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Unsere Familie aus dem Regenwald ist in Gefahr

Die Bonobos sind unsere nächsten Verwandten. Doch wir sind ihre größten Feinde. Wenn wir sie verlieren, verlieren wir auch einen Teil von uns.

Bonobo sein

Es ist fast so, als würde man in den Spiegel schauen. Ein Blick, der sagt, ich bin für dich da. Eine Berührung, die zeigt, wir gehören zusammen. Blut ist dicker als Wasser, sagen wir Menschen.

Im Halbdunkel des Regenwaldes plätschert und tropft es von den Blättern herab. Hoch in den Wipfeln der Tropenriesen fängt es an zu rascheln. Noch bevor die Sonne am Horizont aufsteigt, beginnt der Tag der Bonobos. Lässig klettern sie aus ihren Nestern, hangeln sich an Lianen herab, um sich ein paar Früchte zu greifen. Immer wieder umarmen sie sich, rufen einander zu, teilen ihr Essen. Die Gruppe, eine große Familie.

Fast als würde man in einen Spiegel gucken. Doch Bonobos ähneln uns nicht nur in Gestik und Mimik © Anup Shah / Arco Images
Fast als würde man in einen Spiegel gucken. Doch Bonobos ähneln uns nicht nur in Gestik und Mimik © Anup Shah / Arco Images
Lausen kann so schön sein! Man wird das ungeliebte Ungeziefer los und festigt den Zusammenhalt der Gruppe © Zanna Clay / MPI
Lausen kann so schön sein! Man wird das ungeliebte Ungeziefer los und festigt den Zusammenhalt der Gruppe © Zanna Clay / MPI
Bonobomütter säugen ihre Kinder fünf Jahre lang. Ihren Söhnen stehen sie sogar ein Leben lang zur Seite © Anup Shah / Arco Images
Bonobomütter säugen ihre Kinder fünf Jahre lang. Ihren Söhnen stehen sie sogar ein Leben lang zur Seite © Anup Shah / Arco Images
Der Regenwald hält viele Delikatessen für die Bonobos bereit – rund 160 Frucht- und Kräuterarten verspeisen und verbreiten sie © Astrid Korolczuk / WWF
Der Regenwald hält viele Delikatessen für die Bonobos bereit – rund 160 Frucht- und Kräuterarten verspeisen und verbreiten sie © Astrid Korolczuk / WWF
Nach dem Abendbrot werden hoch oben in den Wipfeln die Nachtnester gebaut. Bonobos sind wohl schwindelfrei – denn ihre Nester bauen sich nicht selten in 30 Meter hohen Bäumen © Matthias Dehling / WWF
Nach dem Abendbrot werden hoch oben in den Wipfeln die Nachtnester gebaut. Bonobos sind wohl schwindelfrei – denn ihre Nester bauen sich nicht selten in 30 Meter hohen Bäumen © Matthias Dehling / WWF
Streit kommt in der Bonobogesellschaft selten vor und wenn doch, dann wird dieser oft auch mit Sex gelöst. Bei seelischem Stress raufen sich Bonobos selbst die Haare aus © Anup Shah / Arco Images
Streit kommt in der Bonobogesellschaft selten vor und wenn doch, dann wird dieser oft auch mit Sex gelöst. Bei seelischem Stress raufen sich Bonobos selbst die Haare aus © Anup Shah / Arco Images
Bonobos sind für einander da – sie unterstützen sich gegenseitig und schmieden Allianzen © Anup Shah / Arco Images
Bonobos sind für einander da – sie unterstützen sich gegenseitig und schmieden Allianzen © Anup Shah / Arco Images

Mittags verstreuen sie sich in der Umgebung. Einige der vielleicht 120 Tiere suchen nach Nahrung, andere dösen in den Tagesnestern, spielen, pflegen sich gegenseitig. Manchmal hört man sie lachen. Gehen die Früchte aus, zieht die Gruppe weiter. Bis zum Abend sollte sich ein leckerer Futterbaum gefunden haben, denn abends wird es im Regenwald schnell dunkel. Höchste Zeit, einen guten Schlafbaum zu finden und schnell sein Schlafnest in die grünen Äste zu bauen.

