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Leere Meere

Der Reichtum unserer Meere schien lange Zeit unerschöpflich – eine Illusion, denn Fisch ist nicht in unbegrenzten Mengen vorhanden. Die weltweite Überfischung ist heute eine der größten Bedrohungen für die Gesundheit der Meere und das Überleben seiner Bewohner.

Viel Fisch. © Quentin Bates / WWF-Canon
Viel Fisch. © Quentin Bates / WWF-Canon

Fast überall werden heute mehr Fische gefangen als natürlich nachwachsen können. Weltweit gelten 28 Prozent der kommerziell genutzten Fischbestände entweder als überfischt, als bereits erschöpft oder in der Erholungsphase. Weitere 52 Prozent gelten als bis an ihre biologischen Grenzen befischt. In den europäischen Gewässern ist die Situation besonders schlimm: Für viele Bestände liegen noch nicht einmal genug Daten vor, um eine verlässliche Einschätzung machen zu können – von den übrigen befinden sich mehr als zwei Drittel „außerhalb sicherer biologischer Grenzen“.

 

Der Grund dafür ist die hoch technisierte, auf schnellen Profit bedachte Fischerei der großen Fangflotten, die unsere Meere leeren. In den europäischen Gewässern bestimmt die EU Jahr für Jahr im Rahmen der Gemeinsamen Fischereipolitik (GFP), wie viel Fisch aus ihren Gewässern entnommen werden darf. Dabei wird sie vom Internationalen Rat für Meeresforschung (ICES) beraten. Doch häufig sind die am Ende festgelegten Fangmengen deutlich höher als die vom ICES empfohlenen: Die politisch festgesetzten Fangquoten weichen um bis zu 59 Prozent (2005) von den wissenschaftlichen Empfehlungen ab. Das ist zwar legal, aber bei weitem nicht mehr nachhaltig.

 

Am Ende der Kette

Im Meer spielen Fische eine zentrale Rolle im Nahrungsnetz, nicht nur für andere Fischarten (wie zum Beispiel Haie und Schwertfische), sondern auch für Meeressäugetiere wie Robben und einige Wale. Die Fischerei konzentriert sich häufig auf bestimmte Arten und damit bestimmte Komponenten des Nahrungsnetzes – meist die großen Fische, die weit oben im Nahrungsnetz stehen. Diese werden durch Überfischung stark dezimiert. Wenn sich deren Fang nicht mehr lohnt, kommen andere Fische an die Reihe – häufig Arten, die Nahrung für die vorher befischten Arten ist. Dieses Phänomen wird als „Fishing down the food webs“ beschrieben. Die übermäßige Fischerei verändert die Nahrungsnetze und somit das bestehende Gleichgewicht im Ökosystem.

 

Doch nicht nur durch eine zu große Entnahme von Fisch ziehen wir viele Meerestiere in Mitleidenschaft, sondern auch durch den so genannten Beifang. Darunter versteht man ungewollt mitgefangene Meerestiere, die später tot oder sterbend ins Meer zurückgeworfen werden. Viele der heute eingesetzten Fanggeräte wie etwa Grundschleppnetze produzieren hohe Beifangraten. Zusätzlich schädigen manche Fanggeräte Lebensräume im Meer. Tonnenschwere Bodenschleppnetze walzen empfindliche Bodenbewohner wie Kaltwasserkorallen, Muscheln und Schwämme einfach nieder und hinterlassen auf dem Meeresboden eine Spur der Verwüstung mit katastrophalen Folgen für Ökosystem und Artenzusammensetzung.

Der Überfischung ein Ende setzen

Zuviel Tunfisch. © Des Syafrizal / WWF-Canon
Zuviel Thunfisch. © Des Syafrizal / WWF-Canon

Das Fischereimanagement in Europa muss endlich der Nachhaltigkeit eine Chance geben. Der WWF fordert ein Management, welches das gesamte Ökosystem in Betracht zieht. Zudem müssen Fischer stärker in das Management einbezogen werden – vor allem, um die Akzeptanz für politische Entscheidungen und Maßnahmen zu erhöhen. Fische und Fischer verdienen außerdem eine langfristige Perspektive, die in so genannten Langzeit-Erholungsplänen für einzelne Fischbestände umgesetzt werden kann. Die Empfehlungen der Wissenschaftler dürfen nicht länger ignoriert werden.

 

Und was für Europa gilt, muss für Aktivitäten der EU in Entwicklungsländern erst recht gelten. Faire Fischereiabkommen müssen eine umweltverträgliche und nachhaltige Fischerei fördern und die Rechte der lokalen Fischer schützen. Es gibt bereits Beispiele für ein naturverträgliches Fischereimanagement, das nicht einzelne Fischarten betrachtet, sondern das gesamte Ökosystem Meer: Zum Beispiel für Alaska-Wildlachs und Alaska-Seelachs in den USA. Deren Befischung zeigt, dass beides möglich ist: Größere Mengen Fisch zu fangen und dabei die Nachhaltigkeit nicht aus dem Blick zu verlieren. Als Zeichen für ihr gutes Management tragen beide Fischereien das MSC-Siegel für nachhaltige Fischerei und gutes Management.

