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Stand: 19.07.2013

OSPAR - Blamage bei Treffen der Vertragsstaaten

Ein Kommentar von WWF-Meeresschutzexperte Stephan Lutter

Mehr als zwei Drittel unserer Erde sind von Wasser bedeckt. Umweltschutz jedoch begrenzt sich oftmals auf Landflächen – mit schwerwiegenden Folgen für die marine biologische Vielfalt. Das betrifft aber nicht nur die Hohe See, sondern auch die Gewässer direkt vor unserer Haustür, wie die Nordsee und den Nordostatlantik.

WWF bringt Fachwissen ein

Jedes Jahr im Juni treffen die 15 Vertragsstaaten des Abkommens zum Schutz der Meeresumwelt des Nordostatlantik, die so genannte OSPAR-Kommission zusammen. Auch die EU gehört zu den Vertragsparteien. Beim diesjährigen Treffen der Vertragsstaaten vom 24. - 28. Juni im schwedischen Göteborg standen Empfehlungen zum Schutz bedrohter Arten und Lebensräume im Mittelpunkt. 

 

Wie schon in früheren Fällen sprangen der WWF und andere Umweltorganisationen mit ihrem Fachwissen ein, wo sich in der Vergangenheit kein Land bereit erklärte oder Personal hatte, um die fachliche Vorarbeit zu leisten. Die detaillierten Empfehlungen passierten im vergangenen Arbeitsjahr 2012 zahlreiche Hürden und landeten als Tischvorlage für Göteborg.

Blamage statt Fortschritt

Stephan Lutter © Phillip Guelland / WWF
Stephan Lutter © Phillip Guelland / WWF

Wer jedoch von dieser Tagung Fortschritte beim Schutz von Blau- und Schweinswal, Leder- und Unechter Karettschildkröte, Europäischem Stör, Dorn- und Heringshai, Tiefseehaien und Nagelrochen, Islandmuschel, Sandkorallen, Hydrothermalquellen und Seebergen erwartete, um nur die wichtigsten der neuen Vorschläge zu nennen, sah sich mächtig getäuscht. Schlimmer noch: Eine solche Blamage habe ich in 20 Jahren nicht erlebt.

Da die Umsetzung der notwendigen Schutzmaßnahmen oft nicht in der Zuständigkeit der OSPAR-Staaten selbst liegt, werden Empfehlungen an andere Gremien ausgesprochen: Die Fischereibehörden der EU, Norwegens und Islands, die Nordostatlantische Fischereikommission (NEAFC), die Internationale Schifffahrtsorganisation (IMO), Internationale Meeresbodenbehörde (ISA) usw. So geschehen für 17 Arten und Lebensräume von der Roten Liste seit dem Umweltministertreffen 2010 in Bergen. Dort beschlossen die Minister auch, das Werk bis 2013 zu Ende zu bringen. Insgesamt wurden weitere 23 Schutzempfehlungen verfasst.

Nächtelange Verhandlungen

Nordostatlantik und die 15 OSPAR-Vertragsstaaten © Eric Gaba / Wikimedia Commons user: Sting
Nordostatlantik und die 15 OSPAR-Vertragsstaaten © Eric Gaba / Wikimedia Commons user: Sting

Praktisch in letzter Sekunde jedoch stellte eine Gruppe von Vertragsstaaten, nämlich Norwegen, Island und Dänemark (für Grönland und die Färöer) prinzipiell und im Gegensatz zu früherer Vereinbarung und Praxis in Frage, dass das regionale Meeresumweltabkommen OSPAR überhaupt das Mandat habe, Empfehlungen an Fischerei- und Walfangorganisationen auszusprechen. Auch nach nächtelangen Verhandlungen änderte sich nichts an dieser Position, die vor allem von den Delegationen Deutschlands, der Niederlande, Belgiens, des Vereinigten Königreichs, Frankreichs und der EU und natürlich den Sprechern des WWF wiederholt und scharf kritisiert wurde.

Die OSPAR-Liste der bedrohten oder im Rückgang befindlichen Arten (42) und Lebensräume (16) umfasst neben Knochenfischen, Haien und Rochen, Seevögeln, Meeresschildkröten und Walen auch viele Tiefseelebensräume und -gemeinschaften, die anderswo bisher nicht berücksichtigt wurden, zum Beispiel Kaltwasserkorallen, Seeberge, Schwammbänke, heiße Tiefseequellen, Kalkhügel und wichtige Lebensgemeinschaften der Weichböden.

Meeresbewohner der Tiefsee sind in den Naturschutzgesetzen der meisten Anrainerstaaten ebenso wenig als schützenswert erwähnt wie in der Flora-Fauna-Habitat-(FFH)-Richtlinie der EU. Und kommerzielle Fischarten erst recht nicht. Darin liegt der besondere Unterschied und Wert der „Roten Liste“ der OSPAR-Kommission. Auch ihr Beschluss, für jeden der 58 Puzzlesteine bedrohter biologischer Meeresvielfalt maßgeschneiderte Schutzempfehlungen zu erarbeiten und zu verabschieden, lässt deshalb aufhorchen und hoffen. Dazu gehört die Einrichtung von Schutzgebieten ebenso wie verbesserte Überwachung, Aufklärungsarbeit oder die Einführung umweltschonender Fischereitechniken. 

Außerordentliches Treffen Ende 2013

Das Kürzel OSPAR setzt sich zusammen aus „OSlo“ und „PARis“, den europäischen Hauptstädten, in denen des Vertragswerk schon vor über 40 Jahren unterzeichnet wurde, um die Meeresverschmutzung in Nordsee und Atlantik zu bekämpfen. Seit 1992 ist das neue OSPAR-Abkommen auch für die Erhaltung der biologischen Vielfalt und die Einrichtung von Meeresschutzgebieten zuständig und hat in dieser Hinsicht viele Fortschritte aufzuweisen. Manche davon wurden erfolgreich durch den WWF angestoßen wie zuletzt die Ausweisung der ersten Schutzgebiete auf Hoher See. 

Zum ersten Mal in der Geschichte des OSPAR-Gremiums soll nun ein außerordentliches Treffen der OSPAR-Kommission Ende 2013 einberufen werden, um beim Schutz von Arten und Lebensräumen das von den eigenen Umweltministern gesteckte Ziel zu erreichen. Der WWF wird sich auf allen Ebenen dafür einsetzen, dass die Rote Liste der Meeresbewohner des Nordostatlantiks nicht Makulatur bleibt.

 

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