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Stand: 16.09.2014

Schluss mit Geisternetzen: Von der Idee bis zur Bergung

Geisternetze – so werden herrenlose Fischernetze genannt, die tonnenweise durch unsere Meere treiben und zur tödlichen Falle für Fische, Meeressäuger und Seevögel werden. Die Ostsee von dieser Gefahr zu befreien, war erklärtes Ziel des WWF im August 2013. Heute können wir Danke sagen! Viele Spender haben uns auf diesem schwierigen Weg geholfen und endlich konnten wir die ersten Netze bergen. Sie werden nie wieder ein Tier das Leben kosten.

Was vorher geschah: Pilotprojekt 2011 und 2012

27 Tonnen Geisternetze in 82 Tagen – das war das Ergebnis von zwei groß angelegten Bergungsaktionen des WWF Polen in der polnischen und litauischen Ostsee. „Das waren Mengen, mit denen wir überhaupt nicht gerechnet hätten,“ sagt Jochen Lamp vom WWF Deutschland. „Hier ist uns erst bewusst geworden, wie schwerwiegend das Problem eigentlich ist, und wir wollten das nun auch nicht weiter so hinnehmen, sondern auch bei uns etwas dagegen tun.“

2012: Ein Plan entsteht

Bis zu 10.000 herrenlose Stellnetzteile gelangen jedes Jahr in die Ostsee - achtlos weggeworfen oder verloren. „Teilweise hängen die Netze noch an ihren alten Auftriebsbojen und schweben aufgestellt durchs Wasser. Darin verfangen sich zum Beispiel Dorsche, Seeskorpione und sogar Robben, verenden qualvoll und verwesen“, so Jochen Lamp. Der Leiter des WWF Ostseebüros wollte das nicht länger hinnehmen und startete gemeinsam mit dem WWF Polen ein Projekt, um nun auch die deutsche und die lettische Ostsee von Geisternetzen zu befreien.

In letzter Minute: Der Plan droht zu kippen

Eine Geisternetze-Bergung ist teuer. Deshalb sollten Fördergelder einer Stiftung bei der Finanzierung helfen. Doch die Förderanträge wurden 2013 abgelehnt. Die Bergungen in der deutschen und lettischen Ostsee waren gescheitert, bevor sie beginnen konnten. Ans Aufgeben war für Projektleiter Jochen Lamp trotzdem nicht zu denken. „Uns war klar: Wenn wir keine Fremdfinanzierung kriegen, und da ist ein Problem, das wir lösen können, dann probieren wir das eben, indem wir zu Spenden aufrufen“. So startete der WWF Deutschland 2013 eine große Spendenaktion, um wenigstens national gegen die Geisternetze vorgehen zu können.

Nur gemeinsam möglich: Herausforderung Wrack-Tauchen

Bergung der Netze unter Wasser © Wolf Wichmann
Bergung der Netze unter Wasser © Wolf Wichmann

Sechs Tonnen Geisternetze in der deutschen Ostsee bergen, das war nun der Plan – und zwar von Schiffswracks, in denen sie sich besonders oft verfangen. Eine besondere Herausforderung: Viele der Wracks stehen unter Denkmalschutz. „Wir wussten, wir würden viele Exkursionen brauchen, bevor die eigentliche Bergung überhaupt beginnen kann“, so Lamp. „Wir mussten ja erstmal wissen, worüber wir hier überhaupt reden.“ Bei allen Spenden kann solch ein aufwändiges Projekt nur mit starken Partnern gelingen. So holte der WWF das Deutsche Meeresmuseum und den Taucherverein Archaeomare ins Boot.

August 2013: Die erste Expedition

Wie viele Geisternetze befinden sich an den Ostsee-Wracks? Wo genau? Und kann man sie bergen, ohne die Wracks zu beschädigen? Bisher gab es keine systematische Übersicht mit Informationen, wie sie für eine sichere Bergung gebraucht werden. Dank vieler Spenden und mit Unterstützung unserer beiden Partner konnten nun 15 Taucher zu einer ersten Expedition starten, um die Wracks zu untersuchen.

Philipp Kanstinger, WWF Deutschland, Forschungstaucher:

"An den größeren, intakten Wracks hingen tatsächlich ziemlich viele Netze. Der größte Teil davon waren Schleppnetze. Und wir haben Angelleinen gefunden ohne Ende. Ich war überrascht, wie schnell die Schleppnetze an den Wracks von Muscheln überwachsen wurden. Die Netze werden sozusagen in das Wrack inkrustiert. Man konnte teilweise gar nicht mehr erkennen, wo das Wrack aufhört und die Netze anfangen." 