 

Ein gutes Management lässt sich auch für andere Fischbestände durchsetzen, wenn Verbraucher und Händler die Weichen richtig stellen: Wer Fisch aus nachhaltigem Angebot bevorzugt, lenkt den Markt ein Stück weiter hin zur naturverträglichen Fischerei, die auch in vielen Jahren noch Fische und Meeresfrüchte wird anbieten können. Der WWF-Einkaufsratgeber Fische & Meeresfrüchte zeigt Ihnen, welche Fischprodukte Sie unbedenklich essen können und von welchen man derzeit lieber die Finger lassen sollte. Warum das so wichtig ist, zeigt die WWF-Broschüre "Fischerei mit Zukunft".

Umwelt muss zum Herzstück der Fischereipolitik werden

© Ulrike Hellmessen / WWF
© Ulrike Hellmessen / WWF

Die Gewässer der Europäischen Union gehören zu den überfischtesten weltweit – Ergebnis einer über Jahrzehnte verfehlten Fischereipolitik. Die im Jahr 2013 anstehende Reform der „Gemeinsamen Fischereipolitik“ (GFP) der Europäischen Union muss Lösungen finden, um eine langfristig ökologisch und ökonomisch tragfähige Fischerei zu ermöglichen und zu fördern.

 

Dabei liegen die Herausforderungen nicht nur vor unserer eigenen Haustür – die europäische Flotte hat erheblichen Einfluss auf die Ozeane weit weg von zu Hause. Eine Handvoll Fischereinationen aus der EU fangen heute Fisch in fernen Gewässern von Entwicklungsländern wie zum Beispiel vor Westafrika. So wird derzeit das Problem der Überfischung einfach exportiert.

 

Ein starker politischer Wille ist gefragt, um diese Probleme zu lösen. Die Fischerei kann dauerhaft nur bestehen, wenn die Umwelt zum zentralen Thema in deren Management wird. Nur eine nachhaltige Fischerei kann unsere Meere gesund und die Ressource Fisch langfristig erhalten. Der WWF mit seinem gesamten europäischen Netzwerk hat sich der Umsetzung dieses Ziels verschrieben.

Bewusster Fisch kaufen

© MSC
© MSC

Ein zentraler Beschleuniger auf dem Weg zur nachhaltigen Fischerei sind die Verbraucher. Indem wir fragen, woher der Fisch kommt, den wir kaufen, und uns aktiv für nachhaltig gefangenen Fisch entscheiden, verändert sich das Angebot – langsam aber sicher – und damit auch die Fischereipolitik. So haben Verbraucher die Möglichkeit, die Plünderung der Ozeane zu stoppen.

 

Immer mehr Verbraucher sind sich der Fischereikrise bewusst  und fragen Produkte aus umweltverträglichen Fischereien nach.  Der WWF arbeitet mit starken Partnern daran, das Angebot an umweltverträglich gefangenen Fischprodukten auf dem Markt zu erhöhen. Dazu gehört auch die Zusammenarbeit mit dem Marine Stewardship Council (MSC): Die internationale Organisation vergibt ein Umweltsiegel für wild gefangenen Fisch. Dieses MSC-Siegel signalisiert dem Verbraucher, dass es sich um ein Produkt aus garantiert umweltverträglich bewirtschafteter Fischerei handelt. Eine Erfolgsgeschichte: Mittlerweile gibt es MSC-Produkte bereits in jedem namhaften Supermarkt.

 

Das Angebot an MSC-zertifizierten Produkten steigt in Deutschland stetig an. Tatsächlich gibt es nirgends auf der Welt mehr Produkte mit dem MSC-Siegel zu kaufen als hier in Deutschland. Damit Sie bei dem übrigen Fischangebot nicht im Dunkeln tappen, empfiehlt der WWF seinen "Einkaufsratgeber Fische & Meeresfrüchte", der konkret Fischarten wie den Seelachs nennt, die man guten Gewissens kaufen kann, weil ihre Bestände derzeit in einem guten Zustand sind. Wir aktualisieren den Einkaufsratgeber entsprechend neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse regelmäßig – immer mal wieder reinschauen lohnt sich.

 

Diese Sicherheit brauchen Verbraucher auch für Produkte aus Aquakultur. Der WWF arbeitet derzeit am Aufbau eines weiteren Umweltsiegels des Aquaculture Stewardship Council (ASC), welches die Erfolgsgeschichte des MSC im Bereich der Fischzucht fortschreiben soll.

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