WWF Deutschland

http://www.wwf.de/


Content Section

Tiefsee vor dem Goldrausch

WWF fordert rechtzeitige Schutzmaßnahmen

Bei der Tiefsee denkt man an Riesenkalmare in eisiger Kälte – aber nicht an sein Handy. Dabei sind Mobiltelefone durchaus mit diesem faszinierenden Lebensraum verbunden. Denn gerade dort finden sich noch große Mengen von den Metallen, die für die Produktion vieler elektronischer Geräte unverzichtbar sind.

© Ian Hudson / WWF-Canon
© Ian Hudson / WWF-Canon

Erbe der Menschheit

Der weitaus größte Teil der Weltmeere und damit auch des Seebodens liegt jenseits der so genannten „Ausschließlichen Wirtschaftszonen“ der Küstenstaaten und damit jenseits nationaler Rechtsprechung. Der Meeresboden in diesen internationalen Gewässern, nach dem Seerecht der Vereinten Nationen als „gemeinsames Erbe der Menschheit“ bezeichnet, wird von der Internationalen Meeresbodenbehörde (International Seabed Authority, ISA) verwaltet. An deren Sitz in Kingston auf Jamaika treffen sich jährlich die Staaten der Erde, um über die Erkundung sowie den Abbau von Bodenschätzen aus der Tiefsee zu beraten und Regulierungen zu vereinbaren. Der WWF ist als eine der wenigen Beobachterorganisationen bei der ISA registriert und setzt sich dort für den Schutz der Tiefseelebensräume ein.

Die Tiefseelebensräume sind bis dato weitestgehend unerforscht. Jede Forschungsfahrt in diese Gebiete bringt bisher unbekannte Arten und neue Erkenntnisse über die ökologischen Prozesse in der Tiefsee an Licht. Bekannt und unbestritten ist, dass die Bewohner der Tiefsee an sehr stabile ökologische Verhältnisse angepasst sind, sich erst spät und oder selten fortpflanzen, überaus empfindlich auf Störungen reagieren und sehr lange brauchen, sich von schädigenden Eingriffen wieder zu erholen.

Ungeachtet der Gefahren, die der Abbau von Bodenschätzen in der Tiefsee für die Lebensräume und die marine biologische Vielfalt mit sich bringt, ist das wirtschaftliche Interesse an den Bodenschätzen weiterhin groß. Zwölf Staaten haben bereits Lizenzen für die Erkundung von bestimmten Gebieten im Pazifischen und Indischen Ozean bei der Meeresbodenbehörde beantragt und genehmigt bekommen. Allein Deutschland hat über das Wirtschaftsministerium (BMWi) und die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) eine Erkundungslizenz für eine 75.000 Quadratkilometer große Fläche zwischen Hawaii und Mexiko erworben – eine Fläche größer als das Bundesland Bayern.

Bereits in den 1970er Jahren gab es erste Versuche, Metalle wie Gold, Silber, Kupfer, Nickel oder Kobalt aus der Tiefsee zu gewinnen. Mit Unterwasser-Robotern wollte man in ungeahnte Tiefen vordringen, um dort liegende Vorkommen ausbeuten zu können. Mit sinkenden Rohstoffpreisen verschwand diese Zukunftsvision jedoch schnell in den Schubladen. Erst der Elektronik-Boom sorgt für neues Interesse an den Metallen. Sie schlummern vor allem in Manganknollen, kobaltreichen Krusten und polymetallischen Sulfiden.

Bis heute sind noch keine Lizenzen für den kommerziellen Abbau dieser wertvollen Rohstoffe von der ISA vergeben worden. Angesichts der stetig wachsenden Anzahl an Ländern, die mit großem finanziellen und technischen Aufwand derzeit die Tiefseerohstoffe erkunden, ist es aber nur eine Frage der Zeit, wann der Goldrausch in der Tiefsee beginnt. Dabei stellt sich die Frage, ob es der internationalen Staatengemeinschaft in diesem Fall gelingt, noch rechtzeitig Maßnahmen zum Schutz der Meeresumwelt zu beschließen, bevor sie durch einen unvorsichtigen Abbau von Bodenschätzen geschädigt oder gar zerstört wird.

Manganknollen

Manganknollen sind kartoffelförmige, mehrere Zentimeter dicke Klumpen, die schalenartig über Jahrmillionen mit Hilfe von Bakterien und Einzellern gewachsen sind – etwa ein Millimeter in einer Million Jahren. Sie bestehen nicht nur aus bis zu 30 Prozent Mangan, sondern enthalten zudem Eisen, Nickel, Kobalt und Kupfer. Besonders im Pazifik finden sich in 4.000 bis 6.000 Metern Tiefe Manganknollenfelder von gigantischen Ausmaßen: Wissenschaftler schätzen das Gesamtgewicht der Knollen in diesem Gebiet auf mehrere Hundert Milliarden Tonnen.

 

Noch ist ein Abbau nicht wirtschaftlich. Das kann sich jedoch durch steigende Rohstoffpreise und Fortschritte in der Technikentwicklung sehr bald ändern. Die ökologischen Folgen eines Abbaus könnten dramatisch sein. Die Knollen liegen auf lockerem Grund, der leicht aufgewirbelt werden kann.