Infografik: Tagesablauf der Bonobos

Wenn der Wald den Atem anhält

Schreie, voller Verzweiflung. Eine Bonobomutter ist in einer Schlinge gefangen - gelegt von Wilderern. Ihr Junges weicht ihr nicht von der Seite. Es ist dunkel geworden. Überall raschelt und knistert es.

Zwei Jäger nähern sich. Sie kontrollieren die Fallen, die sie im Wald verteilt haben. Einer trägt eine kleine Antilope auf den Schultern, der andere einen blutigen Sack.

Als die Jäger sich nähern, bricht sie in lautes Kreischen aus. Auch ihr Junges schreit. Todesangst. Drehen, winden, vergeblich. Die Schlinge schneidet tief in das Fleisch. An ihrem Bein läuft das Blut herab. Ein Schuss, noch ein Schuss. Stille. Es ist, als würde der Regenwald den Atem anhalten.

Die Stille nach der Jagd

Eine Großstadt, das sind Straßen und Häuser, Plätze, Parks. Und vor allem Menschen. Eine Metropole ohne Menschen? Unvorstellbar. Ein Regenwald ohne Tiere? Tropische Wälder wimmeln eigentlich nur so von Tieren. Doch immer häufiger sind sie still. Leere Wälder. Blätterrauschen, sonst nichts.

In den letzten beiden Jahrzehnten hat die Demokratische Republik Kongo einen Großteil ihrer Wildtiere verloren - an Militär und Wilderer. Die Kriegswirren haben die Landwirtschaft und Viehzucht fast vollständig zerstört. Doch die Bevölkerung wächst rasant. Überall entstehen neue Dörfer, die Städte platzen aus allen Nähten. Nur die Wälder werden immer stiller.

Infografik: Alle 25 Jahre verdoppelt sich die Bevölkerung. Derzeit leben 69 Mio Menschen im Kongo. 2030 könnten es 104 Millionen Menschen sein.

Fleisch ist begehrt, egal ob von Affen, Elefanten oder Antilopen. Es dient den Dorfbewohnern als eine der wenigen stabilen Einkommensquellen, denn in den Städten ist Wildfleisch sehr gefragt. Es wird als Delikatesse auf großen Buschfleisch-Märkten verkauft. 

Ilka Herbinger, Verhaltensforscherin und Primatologin vom WWF Deutschland

"Überall wird es angeboten, geräuchert, roh, meist stinkt es furchtbar und überall sitzen die Fliegen drauf. Normalerweise sieht man dort viele Waldantilopen und Affen, aber auch Hornvögel und vereinzelt sogar Bonobos und Elefanten", sagt die Verhaltensforscherin Ilka Herbinger vom WWF Deutschland. Nachdem die leichter zu erbeutenden kleinen Affen und Waldantilopen fast bis zur Ausrottung gewildert sind, werden die Bonobos zunehmend zur Beute. Nur in ganz wenigen Regionen gelten Menschenaffen als Tabu und werden nicht gegessen. Wenn es so weitergeht, werden die Bonobos in drei bis vier Jahrzehnten verschwunden sein. 

