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Erhöhte Radioaktivität im Meer vor Fukushima

WWF-Meeresexperte Stephan Lutter über die Folgen der marinen Verstrahlung nach der Nuklearkatastrophe und über alten Strahlungsmüll in den Weltmeeren

Der Reaktor kurz nach dem Tag X: Mehr als ein Jahr später hat die sich im japanischen Fukushima freigesetzte Radioaktivität über die Tierwelt fast 10.000 Kilometer weit bis an die US-Küste ausgebreitet. In Thunfischen vor Kalifornien gemessenen Cäsium-Werte sind nun zehnmal so hoch wie vor einem Jahr, meldete am 28. Mai 2012 die Fachzeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences". Das sei für Menschen aber noch nicht bedrohlich. © DigitalGlobe
Der Reaktor kurz nach dem Tag X: Mehr als ein Jahr später hat die sich im japanischen Fukushima freigesetzte Radioaktivität über die Tierwelt fast 10.000 Kilometer weit bis an die US-Küste ausgebreitet. In Thunfischen vor Kalifornien gemessenen Cäsium-Wer
WWF-Meeresexperte Stephan Lutter. © Phillip Gülland / WWF
WWF-Meeresexperte Stephan Lutter. © Phillip Gülland / WWF

WWF: Das Meer vor Fukushima ist nach offiziellen Angaben radioaktiv belastet. Die Strahlung von Jod-131 übertrifft dort inzwischen den zulässigen Grenzwert um mehr als das 4.000-fache. Was hat das für Auswirkungen auf die Lebewelt – auf Fische, Muscheln, Meeressäuger?

Stephan Lutter: Die Werte sind ein klares Indiz dafür, dass erhebliche Mengen auch anderer strahlender Zerfallsprodukte aus den havarierten Reaktoren über Luft, Niederschlag und wahrscheinlich auch direkte Einleitungen das Meer erreicht haben. Das ist Besorgnis erregend. Die Radioisotope des Jods werden bald in Plankton, Algen und Tang zu finden sein, die Radioisotope Cäsium-137, Strontium-90, Technetium-99 sowie Plutonium und andere radioaktive Schwermetalle gelangen außerdem auch über Sedimente und filtrierende Meeresbewohner wie zum Beispiel Muscheln in die Nahrungskette.

Seit den Atombombentests der 50er Jahre, aber auch durch Tschernobyl und die radioaktiven Einleitungen der Wiederaufbereitungslagen La Hague (F) und Windscale/Sellafield (GB) wissen wir, dass sich diese und weitere künstliche Radionuklide in der marinen Nahrungskette anreichern. Dabei passiert im Organismus eines Fisches oder Wals prinzipiell dasselbe wie im Menschen: Wegen ihrer chemischen Ähnlichkeit werden die radioaktiven Elemente dort eingebaut, wo andere für den Stoffwechsel lebensnotwendig sind: Cäsium statt Kalium in vielen Organen, Strontium statt Kalzium in Schalen und Knochen, radioaktives Jod bei Wirbeltieren in der Schilddrüse. Zielorgan von Plutonium ist oft die Leber. Dort entfalten diese Beta- und Alpha-Strahler dann im Gewebe ihre zerstörerische Wirkung, von Gewebeschäden und Immunschwäche bis Erbgutschädigung und Tumorbildung.

 

Die Lebensspanne der meisten Meerestiere ist zu kurz, damit solche Langzeitschäden biologisch zum Tragen kommen, die Strahlung hat also keinen Einfluss auf deren Bestände. Für Meeressäugetiere und einige langlebige Fische ist die Gefahr hingegen ähnlich groß wie für uns Menschen.

Können wir noch bedenkenlos Fisch aus Japan bzw. aus Ostasien essen? Was ist mit wandernden Fischarten wie dem Thunfisch?

Lutter: Darin besteht tatsächlich das größere Problem. Die in Tang, Schalen- und Krebstieren und Fischen angereicherten Radionuklide kommen mit der Nahrung aus dem Meer zum Menschen zurück. Für die japanische Bevölkerung, die traditionell stark von Meeresfrüchten und Fisch als Proteinquelle abhängig ist, kann das dramatische Auswirkungen haben, zusätzlich zu den unmittelbaren Folgen von Erdbeben und Tsunami. Fang- und Ernteverbote werden unweigerlich die Folge sein müssen, will man die Gesundheit der Menschen nicht aufs Spiel setzen.

Für Europa spielen japanische Fischimporte nur eine geringe Rolle. Meeresströmungen und Winde können die Radionuklide jedoch in den nördlichen Pazifik bis hinauf zur Beringsee tragen. Aus dieser Region kommt von den großen russischen und asiatischen Fangflotten viel Speisefisch wie zum Beispiel Alaska-Seelachs und Lachs auf unsere Teller. Wandernde Bestände, wie die des Thunfischs, könnten die Radioaktivität an vielen Punkten des Pazifiks aufnehmen.

