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Ein Jahr nach den Kernschmelzen von Fukushima

"Wir haben eine Lektion gelernt"

Den 11. März 2011 wird niemand mehr vergessen. An diesem Tag erschütterte ein unvorstellbar heftiges Erdbeben die pazifischen Küstenregion Tōhoku. Es brachte Zerstörung und großes Leid über Japan. Nachdem schließlich in Fukushima die Atomreaktoren explodierten, musste die Welt hilflos mit anschauen, wie unkontrollierbar die Atomtechnologie in Wirklichkeit ist. Und auch, dass Atomkraft niemals sicher sein wird.

 

Das Tōhoku-Erdbeben mit einer Stärke von 9,0 auf der Richterskala und die nachfolgenden Tsunamis verwüsteten den gesamten Nordosten Japans. Fast 20.000 Menschen kamen dabei zu Tode, ganze Städte wurden zerstört. Und als viele Menschen glaubten, es könnten nicht schlimmer kommen, zeigte sich die Unberechenbarkeit der Atomtechnologie von seiner verheerendsten Seite. Welche dramatischen Folgen ”3/11” für Japan hatte, wie die Fukushima-Atomkatastrophe die Gesellschaft veränderte und welchen Einfluss die Deutsche Energiepolitik für Japans Zukunft besitzt, erklärt WWF-Mitarbeiterin Masako Konishi, Leiterin für Klima- und Energie-Projekte, im Gespräch.

Wie haben Sie persönlich den 11. März 2011 erlebt?

 

Ehrlich gesagt, spüre ich noch heute Angst in mir aufsteigen, wenn ich an diesen Tag zurückdenke. Eigentlich begann alles so, wie an einem ganz normalen Arbeitstag. Gemeinsam mit meinen Kollegen arbeitete ich im Büro des WWF Japan, das im Großraum Tokio gelegen ist, als ungefähr zur Mittagszeit das Beben einsetzte. Wir suchten unter Tischen Deckung und warteten darauf, dass sich alles wieder beruhigt. Wir hörten, dass der Zugverkehr in und um Tokio gestoppt wurde. Die meisten der 35 Millionen Menschen, die hier leben, pendeln zu ihrem Arbeitsplatz. Sie müssen mitunter Entfernungen von bis zu 100 Kilometern täglich zurücklegen. Nun waren über drei Millionen Menschen in Tokio gefangen. Auch ich gehörte zu ihnen. Auf den Straße bot sich ein völlig absurdes Bild: Überall waren Menschen, die zu Fuß den Heimweg antraten. Draußen war es gleichzeitig bitterkalt. Mir blieb gar keine andere Wahl, als die Nacht im Büro zu verbringen.

 

Ihre Arbeit beschäftigt sich mit beiden Themen, Energie und Umwelt. Was haben Sie empfunden, als Sie hörten, was in Fukushima passierte?

 

Es war einfach nur furchterregend. Man war dazu gezwungen, völlig hilflos die Situation zu verfolgen. Wir wussten, dass es absolut keine Möglichkeit gab, die Kernschmelzen zu verhindern. Mit primitiven Mitteln wurde versucht, irgendetwas zu retten, was aber einfach nur lächerlich wirkte. Da kämpften Feuerwehrleute damit, Löschwasser in diese High-Tech-Reaktoren zu fluten. Eigentlich dachten wir, unsere Atomanlagen wären die fortschrittlichsten auf der ganzen Welt. Und dann diese Bilder.

Nach der Katastrophe hat es auch erstmals große Proteste gegen die Atomkraft gegeben. Wie haben sich seit Fukushima die öffentliche Meinung und der öffentliche Diskurs über die Atomenergie verändert?

 

In der japanischen Kultur werden die politischen Debatten nicht so ausgeprägt in der Öffentlichkeit geführt, wie in Europa. Das bedeutet nicht, dass die Japaner weniger interessiert wären. Aber vor den Kernschmelzen in Fukushima waren nur wenige Leute wirklich aktiv engagiert. Nach der Katastrophe hat sich das sehr verändert. Die Menschen hier zögern nun nicht länger, ihre Meinungen zu äußern. Auch unsere Regierung hat die Gefahren der Atomenergie erkannt. Ursprünglich sollte bis zum Jahr 2050 der Anteil der Atomenergie von derzeit 30 auf 50 Prozent erhöht werden. Jetzt wird darüber neu verhandelt. Das ist eine sehr gute Entwicklung.

