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Stand: 07.02.2014

Interview mit Yvette Krummheuer vom WWF Projekt „Wolf Sachsen-Anhalt“

Yvette Krummheuer, Projektleiterin des WWF Projekts „Wolf Sachsen-Anhalt“
Yvette Krummheuer, Projektleiterin des WWF Projekts „Wolf Sachsen-Anhalt“

Sachsen-Anhalt ist nach Sachsen und Brandenburg das dritte Bundesland, in dem bereits seit mehreren Jahren Wölfe regelmäßig Welpen aufziehen. Da Sachsen-Anhalt nachweislich als Quelle für die Besiedlung von anderen Bundesländern dient, kommt dem Land eine Schlüsselstellung zu: Von hier aus können Jungwölfe in benachbarte Bundesländer abwandern und damit zur Neubesiedlung beitragen.

Anfang des Jahres 2013 hat der WWF in Sachsen-Anhalt mithilfe einer EU-Förderung ein Projekt zur Minimierung von Wolf-Mensch-Konflikten ins Leben gerufen. Projektleiterin Yvette Krummheuer verfügt über langjährige Erfahrung in der Wolfsarbeit, und Artenschutz ist ihre Passion.

Yvette Krummheuer, seit wann leben wieder Wölfe in Sachsen-Anhalt und wie viele sind es heute?

Yvette Krummheuer: 2009 konnte das erste Rudel bestätigt werden. Mittlerweile sind vier Rudel bekannt und einige Einzeltiere bestätigt worden.

Woher weiß man das?

In den verschiedenen Wolfsgebieten werden entsprechende Untersuchungen durchgeführt. Es werden Spuren und Losung gesucht. Außerdem werden Fotofallen angebracht, mit deren Hilfe es möglich ist, Aufnahmen von den Tieren zu machen.

Wo und wie leben die Wölfe bei uns in Deutschland?

Wölfe sind sehr anpassungsfähig. Wichtige Kriterien für ihre Ansiedlung sind ausreichend Nahrungsangebot und Deckung, um ihre Jungen groß zu ziehen. In Deutschland besiedeln Wölfe gerne Truppenübungsplätze, leben aber auch in waldreichen Gebieten.

Sind Sie selbst schon mal einem Wolf begegnet?

Ja. Solche Begegnungen sind jedoch selten und meist kurz - aber immer besonders.

Der Schutzstatus kann noch so hoch sein, ohne die Akzeptanz der Menschen haben Wölfe bei uns kaum eine Überlebens- chance.

Warum ist es so wichtig, dass der WWF sich für den Wolf einsetzt?

Es ist notwendig, Akzeptanz in der Bevölkerung für diesen großen Beutegreifer zu schaffen. Dafür muss nicht nur die Bevölkerung über die Lebensweise der Wölfe informiert werden, die einzelnen Bundesländer müssen auch dabei unterstützt werden, ein funktionierendes Wolfsmanagement aufzubauen. Auch die Zusammenarbeit mit den wichtigen Interessengruppen aus Nutztierhaltern und Jägerschaft ist von großer Bedeutung. Der Schutzstatus dieser Tiere kann noch so hoch sein, ohne die Akzeptanz der Menschen haben Wölfe bei uns kaum eine Überlebenschance. Der WWF unterstützt die Arbeit im Wolfsmanagement und trägt so dazu bei, die nötigen Strukturen für ein konfliktarmes Miteinander zu schaffen. 

Wie ist die Stimmung in der Bevölkerung, wie reagieren die Menschen in Sachsen-Anhalt auf ihren neuen, alten Nachbarn, den Wolf?

Es gibt unterschiedliche Ansichten zum Wolf. Die „normale“ Bevölkerung sieht kaum ein Problem mit diesem neuen Nachbarn. Allerdings gibt es auch hier Sorgen, beispielsweise ob es gefährlich ist, im Wald spazieren zu gehen, wenn es dort Wölfe gibt.

Die Nutztierhalter sind eher skeptisch, denn sie sehen Ihre Herden in Gefahr. Gerade diese Interessengruppe benötigt Unterstützung, denn für einen Schäfer bedeutet es einen zeitlichen und finanziellen Mehraufwand, seine Herden vor Wolfsübergriffen zu schützen. Auch viele Jäger sehen die Wiederbesiedlung des Wolfes kritisch und sorgen sich um die Schalenwildbestände in ihren Revieren.