Die Jagd ist noch in vielen Weltregionen Teil der traditionellen Lebensweise. Das Fleisch ist nicht nur Delikatesse, sondern auch willkommene Einkommens- und billige Proteinquelle © Jonas Eriksson
Die Jagd ist noch in vielen Weltregionen Teil der traditionellen Lebensweise. Das Fleisch ist nicht nur Delikatesse, sondern auch willkommene Einkommens- und billige Proteinquelle © Jonas Eriksson
In Afrika nennt man es Buschfleisch. Gejagt und gegessen wird alles nur Vorstellbare: Vögel, Säugetiere oder auch Reptilien wie hier Krokodile © WWF
In Afrika nennt man es Buschfleisch. Gejagt und gegessen wird alles nur Vorstellbare: Vögel, Säugetiere oder auch Reptilien wie hier Krokodile © WWF
Die afrikanische Bevölkerung hat sich seit 1900 um das Achtfache vergrößert. Viele Wälder sind schon regelrecht leergejagt – mit verheerenden Folgen für die Biodiversität. Das „Empty Forest Syndrom“ ist vielerorts schon Realität © Kalpesh Latigra / WWF
Die afrikanische Bevölkerung hat sich seit 1900 um das Achtfache vergrößert. Viele Wälder sind schon regelrecht leergejagt – mit verheerenden Folgen für die Biodiversität. Das „Empty Forest Syndrom“ ist vielerorts schon Realität © Kalpesh Latigra / WWF
Auch vor Affen macht der Hunger nicht halt. Die Jagd ist ein wesentlicher Grund dafür, dass viele Arten vom Aussterben bedroht sind © WWF
Auch vor Affen macht der Hunger nicht halt. Die Jagd ist ein wesentlicher Grund dafür, dass viele Arten vom Aussterben bedroht sind © WWF
Moderne Gewehre führen zu wesentlich größeren Jagdquoten als die traditionellen Methoden. Gejagt wird aber auch nach wie vor mit Schlingen © Jonas Eriksson
Moderne Gewehre führen zu wesentlich größeren Jagdquoten als die traditionellen Methoden. Gejagt wird aber auch nach wie vor mit Schlingen © Jonas Eriksson

Laut Herbinger herrscht große Armut. "Überall im Land gibt es schwere Waffen und wenig zu essen. Im Salonga Nationalpark beispielsweise leben noch etwa 5000 Bonobos. Täglich werden mehrere Tonnen Buschfleisch aus dem Park gwildert. Wenn nur ein Prozent davon Bonobos sind, sind das ein bis zwei Tiere täglich."

Infografik: 2008 lebten noch 14.000 Bonobos im Salonga Nationalpark. Aktuell sind es noch 5.000 Tiere. Wenn die Wilderei anhält, könnten es 2024 nur noch 4.000 Tiere sein.
Infografik: 99,2 Prozent der Lebensräume von Bonobos laufen Gefahr in Ölpalmenplantagen umgewandelt zu werden.

Immer mehr Wald wird für Äcker, Weiden und Plantagen abgeholzt. Auch in entlegenen Gegenden wird heute nach Bodenschätzen gesucht. Das bedroht auch das Zuhause der Bonobos, denn die Lebensräume von Bonobos sind Gebiete, auf denen Ölpalmen besonders gut wachsen.  Doch es sind nicht nur Lebensraumverlust und Wilderei, die den Bonobos zusetzen: Weil sie so eng mit uns verwandt sind, können sie sich mit Menschenkrankheiten anstecken. Was für uns ein einfacher Schnupfen ist, kann bei den Bonobos tödlich sein. Ihre nächsten Verwandten drohen die Bonobos zu vernichten.

Blut ist dicker als Wasser

"Bonobos sind uns in vielen Dingen sehr ähnlich", sagt Ilka Herbinger. Als Primatologin kennt sie sich mit Affen und Menschen gleichermaßen aus. 

In manchen Dingen können wir viel von ihnen lernen

Neben dem Schimpansen gibt es kein anderes Tier, das uns mehr gleicht. Das Erbgut von Menschen, Bonobos und Schimpansen ist zu 98 Prozent identisch. Nur, dass die Bonobos eben friedlich sind, tolerant und mitfühlend.

Konflikte gibt es kaum, nicht einmal mit Fremden. Es hat noch niemand gesehen, dass ein Bonobo einen anderen getötet hätte. Eine Schimpansengemeinschaft ist hingehen durch Männerbünde geprägt. Sie jagen gemeinsam, verteidigen zusammen ihr Territorium und tragen auch tödliche Kämpfe mit ihren Nachbargruppen aus. 

Infografik: Bonobos und wir teilen 98 Prozent unserer DNA

"Der beste Freund eines Bonobomännchens hingegen ist seine Mutter", sagt Herbinger. "Das geht sogar soweit, dass Söhne starker Mütter mehr Nachkommen haben, weil ihre Mütter sie bei Streit - auch um Weibchen- immer unterstützen."

