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Stand: 21.09.2018

Geben wir unserer wilden Natur ein Zuhause

Für einen dritten Nationalpark in Bayern!

Das fordern nicht nur BUND Naturschutz und WWF Deutschland. Laut einer Emnid-Umfrage vom März 2018 wünschen sich 64 Prozent der bayerischen Bevölkerung einen dritten Nationalpark. Zwei Dritteln der Deutschen gefällt Natur umso besser, je wilder sie ist. Die beiden existierenden Nationalparke sind wichtige Freiräume für Mensch und Natur. Sie dienen als Bollwerke gegen den dramatischen Artenschwund. 60 Prozent aller Nachtfalterarten Bayerns leben im Nationalpark Berchtesgaden, unglaubliche 2.168 Käferarten wurden im Nationalpark Bayerischer Wald nachgewiesen. In der Region Berchtesgaden sind laut Bayerischem Umweltminister Marcel Huber fast 90 Prozent der Meinung, der Nationalpark verbessere ihre Lebensqualität. Und Bürgermeister wie etwa Alfons Schinabeck aus Neuschönau freuen sich, dass in ihren Gemeinden viele Menschen entweder direkt bei der Nationalparkverwaltung beschäftigt sind oder ihre Arbeitsplätze in Hotellerie, Gastronomie, Einzelhandel und dem Dienstleistungsbereich indirekt vom Nationalpark abhängen.

Mit den beiden existierenden Nationalparken und den Kernzonen des Biosphärenreservats Rhön sind in Bayern bisher 0,5 Prozent der Landesfläche ohne Nutzungsdruck. Zwei Prozent sollten es bis 2020 werden. Dieses Ziel wurde 2007 von der schwarz-roten Bundesregierung für ganz Deutschland in der „Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt“ festgelegt. Denn: Naturschutz braucht unzerschnittene Räume. Leider wurde das wichtigste Naturschutzprojekt Bayerns, die Suche nach einem dritten Nationalpark, im April 2018 gestoppt!

Wir fordern die kommende Landesregierung dazu auf, der wilden Natur auch in Bayern ein Zuhause zu geben. Kein anderes Bundesland hat ein größeres Potenzial zur Etablierung großflächiger Naturräume als Bayern, z.B. in den Laubwaldgebieten in Franken, in den Auwäldern entlang südbayerischer Flüsse oder im Hochgebirge. Die Suche nach einem geeigneten Standort für einen dritten Nationalpark in Bayern muss daher dringend wieder aufgenommen werden!

Einer Umfrage der Abendzeitung vom 12.9.2018 können Sie entnehmen, wie die unterschiedlichen Parteien zu einem dritten Nationalpark in Bayern stehen. Bilden Sie sich Ihre Meinung.

Der gesellschaftliche Konsens und die Realität in Bayern

Das Ziel: Natur Natur sein lassen auf zwei Prozent der Fläche in Deutschland © Sigrun Lange / WWF
Ammergebirge Bäckeralm © Sigrun Lange / WWF

Am 7. November 2007 verabschiedete die Bundesregierung die „Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt“. Die Koalitionspartner CDU, CSU und SPD machen damit deutlich: Wir alle sind auf eine intakte Natur und Landschaft angewiesen. Wir bewirtschaften und formen sie nach unseren Bedürfnissen. Böden, Flüsse, Wälder oder Wiesen sind aber nicht beliebig belastbar. Weltweit ist ein alarmierender Rückgang der natürlichen Vielfalt zu beobachten, auch in Deutschland und Bayern. Die Koalitionspartner wollen daher alle gesellschaftlichen Kräfte mobilisieren, um den Verlust der Arten und Naturräume in Deutschland zu verringern und schließlich zu stoppen. Wie könnte das funktionieren? Zum Beispiel, indem sich der Mensch darauf beschränkt, nur 98 Prozent der Fläche Deutschlands als Kulturland zu nutzen und zu verändern. Auf mindestens zwei Prozent der Fläche (ca. 714.000 Hektar) sollte sich die Natur nach ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten entwickeln dürfen, frei von menschlicher Prägung. Dieses Ziel soll bis zum Jahr 2020 erreicht werden und zwar überwiegend auf großen Flächen (mindestens 500 bzw. 1.000 Hektar, je nach Lebensraum), also etwa in Nationalparken, auf nicht mehr in der Nutzung befindlichen Truppenübungsflächen, im Hochgebirge oder entlang von Flussläufen.