Gab es in Sachsen-Anhalt denn jemals Zwischenfälle mit Wölfen seit ihrer Rückkehr?

Kritische Begegnungen zwischen Wolf und Mensch hat es seit der Wiederbesiedlung des Wolfes in ganz Deutschland noch nicht gegeben. Nutztierrisse sind in Sachsen-Anhalt bisher vereinzelt vorgekommen. Vor allem nicht ausreichend geschützte Schafherden sind gefährdet, vom Wolf als Beutetiere gesehen zu werden. Daher ist es so wichtig, die Schäfer zu informieren und dabei zu unterstützen, ihre Zäunungen wolfssicher zu gestalten. In Sachsen-Anhalt sind allerdings bislang vier Wölfe dem Verkehr zum Opfer gefallen. Einen illegalen Abschuss hat es leider auch gegeben.

Was sind die Ziele des Projektes „Wolf in Sachsen-Anhalt“?

Hauptziel des Projektes ist es, das Land dabei zu unterstützen, die Wiederbesiedlung des Wolfes konfliktarm zu begleiten und Vorurteile bei Schäfern und Nutztierhaltern abzubauen. Einer der Schwerpunkte liegt in der Beratung von Nutztierhaltern, wie sie Ihre Herden vor Wolfsübergriffen schützen können. Ein anderer Bereich besteht darin, Personen zu schulen, um Wolfshinweise im Gelände zu finden und zu protokollieren. Das ist wichtig, um die Besiedlungsentwicklung des Wolfes im Land zeitnah zu erfassen. Außerdem werden zahlreiche Informationsveranstaltungen für Jäger und Nutztierhalter angeboten. Im Rahmen des Projektes wird eng mit der Referenzstelle Wolfsschutz des Biosphärenreservates Mittelelbe und den zuständigen Fachbehörden des Landes zusammen gearbeitet.

Wie sieht ein typischer Tagesablauf beim Wolfsprojekt aus?

Einen typischen Tagesablauf gibt es nicht. Manchmal sitze ich ausschließlich am Schreibtisch und bereite beispielsweise Schulungen oder Veranstaltungen vor. Dann gibt es Tage, an denen ich zu den verschiedenen Fachbehörden fahre und in Besprechungen gehe. An anderen Tagen bin ich unterwegs und berate Nutztierhalter vor Ort, wie sie ihre Herden am besten vor Übergriffen durch den Wolf schützen können. Manchmal bin ich auch in Wolfsgebieten unterwegs und suche Wolfshinweise, also Spuren oder Losung.

Gibt es schon Erfolge des Projektes zu verzeichnen?

Mithilfe der bereits durchgeführten Schulungen hat der Aufbau eines Netzwerkes von Personen begonnen, die Nutztierhalter beraten oder Wolfshinweise aufnehmen können. Diese Netzwerke sind wichtig, um die anstehenden Aufgaben im Wolfsmanagement verteilen und durchführen zu können. Durch die Informationsveranstaltungen werden Vorurteile abgebaut und es findet ein Austausch mit den betroffenen Interessengruppen statt. Jeder Nutztierhalter, der aufgrund von Information und Präventionsberatungen seine Herden wolfssicher zäunt, ist ein Erfolg. Außerdem werden Schulungen angeboten, die eine Erweiterung des Personenkreises der Rissgutachter gewährleistet. Das ist wichtig, damit bei einem Wolfsübergriff auf Nutztiere schnell ein Gutachter vor Ort sein kann, der die toten Tiere untersucht und feststellt, ob ein Wolf der Verursacher gewesen ist oder nicht.

Was sind Ihre Zukunftswünsche, den Wolf betreffend?

Die Menschen haben ganz unterschiedliche Bilder vom Wolf. Oftmals sehen sie in ihm einen Nahrungskonkurrenten, entweder um Jagdbeute oder als Gefahr für die Nutztiere. Dann gibt es auch das Bild des listigen, bösen und aggressiven Wolfes oder er wird mystifiziert. Keines dieser Bilder wird den Wölfen gerecht. Wölfe sind ganz normale Wildtiere wie Fuchs, Reh oder Wildschwein und Teil unserer heimischen Tierwelt. Ich wünsche mir, dass sie in Zukunft auch als solche angesehen werden.

Das Interview führte Stephanie Probst.

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Die Heimkehr
der Wölfe
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