 

Bei einem etwaigen Abbau der Manganknollen wird entscheidend sein, inwieweit die Manganknollen gezielt gefördert werden können, oder in welchem Ausmaß die gesamte obere Schicht des Meeresbodens abgetragen wird – mitsamt den dort siedelnden Lebewesen. Zudem besteht die Gefahr, dass die ungewünschten Sedimente wieder zurück ins Meer geleitet werden und dann die empfindlichen Lebewesen der Tiefsee, die das Wasser filtrieren, beim Absinken ersticken. Und die gibt es reichlich dort unten: Biologen vom Deutschen Zentrum für Marine Biodiversitätsforschung (DZMB) in Wilhelmshaven zählten im deutschen Manganknollengebiet Tausende von Tierarten, von denen sie gerade jede Hundertste kannten. Immerhin arbeitet die Internationale Meeresbodenbehörde inzwischen an der Ausweisung von Zonen, in denen keinerlei Abbau stattfinden darf und von denen aus eine Wiederbesiedlung künftiger Abbaugebiete stattfinden könnte.

Kobaltreiche Krusten

Kobaltreiche Krusten finden sich in Tiefen von 400 bis 4000 Metern an den unter der Meeresoberfläche aufragenden Seebergen. Sie sind häufig auch Heimat für Kaltwasserkorallenriffe oder Schwammbänke, die wiederum eine Vielfalt weiterer Bewohner und die Kinderstube vieler Fischarten beherbergen. Beim Abbau der etwa 25 Zentimeter dicken Kruste würden diese Lebensräume einfach mit abgebaggert und wohl gänzlich zerstört. Die FAO hat diese Lebensräume an den Seebergen bereits offiziell als besonders empfindliche marine Ökosysteme („vulnerable marine ecosystems“, VME) anerkannt und die Staaten aufgefordert, sie vor Schäden durch die Fischerei zu bewahren. Es wäre absolut unverständlich, wenn die ISA diese Bemühungen durch die Vergabe von Lizenzen zum Abtragen der Krusten konterkariert.

Polymetallische Sulfide

Auch die Ausbeutung polymetallischer Sulfide stellt eine große Gefahr für die Meeresumwelt dar. Diese Schwefelverbindungen entstehen an so genannten Schwarzen Rauchern am Meeresboden der Tiefsee. Hier schießt bis zu 400 Grad Celsius heißes und mit Metallen angereichertes Wasser aus der Erdkruste.

Durch die plötzliche Abkühlung im wenige Grad kalten Tiefenwasser fallen Schwefel-Metall-Verbindungen und selbst Gold aus und bilden mehrere Meter lange, zylindrische Schlote, die „Raucher“. Dort leben Bakterien, die statt aus Licht aus dem im Wasser gelösten Schwefelwasserstoff Lebensenergie gewinnen. Von ihnen ernährt sich dort unten eine einzigartige und artenreiche Lebenswelt aus Würmern, Muscheln und Krabben, die bislang kaum erforscht ist.

Beim Abbau der Schlote würden diese Lebensräume zerstört und wertvolle Arten könnten gänzlich verloren gehen. Darüber hinaus können für die meisten Lebewesen hochgiftige Metalle in obere und entfernte Gewässerschichten gelangen und dort langfristig großen Schaden anrichten.

Folgen der Ausbeutung mildern

Ölkatastrophe der Deepwater Horizin im Golf von Mexiko 2010. © U.S. Coast Guard
Ölkatastrophe der Deepwater Horizin im Golf von Mexiko 2010. © U.S. Coast Guard

Der WWF hält den Abbau von mineralischen Rohstoffen in der Tiefsee für ein hochriskantes Unterfangen. Die gigantische Ölkatastrophe durch den Untergang der BP-Bohrplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko zeigt, wie schwierig ein zuverlässiger Einsatz auch modernster Technik in der Tiefsee ist – und dort wurde „nur“ in 1500 Metern Tiefe gefördert.

Die Ökosysteme der Tiefsee sind oft an extrem konstante Umweltbedingungen gewöhnt. Die ökologischen Folgen einer Ausbeutung können heute noch überhaupt nicht abgesehen werden.

Der WWF fordert deshalb ein Moratorium für den Tiefseebergbau. Zuerst muss ein Netzwerk von Meeresschutzgebieten weltweit eingerichtet werden, das wichtige und repräsentative Gebiete identifiziert und vor Zerstörung bewahrt, indem jeglicher Abbau von Bodenschätzen dort untersagt wird. Darüber hinaus müssen die Internationale Seebodenbehörde und die Küstenstaaten strenge Regulierungen für den Abbau verabschieden. Außerdem sollten Alternativen zum Tiefseebergbau erwogen werden – besonders die Entwicklung Ressourcen schonender Produkte und ein stärkerer Einsatz von recycelten Materialien.

  • Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Pinterest
  • drucken
   
Unterstützen Sie
den WWF
Unterstützen Sie
den WWF