Natur Natur sein lassen – warum?

Ein Stück Land nicht zu nutzen, nicht zu fragen, wie können wir damit Geld verdienen, wie können wir es nach unseren Vorstellungen formen – was bringt uns das? --> Weiterlesen

Aufbruch: Verschiedene Wege zu mehr wilder Natur in Deutschland

Buchenwald im Spessart © Michael Kunkel
Buchenwald im Spessart © Michael Kunkel

Der wilden Natur ein Zuhause geben, das will nicht nur die Große Koalition, sondern auch eine Mehrheit der Bevölkerung: Zwei Dritteln der Menschen gefällt Natur umso besser, je wilder sie ist. Das hat eine Naturbewusstseinsstudie aus dem Jahr 2013 ergeben. Laut einer Emnid-Umfrage im März 2018 befürworten 64 Prozent der bayerischen Bevölkerung einen dritten Nationalpark im Freistaat. Einige Bundesländer bemühen sich bereits darum, dem visionären 2-Prozent-Ziel einen kleinen Schritt näher zu kommen: So etablierte etwa Baden-Württemberg 2014 einen Nationalpark im Schwarzwald. 2015 entstand der Nationalpark Hunsrück-Hochwald zwischen Saarland und Rheinland-Pfalz. Die hessische Landesregierung beschloss 2016, Naturwäldern wieder mehr Raum zu geben und mindestens fünf Prozent ihrer Waldfläche nicht mehr forstwirtschaftlich zu nutzen.

Doch während andere Bundesländer aktiv werden, setzt die bayerische Landesregierung weiter auf kooperativen Naturschutz und das Prinzip der Freiwilligkeit. Das 2-Prozent-Ziel wurde nie in die Bayerische Biodiversitätsstrategie aufgenommen. Dabei hat Bayern laut einer Studie des Bundesamts für Naturschutz aus dem Jahr 2015 das größte Potential aller Bundesländer zur Etablierung großflächiger Naturräume! Aktuell darf sich die Natur in Bayern nur auf knapp 0,5 Prozent der Fläche frei entfalten, vor allem in den beiden Nationalparkgebieten Berchtesgaden und Bayerischer Wald. Die Kernzonen im Biosphärenreservat Rhön und die 165 Naturwaldreservate in Bayern erlauben natürliche Prozesse dagegen nur auf kleinen Flächen. Aktuell nutzen wir 99,5 Prozent der bayerischen Landschaft nach unseren Bedürfnissen. Das Zwei-Prozent-Ziel liegt in weiter Ferne.

Der bayerische Weg: Schützen durch Nützen

In die bayerische Biodiversitätsstrategie aus dem Jahr 2008 wurde das Zwei-Prozent-Ziel nicht aufgenommen. Stattdessen soll der „bayerische Weg“ verfolgt werden, nämlich der kooperative Naturschutz. --> Weiterlesen

Positives Signal aus Bayern: Ein dritter Nationalpark ist erwünscht!

Donaudurchbruch Weltenburg © Wolgang Willner
Donaudurchbruch Weltenburg © Wolgang Willner

