WWF Deutschland

http://www.wwf.de/


Content Section

Stand: 20.12.2018

Standards für invasive Maßnahmen im Artenschutz - Richtlinien des WWF Deutschland

Elefantenbesenderung in Myanmar © Julia Thiemann / WWF
Elefantenbesenderung in Myanmar © Julia Thiemann / WWF

Definition und Anwendungsbereich: Bei Projekten und Programmen zum Schutz bedrohter1 Arten, ebenso wie beim Management natürlicher Ressourcen und der Forschung, können Maßnahmen erforderlich werden, die den Fang, die physische Handhabung, die Betäubung oder Umsiedlung von Individuen bedrohter Wildtierarten2 umfassen.

 

Alle Maßnahmen dieser Art werden vom WWF-Deutschland als “invasiv” eingestuft. Für sie gelten folgende Richtlinien.

Richtlinien

Umsetzung und Dokumentation: Für alle invasiven Maßnahmen und Projekte für bedrohte Tierarten, die der WWF Deutschland finanziert, unterstützt und/oder selbst durchführt, muss ein Planungs- und Durchführungsprotokoll erstellt und befolgt werden, das die Einhaltung der nachfolgenden Richtlinien und der allgemeinen Sorgfaltspflichten belegt3. Der WWF Deutschland stellt deren Einhaltung in allen Projekt- und Vertragsvereinbarungen sicher und kontrolliert und dokumentiert die Einhaltung.

  1. Wissenschaftliche Begründung: Alle invasiven Maßnahmen und Projekte müssen einen wissenschaftlich fundiert belegten, deutlichen Nutzen für die langfristige Erhaltung der jeweiligen Art haben. Gründliche Untersuchungen oder Machbarkeitsstudien müssen klar zeigen, dass und warum diese Maßnahmen die am besten geeigneten sind, um die angestrebten Ziele zu erreichen. Sie müssen zudem belegen, dass diese Ziele mit nicht-invasiven Methoden unerreichbar wären. In jedem Falle müssen die am wenigsten invasiven Methoden gewählt werden, mit denen die angestrebten Ziele erreichbar sind.

  2. Internationale Standards: Planung und Durchführung invasiver Maßnahmen und Projekte müssen vollständig im Einklang mit den entsprechenden Standards der IUCN4 stehen - soweit vorhanden - und mit der jeweiligen Spezialistengruppe der IUCN oder anderer relevanter Institutionen (EAZA/EEP5) abgestimmt werden. Alle Durchführungspartner müssen diese Standards akzeptieren und entsprechend einer schriftlich zu treffenden Vereinbarung einhalten.

  3. Wissenschaftliche Begleitung & Datenzugang: Bei allen invasiven Maßnahmen, die vom WWF-Deutschland finanziert, unterstützt und/oder durchgeführt werden sollen, muss ein unabhängiger, nachweislich kompetenter, wissenschaftlicher Partner an Entwicklung, Durchführung und Monitoring beteiligt sein. Dieser Partner darf nicht gleichzeitig direkt für die Durchführung verantwortlich sein oder von dieser profitieren. Diese Beteiligung muss von allen beteiligten (Durchführungs-)Partnern akzeptiert und mit diesen vertraglich oder per MoU6 festgelegt werden. Dabei müssen sich alle beteiligten Partner verpflichten, alle relevanten Daten und Dokumente (wie z.B. Pläne, Studien, Proben/Analyse-Ergebnisse) die in direktem Projektzusammenhang vor, während und nach den geplanten Maßnahmen erstellt wurden, zu teilen. Alle Partner müssen dem WWF und seinen wissenschaftlichen Partnern vollen Zugang zu allen Projektorten, Maßnahmen und Informationen im Projektzusammenhang garantieren, sowie das Recht einräumen, relevante Daten vor Ort selbst zu erheben. Art und Umfang der zu erhebenden und zu teilenden Daten und Informationen werden vertraglich festgelegt.