Allerdings ist der Fisch, um dessen Belastung es dabei für uns Konsumenten in Zukunft einmal gehen könnte, zum heutigen Zeitpunkt  noch gar nicht gefangen, geschweige denn schon in unseren Kühltheken gelandet. Die Entwicklung muss in den nächsten Monaten genau beobachtet werden. Und vieles hängt davon ab, wie sich der mehrfache Super-Gau in Fukushima entwickelt, ob es zum Beispiel zu weiteren Verpuffungen und Bränden kommt, die großflächig radioaktives Inventar der Reaktoren in die Atmosphäre über dem Pazifik freisetzen.

Fordert der WWF bei Fisch und Meeresfrüchten bessere Kontrollen?

Lutter: Die Importe werden regelmäßig kontrolliert und die EU hat entsprechende Maßnahmen verhängt. Die Häufigkeit der Stichproben ist sicher zu erhöhen, je mehr Zeit ins Land geht. Ausbreitung und Anreicherung der radioaktiven Stoffe im Pazifik müssen ab jetzt einem genauen Umweltmonitoring unterzogen werden, um die Schwerpunkte der Verseuchung rechtzeitig zu erkennen und Vorsorgemaßnahmen zu treffen.

Jod-131 hat eine Halbwertszeit von acht Tagen. Was aber ist mit anderen radioaktiven Substanzen wie Cäsium-137, die freigesetzt wurden?

Lutter: Halbwertszeit heißt zunächst nur, dass die Hälfte der instabilen strahlenden Atome unter Abgabe von Gammastrahlung (kurze, harte Wellen), Beta- oder Alpha-Strahlung (Teilchen) zerfallen ist. Der Rest ist ja noch da. Und der kann bei einem schleichenden Super-GAU wie diesem immer wieder neue Nahrung erhalten. Cäsium-137 und Strontium-90 haben eine Halbwertszeit von rund 30 Jahren, Plutonium von Tausenden von Jahren. Sie bleiben deshalb sehr lange in Sedimenten und Nahrungsketten.

Immer wieder ist davon die Rede, dass sich radioaktives Wasser oder radioaktive Einträge aus der Luft rasch verdünnen würden? Wie dünn und wie rasch?

Lutter: Dem natürlichen Verdünnungseffekt wirkt anderes entgegen: Die biologische Anreicherung ebenso wie die Nachschubrate. Es wird viel davon abhängen, ob wir es in Fukushima mit einer einmaligen oder einer langwierigen, kontinuierlichen Freisetzung zu tun haben. Auch die ozeanografischen Bedingungen spielen eine Rolle. Vor Japan streicht der Kuroshio-Strom vorbei, vergleichbar dem Golfstrom im Atlantik. Er kann die radioaktiv belasteten Wasserkörper wie ein Fluss im Meer gebündelt nach Norden transportieren.

Gibt es einen Grenzwert, ab dem sich radioaktive Einträge nicht mehr in ungefährliche niedrige Dosen verdünnen?

Lutter: Andersherum wird ein Schuh daraus: Es gibt keine ungefährlich niedrigen Dosen für die so genannte Niedrigstrahlung im Körper, auch wenn uns das Betreiber und Politiker immer wieder gebetsmühlenartig glauben machen wollen. Jeder einzelne Strahler im Gewebe erhöht, statistisch gesehen und auf die Bevölkerung bezogen, das langfristige Krebsrisiko. Auch natürlich vorkommende Radionuklide sind daran beteiligt. Dies ist nicht gleichzusetzen mit der Frage, welcher unmittelbaren Strahlung die Menschen an den Reaktoren ausgesetzt sind und ab welcher Dosis Strahlenkrankheit beim Individuum auftritt.

Bis 1994 durften radioaktive Abfälle legal im Meer verklappt werden, insgesamt soll mindestens 100.000 Tonnen radioaktiver Abfall in unseren Ozeanen lagern. Wie gesichert ist dieses Material, was weiß man darüber?

Lutter: Seit Ende der 90er Jahre gilt das Verbot auch für schwach- und mittelradioaktive Abfälle. Doch die davor verklappten Abfälle sind eine tickende Zeitbombe. Aus korrodierten Behältern werden über kurz oder lang Radionuklide austreten und in die langsame Tiefenwasserzirkulation der Ozeane geraten. Die Überwachung dieser Altlasten am Meeresgrund ist äußerst lückenhaft.

Nach wie vor dürfen radioaktive Abwässer ganz direkt eingeleitet werden, zum Beispiel von der Wiederaufbereitungsanlage La Hague in Nordfrankreich und Sellafield in England. Welche Folgen hat das?

Lutter: Die Radionuklide aus diesen Wiederaufbereitungsanlagen stammen letztlich aus unseren Kernkraftwerken. Durch politischen Druck und technische Maßnahmen konnten diese Emissionen im letzten Jahrzehnt immerhin verringert werden, wie auch der neueste Zustandsbericht für den Nordostatlantik belegt.

Der Ausstoß von zum Beispiel Technetium-99 ist bis vor die norwegische Küste zu verfolgen, kann noch weit entfernt in den Meeresströmen nachgewiesen werden. Auch in Sedimenten, Tang, Muscheln und Fischen sind die Konzentrationen mehrerer Radionuklide erhöht. Man hat errechnet, dass zeitweise Robben vor der schottischen Küste eine höhere Strahlenexposition hatten, als sie nach gesetzlichen Grenzwerten für das Personal von Atomanlagen erlaubt sind.

   
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