 

Befürworter der Atomenergie behaupten, Fukushima sei lediglich ein tragischer Unfall gewesen, verursacht durch eine extreme Naturkatastrophe. Grundsätzlich sei Atomkraft sicher. Wie denken Sie darüber?

 

Menschen können Atomkraftwerke nicht kontrollieren. Wir können nie 100 Prozent sicher sein, dass so etwas nicht wieder passiert. Deshalb ist es besser, nicht auf diese Technologie angewiesen zu sein.


Die Risiken sind einfach viel zu groß. Wenn wir Atomkraftwerke bauen, zwingen wir Menschen, in deren Nähe leben zu müssen. Ist das wirklich fair? Die Folgen von Fukushima-Katastrophe sind noch lange nicht ersichtlich. Wir wissen noch nicht, wie sich die Verstrahlung auf die Umwelt auswirkt, wie stark unsere Gewässer verseucht sind. Langfristig gesehen ist die Atomtechnologie nicht billig, so wie immer behauptet wird. Denn die Subventionen und die Maßnahmen zur Wiederaufbereitungen sind sehr kostenintensiv. Und im Gegensatz dazu, fallen die Preise für Erneuerbare Energie rasch.

Nachdem die Sicherungssysteme in den Reaktoren ausfielen kam es zu Wasserstoffexplosionen und zur Kernschmelze. © DigitalGlobe
Nachdem die Sicherungssysteme in den Reaktoren ausfielen kam es zu Wasserstoffexplosionen und zur Kernschmelze. © DigitalGlobe

Wie sollte nach Sicht des WWF die künftige Energiepolitik aussehen?

 

Der WWF Japan hat im November 2011 eine Studie veröffentlicht, die die Möglichkeiten und die Machbarkeit aufzeigt, in Japan bis zum Jahr 2050 eine Gesellschaft zu errichten, die zu 100 Prozent Strom aus erneuerbaren Energien bezieht. Der absolute Großteil, ganze 95 Prozent davon, sind realisierbar über eine flächendeckende Einführung von Effizienzmaßnahmen und neuen Energietechnologien. Es ist möglich allein unseren Verbrauch bis 2050 zu halbieren. Und während die Atomkraft stufenweise zurückgefahren wird, müssen die erneuerbaren Energien massiv gefördert werden. Atomtechnologie kann niemals sicher und nachhaltig sein. Energiepolitik wurde bislang immer unter dem Gesichtspunkt der Energiesicherung betrachtet. Die Atomkraft wurde schlichtweg als unverzichtbar angesehen, weil wir nur über wenige eigene Ressourcen verfügen. Nach Fukushima hat sich diese Sichtweise zum Glück verändert.

 

Nach der Fukushima-Katastrophe hat Deutschland beschlossen, alle seine AKW bis zum Jahr 2020 vom Netz zu nehmen. Wie wird diese Entscheidung in Japan bewertet?

 

Hier in Japan waren wir sehr darüber überrascht, wie schnell diese Entscheidung von der Bundesregierung  getroffen und verabschiedet wurde. Gerade unter diesem Gesichtspunkt muss es die deutschen Bürger verwundern, dass wir Japaner uns mit dieser Entscheidung da viel schwerer tun. Die Debatte über Atomkraft besitzt in Deutschland eine andere Tradition als bei uns, die Deutschen sind uns da weit voraus - zumindest auf dem politischen Niveau. Daher interessieren wir in Japan uns sehr für die geplante Energiewende der Deutschen.

Sind Sie dann für die Zukunft optimistisch?

 

Ja sehr, ich denke, wir befinden uns an einem historischen Wendepunkt. Energiethemen hatten früher niemals so viel Aufmerksamkeit erregt und zum ersten Mal sind die Leute aktiv in diese Debatte involviert. Wir haben eine Lektion gelernt. So etwas wollen wir niemals wieder erleben. Investitionen in erneuerbare Energie sind Investitionen für die Zukunft. Und es ist auf gar keinen Fall so, dass wir nur eines schaffen, den Wiederaufbau oder die Energiewende. Wir können beides schaffen.

 

Das Gespräch führte Hanne Arnold.

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