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Stand: 10.03.2016

Energiewende auf Japanisch – Fünf Jahre nach Fukushima

Autorin: Masako Konishi, Klima- und Energieexpertin des WWF Japan

 

Japan ist anders: In Deutschland läutete die Reaktorkatastrophe in Fukushima das Aus für die Kernenergie ein. Japan tut sich nach wie vor schwer damit. Innenansichten aus Japan.

Erdbeben- und Tsunami-Schäden in Fukushima © Digital Globe
Erdbeben- und Tsunami-Schäden in Fukushima © Digital Globe

Fünf Jahre nach Fukushima kämpft Japan noch immer mit den Folgen der Reaktorkatastrophe: Der Boden und das Meer sind radioaktiv verseucht. Viele Regionen sind unbewohnbar. Zehntausende von Menschen leben in Notunterkünften - ohne Aussicht, in absehbarer Zukunft nach Hause zurückkehren zu können.

 

Die energiepolitische Zukunft des Landes ist ebenso ungewiss. Gelegentlich keimen Hoffnungen auf eine nachhaltige Energieversorgung auf, gleichzeitig ist die Debatte von Frust geprägt. Im August 2015 wurden die ersten beiden Reaktoren wieder hochgefahren. Zwei weitere folgten im Januar und Februar, doch diese Woche hat ein Gerichtsurteil verfügt, diese zwei wieder zu stoppen.

 

Die konservative Regierung will den Atomstromanteil bis 2030 auf bis zu 22 Prozent hochfahren. Vor Fukushima lieferten die nuklearen Meiler etwa ein Drittel der japanischen Energie. Die Regierung rechtfertigt diese Rolle rückwärts mit wirtschaftlichen Argumenten.

Nach der Katastrophe wurde der Ausstieg beschlossen

IAEA Mitarbeiter vor dem zerstörten Kraftwerksgebäude. CC BY-SA 2.0, Mike Weightman,
bit.ly/1paDsgG
IAEA Mitarbeiter vor dem zerstörten Kraftwerksgebäude. CC BY-SA 2.0, Mike Weightman, bit.ly/1paDsgG

Doch dann kam der 11.3. 2011. Unmittelbar nach der Katastrophe 2011 fragte die damals regierende Demokratische Partei (DPJ) die Stimmung im Land zur Atomenergie ab. Im Zentrum stand die Frage, wieviel Atomstrom die Japaner für das Jahr das Jahr 2030 akzeptabel fänden: Null, 15 oder bis zu 25 Prozent. Nach einem Jahr heftiger Debatten entschloss sich die DPJ-Regierung zum langfristigen Ausstieg aus der Kernenergie.

 

Der Regierungswechsel ändert alles wieder

Nach den Wahlen 2012 war diese Entscheidung hinfällig. Die DJP verlor zwei Drittel ihrer Mandate. Shinzo Abe und seine konservative Liberaldemokratische Partei (LDP) übernahmen die Macht. Die neue Regierung kassierte umgehend die Ausstiegspläne und kündigte an, den Energieplan für 2030 völlig neu zu überdenken.

Atomkritische Experten ausgetauscht, Laufzeiten verlängert

In Japan werden solche Entscheidungen in der Regel von einer Experten-Kommission vorbereitet. Die LDP tauschte alle atomkritischen Experten aus, darunter drei Vertreter von Umweltorganisationen. Das Gremium kam zu einem wenig überraschenden Ergebnis. Kernenergie stehe für eine kostengünstige und sichere Stromversorgung. Im Energiemix für 2030 werden 22 bis 24 Prozent erneuerbarer Energien angestrebt. 26 Prozent sollen aus der Kohle kommen – und 22 Prozent aus der Kernenergie (Rest: 27 Prozent Gas und 3 Prozent Öl). Schon jetzt ist klar, dass ein so hoher Anteil der Nuklearenergie nur mit einer erheblichen Laufzeitverlängerung der alten Anlagen, die ursprünglich auf 40 Jahre angelegt wurden, zu haben ist. Ein mehr als riskantes Spiel.

 

Die Renaissance der Kernkraft trifft keineswegs die Stimmung in der Bevölkerung. Jüngste Umfrage zeigen, dass 60 bis 70 Prozent gegen ein Wiederanfahren der alten Reaktoren sind. Doch ihre Stimmen werden nicht gehört. Es gibt weder Transparenz noch eine Einbindung der Bürger bei dem Entscheidungsprozess.

 

Doch es gab auch hoffnungsvolle Veränderungen seit Fukushima. Die japanischen Bürger haben die Rolle erkannt, die erneuerbare Energien für ihr Land spielen können. Sie sind umso bedeutsamer, weil Japan kaum über fossile Brennstoffe verfügt. Zieht man die Wasserkraft aus großen Staudämmen ab, betrug der Anteil der Erneuerbaren vor 2011 lediglich ein Prozent.

