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Stand: 23.06.2016

Geisternetze in der Ostsee - Projektfortschritt

Nach zwei Jahren Vorbereitung, intensiven Gesprächen und Antragsstellungen ist es dem WWF Deutschland und Partnern rund um die Ostsee seit März 2016 möglich, die Geisternetz-Arbeit in der Ostsee wieder aufzunehmen. 

Geisternetz mit Dorsch vor Hiddensee © W. Wichmann / WWF
Geisternetz mit Dorsch vor Hiddensee © W. Wichmann / WWF

Bergungs- und Wiederverwertungsmethoden für Geisternetze

Der WWF Deutschland wird sich innerhalb der nächsten drei Jahre um die Umweltverträglichkeit der verschiedenen Bergungs- und Wiederverwertungsmethoden kümmern. Unsere Partner suchen nach der besten Art, Geisternetze zu lokalisieren, zu bergen und mittels Signalgebern verlorene Netze schnell aufspüren zu können. Eine Hafenstudie soll aufzeigen, welche Häfen sich zum Anlanden und Weiterleiten der gefundenen Netzteile eignen. Somit entsteht eine Blaupause, die auch über die Ostsee hinaus in Politik und Wirtschaft verankert werden soll. Für den Part des WWF Deutschland konnte zudem mit dem Recyclingunternehmer Tönsmeier GmbH ein fachkompetenter Kooperationspartner gewonnen werden, der uns in Fragen der ökologischen und ökonomischen Wiederverwertungsmöglichkeiten zur Seite steht.

Im März konnten die von archeomare und WWF geborgenen Geisternetze vor Rügen zum Reinigen und Sortieren geschickt werden. Dieser Schritt ist für den Prozess einer möglichen Wiederverwertung nötig. Die Geisternetze sind durch das jahrelange unter Wasser liegen mit Sand durchsetzt und mit Muscheln bewachsen. 

Recycling - vom Geisternetz zum Kunststoff-Pellet

Am 12. Mai 2016 sind Andrea Stolte vom WWF Ostseebüro und Michael Krüger, Recycling-Experte der Tönsmeier GmbH, nach Zlawies Wielka in Polen aufgebrochen, um sich das Sortieren der Fischereinetze aus nächster Nähe anzusehen. Bei der Sortier-Firma Metalex werden sowohl aus der Ostsee geborgene als auch von Fischern ausrangierte Netze händisch nach Materialarten getrennt. Unsere im Sommer 2014 geborgenen Geisternetze wurden von Plastikringen und Metallteilen befreit und zu einem kompakten Nylon-Bündel ‎verschnürt. Da Nylon ein vergleichsweise gut zu recycelnder Rohstoff ist, werden die begehrten Nylon-Stellnetze von Metalex an eine Recycling-Firma in Slowenien weitergeschickt, die daraus Garn für Outdoor-Bekleidung und Rucksäcke gewinnt.

Dickere Taue und Schleppnetze werden aus Polypropylen (PP) und Polyethylen (PE) hergestellt. Diese Materialien, besonders PP, werden bei Metalex direkt zu Pellets eingeschmolzen, aus denen neue Produkte hergestellt werden können. Neben Alltagsgegenständen wie Einkaufskisten wird aus PP‎ auch erneut hochwertiges Fischereigerät erzeugt. 

Wir könnten uns also davon überzeugen, dass Geisternetze ein beeindruckendes zweifaches Recycling-Potenzial bergen: Sie bieten die Grundlage für eine echte Kreislaufwirtschaft in der Ostsee-Fischerei und sie liefern das Rohmaterial zum Upcycling in hochwertige Outdoor-Produkte. Die Pellets haben wir uns bereits durch die Hände rieseln lassen - nun sind wir gespannt auf den nächsten Produktionsschritt, das Erzeugen des Nylongarns aus Stellnetz-Rohmaterial.

Wir müssen mehr über Geisternetze erfahren

WWF-Expertin Gabriele Dederer bei der Auswertung von Geisternetzen - wie viele Fische haben sich verfangen? © WWF
WWF-Expertin Gabriele Dederer bei der Auswertung von Geisternetzen - wie viele Fische haben sich verfangen? © WWF

Wir wissen immer noch zu wenig über die Schadwirkung von verloren gegangen Fischereinetzen. Wie viele Tiere verenden in den Geisternetzen und über welchen Zeitraum fangen herrenlose Netze weiter? Wir fahren nach Freest. Karl-Heinz Neumann, ein mit uns zusammenarbeitender Fischer hat während seiner Ausfahrt mit dem Grundschleppnetz 12 Stellnetze gefangen. Diese Stellnetze scheinen durch eine Schiffsschraube von ihrem ursprünglichen Platz verschleppt worden und zu Boden gesunken sein.