  4. Veröffentlichungen auch von Fotos oder anderen Kommunikationsmitteln aller Beteiligter, im Zusammenhang mit solchen Maßnahmen und Projekten, die vom WWF Deutschland finanziert, unterstützt und/oder durchgeführt werden, müssen klar nachvollziehbare Quellenangaben aufweisen, auf das gemeinsame Projekt verweisen und - soweit anwendbar - internationale Publikationsstandards einhalten.7

  5. Verantwortlichkeiten: Eine klare Verteilung der Rollen, Aufgaben und Verantwortlichkeiten aller (Durchführungs-)Partner für alle invasiven Maßnahmen und Projekte muss vor Projektbeginn verbindlich festgelegt werden. Hierbei muss ein klares Prozedere für den Informationsaustausch und die Entscheidungsfindung, auch im Fall von Krisen und Problemen bei der Projektdurchführung, festgelegt werden.

  6. Risikomanagement: Ein vollständiger Implementierungsplan, in Übereinstimmung mit den IUCN-Standards (soweit vorhanden), einschließlich einer umfassenden Analyse von Risiken und ihrer Minimierung/ Mitigierung muss entwickelt und mit allen Partnern verbindlich vereinbart werden. Hierbei werden die Spezialisten für Artenschutz und Risikomanagement des globalen WWF-Netzwerks konsultiert. Zusätzlich müssen diese Dokumente mit kompetenten externen Fachleuten und der jeweiligen IUCN-Spezialistengruppe abgestimmt werden, bevor der WWF Deutschland entsprechende Verträge abschließt.

  7. Compliance: Alle invasiven Maßnahmen und entsprechende Projekte müssen vollständig den relevanten nationalen Gesetzen der betroffenen Länder und internationalen Vereinbarungen entsprechen und mit den jeweiligen Artenschutzstrategien des WWF und der IUCN übereinstimmen (soweit vorhanden).

  8. Dokumentation: Alle invasiven Maßnahmen und entsprechenden Projekte, erzielte Resultate und Daten, ebenso wie mögliche Probleme werden vollständig dokumentiert und an die Artenschutz-Arbeitsgruppe des WWF International berichtet. Die Abschlussberichte werden der jeweiligen IUCN-Spezialistengruppe und den jeweiligen wissenschaftlichen Partnern zugänglich gemacht. Alle (Durchführungs-)Partner müssen diesem Informationsaustausch zustimmen und sich vollumfänglich daran beteiligen.

  9. Durchsetzung der Richtlinien: Der WWF Deutschland übernimmt insbesondere gegenüber Gebern und Unterstützern die volle Verantwortung dafür, vor einer geplanten Finanzierung, Unterstützung und/oder Durchführung die Einhaltung der aufgeführten Richtlinien vertraglich mit allen Beteiligten sicherzustellen. Wo erforderlich, wird der WWF Deutschland Kapazitäten für das weltweite WWF-Netzwerk und seine Partner bereitstellen, finanzieren oder anderweitig sichern, um die Einhaltung dieser Standards und Richtlinien in jedem entsprechenden gemeinsamen Projekt sicherzustellen. Falls ein beteiligter Partner diese Standards nicht vollständig akzeptiert und einhält, wird der WWF Deutschland sofortige und adäquate Maßnahmen ergreifen. Wenn daraufhin keine akzeptable Lösung im Einklang mit diesen Richtlinien gefunden werden kann, steht es dem WWF frei, entsprechende Verträge aufzulösen und die Finanzierung zu beenden.

1 “bedroht” entsprechend der Roten Liste der IUCN, Kategorien “gefährdet” („endangered“) oder höher

2 die Bezeichnung “Wildtiere” bezeichnet hier freilebenden Arten in ihrem natürlichen Lebensraum oder solche Tiere, die dort wieder ausgewildert (angesiedelt) werden sollen

3 Notfallmaßnahmen wie die Behandlung verletzter Wildtiere, deren Dringlichkeit eine solches Prozedere ausschließt, sind hier ausgenommen

4  Alle relevanten Standards der IUCN (International Union for Conservation of Nature), z.B. zu “Reintroductions and Other Conservation Translocations”, einschließlich neuer oder überarbeiteter Versionen, nach Verfügbarkeit beim Projektstart

5 EAZA. (European Association of Zoos and Aquaria); EEP (European Endangered Species Programmes,

6 MoU: “Memorandum of Understanding”

7  Wager E & Kleinert S (2011) Responsible research publication: international standards for authors. A position statement developed at the 2nd World Conference on Research Integrity, Singapore, July 22-24, 2010.

  • Facebook
  • Twitter
  • Pinterest
  • drucken
   
Unterstützen Sie
den WWF
Unterstützen Sie
den WWF