Rauchende Ruine von Fukushima, CC BY-SA 2.0, deedavee easyflow, http://bit.ly/1UVE9qq
Rauchende Ruine von Fukushima, CC BY-SA 2.0, deedavee easyflow,  http://bit.ly/1UVE9qq

Sonnenenergie als Chance 

Dann führte die frühere DPJ-Regierung im Juli 2011 eine Einspeisevergütung für Solarstrom ein. Die Zahl der Photovoltaikanlage stieg drastisch. Japan ist für die Hersteller von Solaranlagen ein sehr interessanter Markt. Im Gegensatz zu Deutschland werden die Einspeisevergütungen in Japan ab dem Zeitpunkt der Genehmigung des Projektes zugesagt. Durch das attraktive Vergütungsmodell drängten viele Hersteller auf den Markt und der Anteil der erneuerbaren Energien verdreifachte sich in nur zweieinhalb Jahren. Die Installation von 85 Gigawatt erneuerbarer Energien ist in Planung – das entspräche rund 20 Prozent des japanischen Energieverbrauchs, wenn diese tatsächlich kurzfristig installiert werden würden. Ein großes Problem für regenerative Energien ist das Netz. Es unterteilt sich in zehn Regionen, die jeweils von einem Unternehmen beherrscht werden. Diese Monopolisten haben kein Interesse daran, ihr Netz für potenzielle Konkurrenten zu öffnen. Hinzu kommt, dass die marktbeherrschenden Firmen nur wenig für erneuerbare Energien übrig haben.

 

Immerhin: Nach Fukushima verloren die Stromkonzerne politischen Einfluss. Die Liberalisierung des Marktes wurde beschlossen.Die Verbraucher werden jetzt ihren Stromanbieter erstmals frei wählen können. Der WWF erwartet, dass umweltbewusste Verbraucher auf grünen Strom umsteigen und die erneuerbaren Energien so zusätzlichen Schub erhalten könnten. Weitere Veränderungen sind in Sicht: 2020 wird den bisherigen Betreibern die Kontrolle über die Netze entzogen. Dadurch dürften neue und alternative Stromanbieter profitieren.

 

Aktuell hat die japanische Energiewende jedoch mit erheblichem Widerstand zu kämpfen. Einflussreiche politische und wirtschaftliche Kreise sperren sich gegen den Ausbau der Erneuerbaren. Die Wirtschaftsstrategie von Premier Abe, die auf die Steigerung der Aktienkurse und einen schwachen Yen setzt, kommt bei Geschäftsleuten gut an. Sie argumentieren, erneuerbare Energien würden den Strompreis erhöhen und die Wirtschaft schwächen. Sie drängen auf hocheffiziente Kohlekraftwerke - schließlich seien diese vergleichsweise billig und weniger klimaschädlich als die Altanlagen. 

Japan zahlt Milliarden für Kohle

Einer genauen Überprüfung halten diese Argumente nicht stand. Japan zahlt für den Import von fossilen Brennstoffen aus dem Ausland schon jetzt jedes Jahr mehr als 150 Milliarden Euro.

 

Durch den Ausbau der regenerativen Energien könnte Japan seine Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen schrittweise verringern. Dafür spricht zudem, dass die Preise für erneuerbare Energien weltweit rasant sinken und sie einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz bieten. Kohle ist hingegen die schlechteste Wahl, um den Klimawandel zu begrenzen.

Energiewende braucht Zeit – die wir nicht haben

Masako Konishi, Klima- und Energieexpertin des WWF Japan © WWF
Masako Konishi © WWF

Die Tragödie von Fukushima hat ohne Zweifel dazu geführt, dass erneuerbare Energien eine wichtige Säule in der Energieversorgung Japans sein werden. Trotzdem gehen nach und nach Kernreaktoren wieder ans Netz. Die Energiewende braucht auch in Japan Zeit, die wir eigentlich nicht haben. Ich bin aber davon überzeugt, dass wir Japaner es nicht akzeptieren werden, dass neue Kernkraftwerke gebaut werden. Auch eine Laufzeitverlängerung der alten Anlagen auf 60 Jahre ist inakzeptabel - gerade wegen Frage des atomaren Mülls.

 

Japan hat sich noch immer nicht vom Schock des Jahres 2011 erholt. Umso bitterer, dass die Zivilgesellschaft von den Diskussionen ausgeschlossen wird. Wir müssen unsere Energiezukunft selbst in die Hand nehmen. An der Wahl der richtigen Energie entscheidet sich unsere Zukunft - und die unserer Kinder.

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