Im Fischereihafen Freest haben wir nun die Möglichkeit 144 Quadratmeter Netze aufzufalten und nachzuvollziehen, wie viel Fisch sich in den Maschen verfangen hat. Die Ausbeute kann sich leider sehen lassen: Wir fanden acht verschiedene Fischarten. Fünf Skelette, die Arten nicht mehr zugeordnet werden konnten, zeigen auf, dass diese Netzteile über längere Zeiträume fischen können. Vom Fischer wurden vier lebendige Flundern und Dorsche noch über Bord gegeben. Karl-Heinz Neumann vermutet, dass die Netze erst vor kurzem herrenlos hergetrieben worden sind, denn auf der Position, auf der er die Netze gefunden hat, ist er seit Jahren unterwegs. Der Muschelbewuchs der Netze deutete darauf hin, dass sie sich schon längere Zeit im Wasser befanden. 

Der Name Geisternetze ist Programm

Taucher mit Materialprobe eines Geisternetzes in der Greifswalder Oie © Christian Howe / WWF
Taucher mit Materialprobe eines Geisternetzes in der Greifswalder Oie © Christian Howe / WWF

Wie können wir herausbekommen wo sich diese „Geister“ versteckt halten? Die polnischen Kollegen haben in den letzten Jahren intensiv und erfolgreich mit Fischern zusammengearbeitet. Diese wissen am besten, wo ihnen oder ihren Kollegen Netzteile durch Unterwasserhindernisse oder Stürme verloren gegangen sind. So konnten durch diese Zusammenarbeit etwa 270 Tonnen Netze allein vor der polnischen Küste durch den Einsatz von Netzharken, eine Art Rechen, der über den Boden gezogen wird, geborgen werden.

Für die kommenden drei Jahre möchten wir Methoden testen, die uns in Kombination mit dem Wissen von Fischern und Tauchern helfen, Geisternetze im Vorhinein unter Wasser aufzuspüren. Verschiedene Informationsquellen fließen am Computer in einer Karte zusammen und zeigen auf, wo die Wahrscheinlichkeit Netze zu finden am größten ist. Außerdem sind wir auf der Ostsee unterwegs, um selbst Daten zu sammeln. Eine Methode hierfür könnte die Schleppkamera sein. Die Kamera wird hinter dem Boot hergezogen und liefert Bilder vom Untergrund an die Oberfläche. Werden Netze gesichtet, kennen wir die genauen Koordinaten und können uns um eine Bergung bemühen. Der Schleppkamera-Test fand Ende Mai 2016 vor der Greifswalder Oie statt. Die Firma submaris stand uns hierbei mit ihrem Fachwissen und ihrer Ausrüstung zur Seite. Von Fischern und Taucher hatten wir den Tipp, dass wir hier was finden könnten. Und tatsächlich: Nach zwei Tagen auf- und abkreuzen entdeckten wir auf dem Seitensichtsonar ein etwa 50 Meter langes Wrack. Die Schleppkamera, die mit äußerster Vorsicht über das Wrack gezogen wurde, lieferte die Erkenntnis, dass sich Netze am Wrack verfangen hatten. Erst jetzt gingen die Taucher zu Wasser, um die Netze fotografisch festzuhalten und kleine Teile zum Testen des Materials heraufzubringen. Mit diesem Wissen könnte nach Absprache mit dem Kulturdenkmalamt das Wrack von den Netzen befreit werden.
Wir kommen wieder!

Partner im Geisternetze-Projekt

Im Projekt MARELITT Baltic (EU Projekt Interreg) arbeiten WWF Deutschland, WWF Polen, die Nichtregierungs-Organisationen Keep Sweeden Tidy und Keep Estonian Seas Tidy mit der Hafenstadt Simrishamn in Südschweden zusammen, um Geisternetze zu identifizieren, reduzieren und wiederzuverwerten. 

MARELITT Baltic
Keep Sweeden Tidy und Keep Estonian Seas Tidy
Simrishamn
Tönesmeier und der WWF
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