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Stand: 10.08.2017

Al Gore: Der alte Mann und das Klima oder von einem, der auszog, das Klima zu retten

Er ist wieder da. Al Gore, ehemaliger Vizepräsident der USA, knapp gescheiterter US-Präsidentschaftskandidat, Friedensnobelpreisträger und Oscargewinner meldet sich zurück. Der inzwischen 69-Jährige ist grauer geworden, aber die Cowboystiefel passen noch und seine Leidenschaft im Kampf gegen den Klimawandel ist ungebrochen. Gore war in Berlin, um seinen neuen Film "Immer noch eine unbequeme Wahrheit: Unsere Zeit läuft" vorzustellen.

Al Gore in Berlin © Matthias Nareyek / Getty Images for Paramount Pictures
Al Gore in Berlin © Matthias Nareyek / Getty Images for Paramount Pictures

Im Film fragt ihn eine Reporterin nach den Chancen eines politischen Comebacks. Er sei ein Politiker auf dem Wege der Besserung. Jedes Jahr Abstand mache einen Rückfall unwahrscheinlicher. Sein neuer Film ist aber nicht nur ein flammender Appell für „Revolution der Nachhaltigkeit“ sondern zugleich eine Kampfansage an den derzeitigen Amtsinhaber im Weißen Haus: Donald Trump. Am Rande der Europapremiere hatten wir Gelegenheit mit Al Gore zu sprechen:

Nichts ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist, ein Zitat von Victor Hugo. Kann man sagen, dass der Kampf gegen die Klimakrise jetzt in die entscheidende Phase tritt?

Das in der Klimadebatte oft diskutierte Phänomen der „Tipping Points“, so genannter Kipppunkte, an denen sich Entwicklungen schlagartig ändern, lässt sich auch in der Politik beobachten. Wir haben das in der Geschichte oft erlebt von der Abschaffung der Sklaverei bis hin zur Menschenrechts- oder der Anti-Apartheits-Bewegung. Irgendwann liegt die Antwort auf die Frage, was falsch oder richtig ist, klar auf der Hand. Die Klimabewegung nähert sich diesem Punkt. Das Paris-Abkommen, das nahezu jedes Land dieser Erde mit trägt, hat das verdeutlicht.

Moralische Argumente sind das Eine, in der Alltagspolitik geben aber oft wirtschaftliche Kriterien den Ausschlag.

Klar, es geht um mehr Jobs und höhere Löhne. In den USA ist die Zahl der Arbeitsplätze in der Solarindustrie 17 mal so stark gewachsen wie in jeder anderen Branche. Auf Platz zwei bei den Jobzuwächsen liegt der Bau von Windturbinen. Hinzu kommen Bereiche wie Wärmedämmung, neue LED-Beleuchtungssysteme, Elektromobilität, Batterietechnik und Hunderte von Effizienzverbesserungen und Effizienztechnologien. Das ist erst der Anfang einer Revolution der Nachhaltigkeit, die die Ausmaße der industriellen und die Geschwindigkeit der digitalen Revolution haben wird. Sie wird der größte Jobmotor und die größte Investitionschance in der Geschichte. Wie schnell das gehen kann, haben wir zum Beispiel bei Flachbildschirmen, Mobiltelefonen und Computerchips erlebt. Und genau so wird es auch bei Solar- und Windenergie sein.

Trotzdem läuft uns die Zeit davon. Die katastrophalen Auswirkungen der Klimakrise sind schon jetzt deutlich spürbar. Sind Küstenregionen in Bangladesch oder auch in Florida zu retten?

Dürre © Adriano Gambarini / WWf Brasilien
Dürre © Adriano Gambarini / WWf Brasilien

Die Stimme von Mutter Natur ist sehr kraftvoll: Die extremen Wetterereignisse wie wir sie derzeit zum Beispiel in Südeuropa und in vielen anderen Teilen der Welt erleben, extreme Temperaturen im Wechsel mit regelrechten „Regenbomben“ und wiederkehrenden Dürren haben vielen Menschen die Augen geöffnet. Die Wissenschaft sagt uns, dass es noch möglich ist, die schlimmsten Konsequenzen des Klimawandels abzuwenden. Trotzdem ist schon ein erheblicher Schaden entstanden. Große Gebiete in Süden Floridas sind stark vom Anstieg des Meeresspiegels bedroht. Das Gleiche gilt für Teile Louisianas und eine Reihe von Küstenstädten überall auf der Welt. Der Meeresspiegel wird weiter ansteigen, egal was wir tun, weil große Eisflächen schon so stark abgeschmolzen sind, dass es kein Zurück mehr gibt. Schnee und Eis in den Alpen werden zurückgehen, egal was wir tun. Aber die katastrophalsten Folgen, an die wir uns nicht anpassen können, können wir noch abwenden.

