WWF Deutschland

http://www.wwf.de/


Content Section

Bruno der "Problembär"

Chronik eines angekündigten Todes

Seinen ersten großen Auftritt hatte der - seinerzeit noch namenlose - Bär am 10. Mai 2006 im österreichischen Galgenul. Gerade aus dem Winterschlaf erwacht, begab sich der junge Bär auf Wanderschaft und schnappte sich zur Stärkung sechs Schafe. Der Große Beutegreifer tauchte immer wieder in der Nähe von Dörfern auf, blieb trotzdem fast unsichtbar. Hier ein Einbruch in einen Schweinestall, dort ein ausgeraubtes Hühnerhaus und dann wieder abgetaucht. Zu Gesicht bekam das Tier kaum jemand.

© WWF

Spätestens ab dem 19. Mai 2006 kannte man ihn auch nördlich der Alpen: Er passierte die deutsch-österreichische Grenze und riss gleich einmal drei Schafe. Der erste Bär nach 170 Jahren - Naturschützer jubelten, obwohl längst klar war, dass der Besuch des Tieres Probleme nach sich ziehen würde. Inzwischen war bekannt, dass es sich um JJ1, den Erstgeborenen der italienischen Bären Jurka und Jose handelte. Wiederholte Einbrüche in Ställe und seine Auftritte in Siedlungen verschafftem ihrem Filius JJ1 den Ruf eines „Problembären“. „Vergrämungsversuche“, wie das Befeuern mit Gummigeschossen und Knallkörpern waren gescheitert. Laut österreichischem Managementplan blieb eigentlich nur das Entfernen aus der Natur, sprich der Abschuss.

© WWF
Ein Opfer Brunos. © WWF

Aus JJ1 wurde die Marke "Bruno"

Aber in Bayern galt der Managementplan nicht. Zudem hatte man kaum mit der enormen Reaktion der Öffentlichkeit und der Medien gerechnet. Die bayrische Landesregierung gab den Bären zum Abschuss frei - die Medien hatten ihre Sommerstory. Aus JJ1 wurde Bruno. T-Shirts mit Solidaritätsslogans wurden gedruckt. Stofftierhersteller legten Sondereditionen auf. Bonbonfabriken setzen auf süße Schaumleckereinen, Marke: „Bruno Braunbär“. Schulklassen verfassten Gedichte und im Internet kursierten sogar Pop-Songs über bärigen Superstar.


Bruno hingegen tat das einzig richtige: Er machte sich rar. Zunächst ging es zurück nach Tirol. Er ließ sich allenfalls hier und da bei der Überquerung einer Autobahn oder dem Durchschwimmen eines Flusses blicken. Obwohl es bis dahin nur ein einziges verwackeltes Foto gab, tat dies Brunos Popularität keinen Abbruch. Die Zeitungen behalfen sich mit Archivbildern seines Bruders. Einige fielen auch auf Fälschungen herein und jede Randnotiz wurde begierig aufgegriffen.

In diese Bärenfalle wollte Bruno nicht tappen. © WWF
In diese Bärenfalle wollte Bruno nicht tappen. © WWF

Gegen den geplanten Abschuss des Bären protestierten nicht mehr allein Tierschützer, selbst die Tiroler Jäger weigerten sich den „Henker“ zu geben. Anfang Juni kehrte Bruno nach Bayern zurück. Obwohl er erneut sechs Schafe in unmittelbarer Nähe eines Ausfluglokals riss, hob man den Schießbefehl widerwillig auf. Bruno lebend fangen und ihn in ein Gehege verfrachten, so lautete der neue Plan. Die Bäreneingreiftruppe aus Österreich hatte bereits  mehrfach versucht Bruno in eine Röhrenfalle zu locken - ohne Erfolg.

 

Finnische Bärenjäger mit karelischen Bärenhunden

So wurden finnische Bärenjäger mit karelischen Bärenhunden engagiert. Sie sollten einen spezialisierten Tierarzt mit Betäubungsgewehr auf Brunos Spur bringen. Die Hunde waren so trainiert, dass sie zumindest theoretisch beginnen zu bellen, wenn sie einen Bären gestellt haben. Auf dem Rücken trugen sie GPS-Sender. Löst das Hundegebell Alarm beim Funkgerät der Jäger aus, würden diese versuchen möglichst umgehend zum Ort des Geschehens vorzudringen. Der Plan war gut; er funktionierte nur nicht.

 

Nicht nur Boulevardzeitungen berichteten täglich über seine Abenteuer, selbst Medien aus den Niederlanden, den USA und Japan interessierten sich für die Geschichte. Berichte über die märchenhafte Bärenhysterie schafften es selbst in die Washington Post und die New York Times.

Brunos Spuren. © WWF
Brunos Spuren. © WWF

Brunos erste Aufnahmen

Bruno indes narrte weiterhin die Behörden. Mal schlief er vor einer verlassenen Polizeiwache, dann kollidierte er schadlos mit einem PKW. Nach knapp drei Wochen gaben die Finnen entnervt auf.  Kaum waren die Jäger abgereist, änderte das Tier unvermittelt sein Verhalten. Nachdem er wochenlang niemals zu einer seiner Fressstellen zurückkehrte, tauchte er am helllichten Tag mehrfach auf derselben Schafskoppel auf. Radfahrer fotografieren ihn beim Baden. An diesem Tag entstanden auch die einzigen Filmaufnahmen von dem inzwischen berühmten Bären. Touristen näherten sich dem Tier mehrfach bis auf wenige Meter. Ein mehr als fahrlässiges Verhalten.

Auch die Bewohner einer Bergpension staunten nicht schlecht als sie den Bären während des Abendbrots reichlich ungestört wenige Meter vor dem Haus vorbeispazierte. Er war ebenfalls auf dem Weg zum „Abendbrot“ zu einer in der Nähe gelegenen Almwiese, wo er sein 32. und letztes Schaf riss. Der Bär hatte jede Scheu verloren. Genau dies wurde ihm zum Verhängnis. In den frühen Morgenstunden wurde das Tier auf der Kümpflalm an der Rotwand von drei Jägern erlegt.

Bruno wurde zur Legende

Der enge zeitliche Zusammenhang zwischen der Abreise des finnischen Betäubungsteams und den tödlichen Schüssen lieferte Stoff zur Legendenbildung. Entsprechend groß war die Empörung in den Gazetten des Landes. Für ein Foto des toten Bären wurden hohe Summen geboten und es war sicher eine gute Idee, die Namen der Jäger nicht zu veröffentlichen. Auch der Aufenthaltsort des Kadavers wurde geheim gehalten. All dies gab Verschwörungstheorien neue Nahrung. An der Abschussstelle errichteten Tierfreunde einer Art Altar und riefen zu Demonstrationen gegen die „Bärenmörder“ auf.

Erst allmählich beruhigten sich die Wogen wieder. JJ1 steht inzwischen ausgestopft im Museum. Die Eröffnung der Bärenausstellung erregte aber weit weniger Aufsehen als die alpine Wanderung des jungen Bären. Bleibt zu hoffen, dass Deutschland nicht wieder 170 Jahre warten muss, bis das Land von einen wilden Bären besucht wird und am besten wäre es wohl, wen das erst einmal niemand merkt.

 

Text: Jörn Ehlers, Pressesprecher WWF Deutschland.

 

Ungekürzte Version erschienen in: Hoeneisen, Schoenenberger, Andrea; Der Braunbär. Die Rückkehr eines Grossraubtiers. Haupt Verlag, 2009

  • Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Pinterest
  • drucken
   
Helfen Sie
Meister Petz
Helfen Sie
Meister Petz