Lesen Sie das ganze Interview.

Oktober 2013: Es geht weiter

Der ersten Expedition folgte schnell eine weitere. Mehr Wracks sollten angetaucht werden. „Insgesamt haben die Taucher 30 Wracks sondiert. An 28 davon waren Fischernetze, das ist doch ein sehr hoher Trefferanteil“, sagt Jochen Lamp. Neben der Anzahl und Lage der Netze untersuchten die Taucher zum Beispiel auch Material und Maschenweite, um festzustellen, wie leicht sie bei einer Bergung reißen können. Die ganze Zeit hatten die Taucher jedoch mit schlechter Sicht unter Wasser zu kämpfen. Es wurde klar: Es würden weitere Tauchgänge folgen müssen.

Frühjahr 2014: Wie gefährlich sind die Geisternetze wirklich?

Im Frühling ist die Sichtweite unter Wasser besser. Zwei Expeditionen sollten nun endlich die letzten Informationen vor der Bergung liefern: Wie viele Tiere sind in den Netzen verendet und welche Netze sollen durch den WWF geborgen werden? Mit Foto- und Filmaufnahmen wollten die Taucher außerdem die Lage der Netze für die Behörden dokumentieren. Doch nur die erste Tour Anfang März verlief reibungslos. Die zweite Expedition Ende Mai scheiterte am Wetter, „Wir hatten so lange mit so viel Starkwind zu kämpfen, dass die Taucher von sieben Tagen nur an einem runter gehen konnten“, erzählt Jochen Lamp. „Das sind Fälle, damit muss man einfach rechnen auf See.“

Juli 2014: Die letzte Expedition

Langsam liegen die Nerven blank und das Geld wird knapp. Doch dank weiterer Spenden wie die 10.000 Euro der Beatrice Noll Stiftung können die Taucher zur letzten, notwendigen Expedition vor der Bergung aufbrechen. Immer noch geht es um die Dokumentation der Netze und darum, welche am dringendsten geborgen werden müssen und welche überhaupt geborgen werden können. Ein erschreckendes Ergebnis der Expeditionen 2014: Selbst in herrenlosen Schleppnetzen haben die Taucher verendete Fische gefunden. Und Schleppnetze fangen eigentlich nur, wenn sie aktiv durch das Meer gezogen werden.

Zwei Tonnen Geisternetze konnten geborgen werden © Britta König / WWF
Zwei Tonnen Geisternetze konnten geborgen werden © Britta König / WWF

September 2014: Endlich, die ersten Netze können geborgen werden!

Das Pilotprojekt startet mit einem Schiff und zehn Tauchern. Fünf Tage waren sie auf See, um das Meer an zwei Wracks endgültig von den Geisternetzen zu befreien. Vom Hafen Sassnitz auf Rügen steuerten sie zwei Wracks an. Zwei Tonnen Geisternetze konnten geborgen werden. „Wir konnten dabei viel über die Bergungstechnik lernen – ein Anfang ist gemacht“, sagt der WWF-Meeresbiologe Florian Hoffmann, der selbst jeden Tag mittauchte. „Was wir jetzt brauchen, ist Geld, um mit dem Projekt weiterzumachen“. 

Und nun? Der Kampf gegen die Geisternetze geht weiter!

Meeresbiologen und Umweltschützer fordern Signalgeber an Netzen, damit sie nach Verlust geortet und eingesammelt werden können. Doch noch ist das nicht der Fall. Noch werden auch weitere Bergungen so aufwändig sein wie diese – und aufwändiger. Denn in einem nächsten Schritt will der WWF 2015 auch frei durch die See treibende Netze bergen. Mit einer Netzegge, einer Art riesigem Rechen, könnten nach polnischem Beispiel auch solche Netze geborgen werden. Das Problem: Am Meeresgrund werden Munitionsreste aus dem Zweiten Weltkrieg vermutet - außerdem weitere, unentdeckte Wracks, welche die Egge beschädigen könnten. Vor einer Bergung müssen Wracks und Munition lokalisiert werden. Eine große Aufgabe, aber der WWF macht weiter im Kampf gegen die Geisternetze in der deutschen Ostsee!

Nur mit Ihrer Hilfe waren uns die wichtigen ersten Schritte im Kampf gegen die Geisternetze überhaupt möglich. Helfen Sie uns auch beim nächsten Schritt!

Von Stephanie Probst und Oliver Samson

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