Tiefsee vor dem Goldrausch
WWF fordert rechtzeitige Schutzmaßnahmen
Bei Tiefsee denkt man an Riesenkalmare in eisiger Kälte – aber nicht an sein Handy. Dabei sind Mobiltelefone durchaus mit ozeanischen Abgründen verbunden. Denn gerade dort schlummern reichlich Metalle, die für die Produktion vieler elektronischer Geräte unverzichtbar sind.

Erbe der Menschheit
Große Teile der Weltmeere und damit auch des Seebodens liegen in Gebieten außerhalb der so genannten „Ausschließlichen Wirtschaftszonen“ von Staaten und erstrecken sich im Allgemeinen bis 200 Seemeilen von der Küste. Diese internationalen Gebiete, nach Seerecht „gemeinsames Erbe der Menschheit“, werden von der Internationalen Meeresbodenbehörde verwaltet. In deren Sitz in Kingston auf Jamaika treffen sich jährlich die Vertragsstaaten des Seerechts, um Regulierungen für den Abbau von Bodenschätzen zu vereinbaren. Auch der WWF ist dabei und setzt sich dort für den Schutz der Tiefsee ein.
Trotz der Gefahren, die Bergbau in der Tiefsee mit sich bringt, ist der Bedarf an Bodenschätzen weiterhin groß. Zwölf Staaten haben bereits Claims für die Untersuchung von Gebieten im Pazifischen und Indischen Ozean bei der Meeresbodenbehörde abgesteckt. Allein Deutschland hat zwischen Hawaii und Mexiko eine Abbaulizenz für 75.000 Quadratkilometer erworben – eine größere Fläche als Bayern.
Bereits in den 70er Jahren gab es erste Versuche, Metalle wie Gold, Silber, Kupfer, Nickel oder Kobalt aus der Tiefsee zu gewinnen. Mit untermeerischen Robotern wollte man in ungeahnte Tiefen vordringen, um dort liegende Vorkommen ausbeuten zu können. Mit sinkenden Rohstoffpreisen verschwand diese Zukunftsvision jedoch schnell in den Schubladen. Erst der Elektronik-Boom sorgt für neues Interesse an den Metallen. Sie schlummern vor allem in Manganknollen, kobaltreichen Krusten und polymetallischen Sulfiden.
Manganknollen
sind kartoffelförmige, mehrere Zentimeter dicke Klumpen, die schalenartig über Jahrmillionen mit Hilfe von Bakterien und Einzellern gewachsen sind – etwa ein Millimeter in einer Million Jahren. Sie bestehen nicht nur aus bis zu 30 Prozent Mangan, sondern enthalten ebenfalls Eisen, Nickel, Kobalt und Kupfer. Besonders im Pazifik liegen in 4.000 bis 6.000 Metern Tiefe Felder von gigantischen Ausmaßen: Wissenschaftler schätzen das Gesamtgewicht der Knollen auf mehrere Hundert Milliarden Tonnen.
Noch ist ein Abbau nicht wirtschaftlich. Das kann sich jedoch durch steigende Preise und bessere Technik sehr bald ändern. Die ökologischen Folgen eines Abbaus könnten dramatisch sein. Die Knollen liegen auf lockerem Grund, der leicht aufgewirbelt werden kann.
Sedimentwolken im Wasser können dann die empfindlichen Lebewesen der Tiefsee, die das Wasser filtrieren, ersticken. Und die gibt es reichlich dort unten: Biologen vom Deutschen Zentrum für Marine Biodiversitätsforschung in Wilhelmshaven zählten im deutschen Manganknollengebiet Tausende von Tierarten, von denen sie gerade jede Hundertste kannten. Immerhin arbeitet die Internationale Meeresbodenbehörde inzwischen an der Ausweisung von Zonen, in denen keinerlei Abbau stattfinden darf und von denen aus eine Wiederbesiedlung künftiger Abbaugebiete stattfinden könnte.
Kobaltreiche Krusten
bedecken in Tiefen von 400 bis 4.000 Metern tausende unter der Meeresoberfläche aufragende Seeberge. Sie sind häufig auch Heimat für Kaltwasserkorallenriffe oder Schwammbänke, die wiederum eine Vielfalt weiterer Bewohner und die Kinderstube vieler Fischarten beherbergen. Beim Abbau der etwa 25 Zentimeter dicken Kruste würden diese Lebensräume einfach mit abgebaggert.
Schwarze Raucher
Auch die Ausbeutung polymetallischer Sulfide stellt eine große Gefahr für die Meeresumwelt dar. Diese Schwefelverbindungen entstehen an so genannten Schwarzen Rauchern. Hier schießt bis zu 400 Grad Celsius heißes und mit Metallen angereichertes Wasser aus der Erdkruste.
Durch die plötzliche Abkühlung im wenige Grad kalten Tiefenwasser fallen Schwefel-Metall-Verbindungen und selbst Gold aus und bilden mehrere Meter lange, zylindrische Schlote, die Raucher. Dort leben Bakterien, die statt aus Licht aus dem im Wasser gelösten Schwefelwasserstoff Lebensenergie gewinnen. Von ihnen ernährt sich dort unten eine artenreiche Lebewelt aus Würmern, Muscheln und Krabben, die bislang kaum erforscht ist.
Beim Abbau der Schlote würden diese Lebensräume zerstört und wertvolle Arten könnten verloren gehen. Darüber hinaus können für die meisten Lebewesen hochgiftige Metalle in obere und entfernte Gewässerschichten gelangen und dort langfristig großen Schaden anrichten. Trotzdem findet der erste Tiefseebergbau der Welt ausgerechnet an Schwarzen Rauchern statt: Das kanadische Unternehmen Nautilus Minerals will durch deren Abbau in den Gewässern Papua-Neuguineas Gold fördern.

Folgen der Ausbeutung mildern
Der WWF hält die Ausbeutung von Metallen in der Tiefsee für ein hochriskantes Unterfangen. Die gigantische Ölkatastrophe durch den Untergang der BP-Bohrplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko zeigt, wie schwierig ein zuverlässiger Einsatz auch modernster Technik in der Tiefsee ist – und dort wurde „nur“ in 1.500 Metern Tiefe gefördert.
Die Ökosysteme der Tiefsee sind oft an extrem konstante Umweltbedingungen gewöhnt. Die ökologischen Folgen einer Ausbeutung können heute noch nicht abgesehen werden. Der WWF fordert deshalb ein Moratorium für den Tiefseebergbau. Zuerst muss ein Netzwerk von Meeresschutzgebieten weltweit eingerichtet werden, das wichtige und repräsentative Gebiete identifiziert und vor Zerstörung bewahrt, indem jeglicher Abbau von Bodenschätzen dort untersagt wird.
Darüber hinaus müssen die Internationale Seebodenbehörde und die Küstenstaaten strenge Regulierungen für den Abbau verabschieden. Außerdem sollten Alternativen zum Tiefseebergbau erwogen werden – besonders die Entwicklung Ressourcen schonender Produkte und ein stärkerer Einsatz von recycelten Materialien.








