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Stand: 06.09.2013

„Geisternetze können ewig weiterfischen“

Geisternetze werden die verloren gegangenen Fischernetze genannt, die noch Jahrzehnte durch die Meere treiben. An Wracks auf dem Meeresgrund verhaken sie sich besonders oft. Deshalb haben 15 Taucher im August 2013 in der Ostsee Wracks rund um Rügen und den Greifswalder Bodden betaucht. Philipp Kanstinger vom WWF Deutschland ist Forschungstaucher und war eine Woche lang mit an Bord und unter Wasser.

WWF: Philipp Kanstinger, was war das Ziel der Ostsee-Expedition?

Philipp Kanstinger: Aufgabe unserer Expedition war, zu schauen wie viele Netze wir auf dem Meeresgrund finden und ob sich dort Tiere verfangen haben. Wir wollten wissen, ob man die Netze in einer weiteren Expedition bergen kann. Dafür haben wir Netzproben genommen und Material und Maschenweite untersucht. So kann man besser einschätzen, ob die Netzteile bei der Bergung reißen werden, ob sie zum Beispiel biologisch abbaubar sind oder aus Plastik bestehen. 

Philipp Kanstinger bei der Analyse der Geisternetz-Proben © Baltic Sea 2020 / WWF
Philipp Kanstinger bei der Analyse der Geisternetz-Proben © Baltic Sea 2020 / WWF

Was ist so schlimm an den Geisternetzen, warum sollen sie geborgen werden?

Als erstes ist es natürlich einfach Müll, der nicht ins Meer gehört. Außerdem fischen einige Netzarten sozusagen ewig weiter: Netze, die nicht biologisch abbaubar sind, fangen für Jahrzehnte unter Wasser einfach weiter Fische und andere Lebewesen, die darin verenden. In Angelleinen oder Schleppnetzen können sich auch größere Tiere verheddern wie Robben oder Seevögel. Wir wollten wissen, inwieweit das alles auf die Ostsee zutrifft und wie viel man dann da unten tatsächlich findet.

Welche Wracks haben Sie in der Ostsee untersucht?

Das ist unterschiedlich. Wir haben Lastkähne betaucht und alte Fischkutter - sowohl relativ neuzeitliche als auch welche aus den 1920er Jahren. Außerdem sind wir an mehreren Geröllfeldern getaucht. Das waren Schiffswracks wie die MS Hamburg, ein großes Passagierschiff, das 1945 auf eine Seemine gelaufen und untergegangen ist. Das Wrack wurde schon nach dem Krieg abgetragen, und auf dem Meeresboden ist nur ein großes Trümmerfeld übrig geblieben. 

Und was haben Sie bei den Tauchgängen gefunden?

An den größeren, intakten Wracks hingen tatsächlich ziemlich viele Netze. Der größte Teil davon waren Schleppnetze. Und wir haben Angelleinen gefunden ohne Ende. Ich war überrascht, wie schnell die Schleppnetze an den Wracks von Muscheln überwachsen wurden. Die Netze werden sozusagen in das Wrack inkrustiert. Man konnte teilweise gar nicht mehr erkennen, wo das Wrack aufhört und die Netze anfangen. 

Taucher im Einsatz bei schlechten Lichtverhältnissen © Baltic Sea 2020 / WWF
Taucher im Einsatz bei schlechten Lichtverhältnissen © Baltic Sea 2020 / WWF

Gab es ein besonders beeindruckendes Taucherlebnis?

Unser dritter Tauchgang hat mich sehr beeindruckt: Das Wrack heißt „Fliegender Holländer“, liegt auf 25 Meter Tiefe, und man dringt langsam in die Schwärze des Meeres runter. Die Lichtverhältnisse werden sehr schnell sehr schlecht in der Ostsee. In 25 Meter Tiefe ist es extrem dunkel. Da war das relativ gut intakte Schiff, wie man sich ein Wrack vorstellt, wahrscheinlich aus den 1920er Jahren. Und es war über und über mit diesen Netzen bedeckt, die sozusagen ein weißes Spinnennetz um das Wrack gebildet hatten. Links und rechts sind außerdem noch Netze in der Wassersäule gewabert. Das war fast gespenstisch – passend zu dem Begriff Geisternetze.

Welche Schwierigkeiten gibt es bei der Bergung solcher Netze?

Viele der Wracks sind relativ alt. Das ist ja auch Kulturgut, das darf man nicht zerstören oder beschädigen. An einigen Stellen wird es tatsächlich schwierig bis unmöglich, die Netze zu bergen. Die meisten haben sich durch die starke Strömung schnell in den Wracks verheddert. Da muss man tatsächlich nach freischwebenden Netzen schauen, damit man sie abschneiden kann, ohne die Wracks zu beschädigen. Außerdem sollte man versuchen, Netze zu lokalisieren, die gar nicht an Wracks hängen. Es gibt sogenannte Kiemen-Netze, die gehen häufig verloren, wir haben sie aber an den Wracks kaum gefunden. Das lässt vermuten, dass sie in anderen Gebieten herumschwimmen. Aber es ist natürlich schwieriger, so ein Netz dann im Meer zu finden. 

Wie geht es jetzt weiter?

Es wird eine weitere Expedition geben, höchstwahrscheinlich im Herbst, um noch weitere Netze für eine Bergung zu lokalisieren. Im Frühjahr, wenn die Sichtweite unter Wasser besser ist, müssen die gefundenen Netze noch einmal genau dokumentiert werden. Nächsten Sommer ist dann die Bergung der Netze geplant. 

Was müsste sich ändern, damit es gar nicht mehr so weit kommt?

Die Fischer sollten zum Beispiel Fanggeräte nutzen, die nicht mehr fangen können, wenn sie verloren gehen. Bei einer Fischfalle kann man Ausgänge schaffen, die geöffnet werden, wenn die Falle mehrere Wochen unter Wasser ist. Das geht durch oxidierbare Verschlussmechanismen. Es wäre natürlich sowieso besser, biologisch abbaubare Netze zu benutzen. Und man kann die Netze auch kodieren. Wenn jeder Fischer seine eigene Kodierung hat, bekommt man heraus, wer die Netze als Müll über Bord wirft. Insgesamt ist auch einfach eine größere Aufmerksamkeit für das Thema wichtig.

Das Interview führte Stephanie Probst.

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