Im Sommer 2016 beschloss der Bayerische Ministerrat auf Anregung von Ministerpräsident Horst Seehofer überraschend: Wir wollen ein Ausrufezeichen beim Naturschutz setzen. Wir wollen einen dritten Nationalpark in Bayern! Und zwar ausschließlich auf Staatswaldflächen. Ulrike Scharf, damals noch bayerische Umweltministerin, begann einen engagierten Dialogprozess in potenziell geeigneten Regionen. Im Gespräch waren anfangs das Ammergebirge, der Steigerwald, der Spessart, der Frankenwald, die Rhön sowie die Donau- und Isarauen. Die großräumigen und noch relativ unzerschnittenen Staatswaldflächen im Spessart, im Nordsteigerwald und im Ammergebirge würden den Nationalparkkriterien am ehesten entsprechen. Im Rennen um einen dritten Nationalpark blieben Mitte 2017 aber nur die Rhön und die Donau- und Isarauen. Hier sollte ein intensiver Dialogprozess mit allen Akteuren folgen. Den ausgeschiedenen Nationalparkkandidaten wurden als Trostpflaster „substanzielle Maßnahmen zur Förderung des Natur- und Artenschutzes“ versprochen.

Wo könnte in Bayern ein Nationalpark entstehen?

Großflächig unzerschnittene Gebiete sind auch in Bayern selten geworden. Am ehesten findet man diese noch in den Laubwaldgebieten Frankens, den großflächigen Auwäldern südbayerischer Flüsse oder im Hochgebirge. --> Weiterlesen

Das traurige Erwachen: Betonbauten statt wilder Natur

Naturschutz braucht Fläche © Sigrun Lange / WWF
Ammergebirge Wald Kofel © Sigrun Lange / WWF

Mit seiner ersten Regierungserklärung im April 2018 stoppte Ministerpräsident Markus Söder das wichtigste Naturschutzprojekt Bayerns und sagte buchstäblich den dritten Nationalpark ab. Der Dialogprozess wurde abgebrochen. Den zuletzt diskutierten Regionen Rhön, Spessart und dem Donauraum um Neuburg verspricht er stattdessen Zentren für Umweltbildung und Naturerlebnis. Und das, obwohl im "Biodiversitätsprogramm Bayern 2030" von der Staatsregierung erläutert wird, dass auch im „dicht besiedelten Mitteleuropa Strukturen oder Flächen, die der natürlichen Entwicklung überlassen werden, einen besonderen Wert“ haben, „weil bestimmte, vielfach selten gewordene Tier- und Pflanzenarten überwiegend oder ausschließlich dort vorkommen“. Umweltzentren sind schön und gut. Doch Naturschutz braucht Fläche. Schaustücke in der Vitrine ersetzen keine Flächen, die sich selbst überlassen werden, um unbeeinflusstes Werden und Vergehen zu ermöglichen. „Wir kritisieren, dass lediglich Informationszentren gebaut werden sollen, statt Lösungen für drängende Probleme wie das Insektensterben oder die Versiegelung der Landschaft aufzuzeigen. Es müssen endlich mehr Flächen aus der Nutzung zu nehmen, um sie der eigenen Entwicklung zu überlassen“, so Diana Pretzell, Leiterin Naturschutz Deutschland des WWF Deutschland. "Mit diesem Rückzieher wird Bayern zum Schlusslicht in Deutschland bei der Ausweisung neuer und wirkungsvoller Schutzgebiete. Und es gibt seine frühere Vorreiterrolle im Naturschutz preis" so Richard Mergner, Vorsitzender des BUND Naturschutz in Bayern.


Die Absage an einen dritten Nationalpark ist nicht nur ein herber Rückschlag für den Naturschutz in Bayern. Es steht auch dem Willen der Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger in ganz Bayern entgegen, die laut einer Emnid-Umfrage vom März 2018 einen dritten Nationalpark befürworten. Und ein Schlag ins Gesicht all derjenigen Bürger, die sich in ihrer Heimat mit viel Engagement und Herzblut für einen Nationalpark einsetzen, wie im Steigerwald, im Spessart, in der Rhön, in den Donauauen und im Ammergebirge.

Wir in Bayern haben Lust auf Vielfalt. Und wir können auch wild sein. Wir wollen ungenutzte Wälder und Flusslandschaften erleben dürfen, weil sie von unbeschreiblicher Schönheit und herausragender Bedeutung für den Naturschutz sind. Geben wir unserer wilden Natur ein Zuhause. Für einen dritten Nationalpark!

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