Der gegenwärtige Präsident der USA sieht das offenbar anders und will so schnell wie möglich raus aus dem Klimaabkommen. Lässt er sich vielleicht doch noch umstimmen?

Der Versuch, Trump umzustimmen, ist Zeitverschwendung. Wir müssen den Klimaschutz in den USA um ihn herum vorantreiben. Unabhängig  davon, welcher Präsident im Weißen Haus regiert: Das amerikanische Volk, viele Bundesstaaten, Städte und Gemeinden haben die Führerschaft beim Klimaschutz übernommen. Donald Trump hat seine Präsidentschaft dem Ziel gewidmet, den Interessen der schmutzigsten Industrien zu dienen und sich mit dieser Haltung selbst isoliert. Aber er kann noch viel Schaden anrichten und er arbeitet hart daran, genau das zu tun.

Allerdings ist er damit bislang nur begrenzt erfolgreich. Die Ratifizierung des Pariser Abkommens ging in Rekordzeit über die Bühne, gerade weil viele einen Regierungswechsel in den USA befürchteten. Kann es sein, dass Donald Trump ungewollt indirekt zu einem Katalysator der internationalen Klimapolitik wird?

Es gibt ein physikalisches Gesetz, das sich auch auf die Politik anwenden lässt. Jede Aktion ruft auch eine Gegenreaktion hervor. Als er ankündigte, das Paris Abkommen zu kündigen, hatte ich kurz befürchtet, andere Länder könnten seinem Beispiel folgen. Das Gegenteil ist eingetreten. Schon am nächsten Tag hat der Rest der Welt seine Anstrengungen zum Klimaschutz verdoppelt. Die Gouverneure von Kalifornien und New York und vielen anderen Bundesstaaten treiben unerschrocken die Verpflichtungen des Abkommens voran. Präsident Trump sagte, er wurde nicht gewählt, um Paris, sondern um Pittsburgh zu repräsentieren.  Die Antwort des Bürgermeister kam prompt: Er kündigte an, dass seine Stadt zum Paris Abkommen stehe und auf 100 Prozent Erneuerbare umstellen wolle.

Deutschland stellt sich gerne als Umweltschutzvorreiter dar. Es wird aber immer deutlicher, dass wir unsere selbst gestellten Ziele zur Emissionsreduktion (Verringerung des C02 Ausstoßes um 40 Prozent bis 2020) krachend verfehlen werden. Der WWF rechnet vor, dass bis 2035 alle Kohlekraftwerke vom Netz müssen, wenn wir die Verpflichtungen des Pariser Klimaabkommens nachkommen wollen. Viel zu tun für die künftige Bundesregierung oder?

Natürlich kann auch Deutschland mehr machen. Das Land war lange führend und ein Vorbild beim innovativen Ausbau der Erneuerbaren. Aber es ist in einer schwierigen Übergangsphase. Die Situation hat sich durch Fukushima-Tragödie und den beschleunigten Atomausstieg verkompliziert. Um mehr erneuerbaren Strom nutzen zu können, braucht es mehr Netze, damit die Energie von den Windkraftanlagen auf dem offenen Meer zu den industriellen Abnehmern im Süden geleitet werden kann. Hier kann man in Zukunft stärker mit erheblich kosteneffizienteren Speichern agieren. Trotz dieser Herausforderungen bin ich sehr von den Anstrengungen beeindruckt. Ich habe die Hoffnung, dass sich Deutschland wieder als Führungsnation bei der Reduzierung von CO2 etablieren wird und eine wichtige Rolle spielen kann.

Europa-Premiere in Berlin: Dirk Steffens, Eberhard Brandes, John Kornblum, Barbara Hendricks, Hannes Jänicke (von links) © Matthias Nareyek / Getty Images for Paramount Pictures
Europa-Premiere in Berlin: Dirk Steffens, Eberhard Brandes, John Kornblum, Barbara Hendricks, Hannes Jänicke (von links) © Matthias Nareyek / Getty Images for Paramount Pictures

Am Dienstag war Al Gore für die Europa-Premiere in Berlin, zu der Paramount Pictures, der WWF Deutschland, das Bundesumweltministerium und die American Academy eingeladen hatten. An der anschließenden Podiumsdiskussion nahmen Al Gore, Umweltministerin Barbara Hendricks, der ehemalige US-Botschafter in Berlin, John Kornblum, Schauspieler und Umweltaktivist Hannes Jänicke, Journalist Dirk Steffens und WWF-Deutschland-Vorstand Eberhard Brandes teil.

Lesen Sie mehr dazu im Blog-Beitrag von WWF Deutschland-Vorstand Eberhard Brandes:

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