Bei Bonobos haben die Weibchen das Sagen. Sie bilden untereinander starke Allianzen. Begegnungen zwischen benachbarten Gruppen laufen friedlicher ab als bei Schimpansen. Mit Fremden wird sogar Essen geteilt und sich gegenseitig das Fell gepflegt".

Zwei Bonobos © Arco Images
Zwei Bonobos

"Bonobos leben in großen Gruppen zusammen. Da kann es natürlich nicht immer konfliktfrei zu gehen. Die Ankunft an einem Futterbaum erzeugt zum Beispiel Stress. Diese Spannung lösen sie auch mit Sex." Dabei ist es egal, welches Geschlecht der andere besitzt.

Hoffnung für die Bonobos

Hier und nur hier: Die Bonobos leben südlich des mächtigen Kongoflusses. Wahrscheinlich lebt ein Drittel - etwa 5000 - im Salonga Nationalpark. Er ist das größte Waldschutzgebiet Afrikas und der dringend benötigte letzte große Rückzugsort für Bonobos.

Der Salonga-Nationalpark kann ein Beispiel sein, wie der Teufelskreis aus Armut, Gewalt und Naturzerstörung durchbrochen werden kann. Die Aufgabe ist riesig: Die Instabilität der Region droht immer wieder alles zunichte zu machen. Es gibt massive wirtschaftliche Interessen, den Park auszubeuten. Korruption, die mafiöse Verflechtung von Wilderern und Miltär sowie fehlendes Geld stellen die Ranger jeden Tag vor neue Herausforderungen im Kampf für Salonga und seine Bonobos.

Wir wollen ihnen helfen. Gemeinsam mit der kongolesischen Naturschutzbehörde ICCN möchte der WWF 2015 die Verwaltung des Parks übernehmen. Die Prioritäten sind klar: Wir müssen die Jagd auf die Bonobos - und alle anderen Tiere des Parks - stoppen. Dieses können wir nur mit gut ausgebildeten und ausgerüsteten Eco-Guards.

Eco-Guards im Salonga Nationalpark © Jonas Eriksson
Eco-Guards im Salonga Nationalpark

Wir können die Wilderei aber auch nur stoppen, wenn wir die Menschen in den angrenzenden Dörfern überzeugen, nicht mehr illegal zu jagen. Wir erarbeiten schon jetzt zusammen mit den Dorfgemeinschaften Alternativen für die Wilderei - zum Beispiel durch effizientere Landwirtschaft. Wir klären auf, was außerhalb der Schutzgebiete legal gejagt und verkauft werden darf.

Bis Salonga für die Bonobos sicher ist, ist es noch ein langer Weg. Aber nur wenn wir jetzt handeln, haben die Bonobos eine Chance.

Holen Sie die Bonobos aus der Schusslinie

Die Bonobos sind unsere nächsten Verwandten. Doch wir sind ihre größten Feinde. Wilderei, Abholzung und Krankheiten haben sie an den Rand des Aussterbens gebracht.

Wir haben jetzt noch eine Chance, sie zu retten. Helfen Sie uns dabei. Jetzt.

Quellen

Bildrechte

Start: © Zanna Clay / MPI
Kapitel 1: © Anup Shah / Arco Images
Kapitel 2: © Jonas Eriksson
Kapitel 3: © WWF-Netherlands / Bente van der Wilt
Kapitel 4: © R. Wittek / Arco Images, Video: © WWF
Kapitel 5: © Matthias Dehling / WWF
Kapitel 6: © Christian Ziegler / we-do.com / WWF
Grafik: Anita Drbohlav, Stefanie Müller-Thies

Karten-Quellen
Salonga Nationalpark: WDPA (World Database of Protected Areas) 2014
Verbreitungsgebiet der Bonobos:  UNEP-WCMC and IUCN 2008
Geeigneter Lebensraum der Bonobos: Junker, J. et al. (2012) Recent decline in suitable environmental conditions for African great apes. / Diversity and Distributions / 18, 1077-1091, apesportal.eva.mpg.de
Märkte für Buschfleisch, Stützpunkte: WWF