst schnell abschließen zu können.

Darüber hinaus hat der WWF Deutschland Markus Löning und sein Institut „Human Rights & Responsible Business“ als unabhängigen Menschenrechtsberater engagiert. Löning war von April 2010 bis Januar 2014 Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung. Ein erster Zwischenbericht Lönings soll voraussichtlich im April vorliegen.

Menschen und Naturschutz

04.03.2019: Ein Kommentar von WWF-Vorstand Christoph Heinrich

Wildhüter und Nashorn © WWF
Wildhüter und Nashorn © WWF

Der WWF Deutschland arbeitet weltweit für den Schutz der Natur und der Menschen vor Ort, die auf die nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen angewiesen sind. Dabei sind wir an einigen der schwierigsten und gefährlichsten Orte im Einsatz: in Bürgerkriegs- und Krisenregionen oder in Staaten mit schwieriger Menschenrechtslage, die unserem eigenen Verständnis von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit entgegenstehen. Die Arbeit in solchen Regionen stellt den WWF vor besondere Herausforderungen. Dennoch werden wir Mensch und Natur in Krisengebieten nicht alleine lassen.

Unsere Arbeit ist in vielen Staaten der Welt nur möglich, wenn wir bereit sind, mit staatlichen Stellen, wie etwa Nationalparkverwaltungen, Naturschutzbehörden, Justiz und Polizei oder gar der Armee zusammenzuarbeiten.

Ein Ausweg aus diesem Konflikt wäre, sich aus Regionen mit undemokratischen Regierungen und mit Menschenrechtsverletzungen komplett zurückzuziehen und die Arbeit vor Ort einzustellen. Die Folgen wären jedoch nicht nur für die Natur verheerend, sondern auch für die Menschen vor Ort und die lokalen Gemeinschaften, mit denen wir eng zusammenarbeiten und deren Überleben und Wohl vom Erhalt ihrer Heimat abhängt. Das Einstellen unserer Arbeit könnte dazu beitragen, kriminellen Banden und mafiösen Wildererstrukturen freie Bahn für den Raubbau an der Natur zu bieten.

Wir müssen auch in Krisengebieten Mensch und Natur schützen

Der Weg, den wir seit Jahrzehnten wählen und auch grundsätzlich weiterhin wählen werden, ist, dass wir unsere Arbeit in Krisenregionen nicht einstellen. Wir können die Natur und die Menschen vor Ort nicht alleine lassen. Doch für uns als Richtschnur gilt, dass wir keine Zusammenarbeit suchen, wo erkennbare oder erwartbare Menschenrechtsverletzungen zu befürchten sind. Zudem versuchen wir stets, durch unseren Einfluss auf eine Verbesserung der Rechtsstaatlichkeit hinzuwirken. So haben wir beispielsweise in Dzanga-Sangha in der Zentralafrikanischen Republik und im Salonga Nationalpark in der Demokratischen Republik Kongo Leitfäden zu Menschenrechtsausbildungen der Wildhüter erstellt. Dort, wo es wenig Unterstützung für die Menschenrechte der Minderheiten, wie in Dzanga-Sangha gibt, haben wir z.B. geholfen, ein Menschenrechtszentrum mit Rechtsberatung für die Indigenen zu etablieren.

Wie kann Naturschutzarbeit in Krisengebieten gelingen?

Ranger in Vietnam gegen Wilderei © WWF
Ranger in Vietnam gegen Wilderei © WWF

Da der WWF das staatliche Gewaltmonopol nicht ersetzen kann und will, müssen wir in den Schutzgebieten mit der Nationalparkverwaltung zusammenarbeiten. Oft ist diese völlig unterbesetzt, schlecht bis gar nicht ausgestattet, mit ungewissen Gehaltszahlungen, manchmal sind Individuen korrupt, manchmal auch in kriminelle Machenschaften verwickelt. Das kann man bemängeln, aber die völlige Abwesenheit von staatlicher Rechtspflege ist weitaus schlimmer als ungenügende staatliche Rechtspflege. Anarchie liefert Menschen und Natur kriminellen Banden, Warlords oder schlicht dem am besten Bezahlenden aus. Insofern ist jedes noch so bescheidene Funktionieren der staatlichen Gewalt besser als deren Ausfall. Wir können im Interesse der Wildtiere und auch der Menschen die Gegenwehr nicht aussetzen. Dabei bleibt uns keine Wahl: Wir müssen bei der Durchsetzung von Recht und Gesetz auf die einzige Instanz setzen, die dafür legitimiert ist: den Staat. Selbst wenn dieser nicht unseren Standards von Rechtsstaatlichkeit entspricht.

Auf diesen Säulen müssen wir dann unsere Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen aufbauen. Wilderei wurde in vielen afrikanischen Ländern von Teilen der Regierung nicht ernsthaft verfolgt. Dort, wo die Regierung einen Willen fasste, der Wilderei Einhalt zu gebieten, hat sich der Justizapparat schwer getan, diese Delikte auch zu verfolgen. In Kamerun zum Beispiel werden selten die Auftraggeber von Wilderei verurteilt und inhaftierte Elfenbein-Wilderer werden aufgrund von Interventionen durch Politiker wieder freigelassen. Staatsanwälten und Richtern fehlt das Wissen, das Problem- und Rechtsbewusstsein. Hier haben wir in einigen Ost- und Zentralafrikanischen Ländern durch Schulungen nachgeholfen. In unseren zentralafrikanischen Projektgebieten waren wir mit dem Problem konfrontiert, dass inhaftierte Wilderer durch Korruption nach kurzer Zeit wieder freigesetzt wurden – und Rache nahmen.

Respekt vor Menschenrechten als oberste Priorität

Wer einen Einblick in die Institutionen und Apparate undemokratischer Systeme gewinnt, kann leicht verzweifeln. Zu schwierig scheint der Kampf gegen kriminelle Wilderer-Banden und den Raubbau an der Natur, der von korrupten Institutionen gedeckt wird. Doch genau in diesen schwierigen Regionen müssen wir aktiv bleiben, auch wenn das oftmals eine Gratwanderung für uns darstellt. Wir dürfen beim Abwehrkampf der Wilderei und Umweltzerstörung nicht selbst zu Tätern werden. Deshalb hat für uns und unsere Mitarbeiter die Achtung der Menschenrechte oberste Priorität. Wo wir Kenntnis von Menschenrechtsverletzungen erhalten, müssen wir das adressieren und dazu beitragen, Abhilfe zu schaffen.

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