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„Bei einem guten Kompromiss müssen alle Parteien federn lassen“

Interview mit Henning Walter, Leiter des Nationalparks Eifel

Der Nationalpark Eifel liegt ganz im Westen Deutschlands, etwa 65 Kilometer von Köln entfernt. Henning Walter hat den gesamten Aufbau des Nationalparks von Beginn an begleitet. In der Gründungsphase hat er mit seinen Mitarbeitenden 18 Monate lang jeden Tag und jeden Abend Überzeugungsarbeit für das Schutzgebiet geleistet und die Menschen vor Ort informiert. Das ist nun über 10 Jahre her. Heute sprechen die Eifel-Bewohner stolz von „ihrem“ Nationalpark. Henning Walter erzählt, wie es dazu kam.

Henning Walter, Leiter des Nationalparks Eifel © A. Simantke
Henning Walter, Leiter des Nationalparks Eifel © A. Simantke

Im Nordschwarzwald führt ein geplanter Nationalpark gerade zu hitzigen Diskussionen zwischen Befürwortern und Gegnern. Wie haben Sie die Gründung des Nationalparks Eifel in Erinnerung?

Auch bei uns gab es kritische Stimmen, natürlich, wie bei jeder Nationalpark-Ausweisung. Dabei ging es vor allem um das Betreten des Nationalparks. Einige haben alles ganz schwarz-weiß gemalt und behauptet, man könne in das Gebiet dann nicht mehr hinein. Das mussten wir ausräumen, denn das ist natürlich Unsinn! Ein Nationalpark hat viele Aufgaben. Dazu gehört auch das Naturerleben der Menschen. Aber insgesamt hat die Bevölkerung bei uns die Sache von Anfang an sehr positiv begleitet.

Wie erklären Sie sich diesen Rückhalt in der Region?

Die Menschen hier haben klar erkannt, dass sie aus einem Nationalpark auch eine persönliche Wertschöpfung ziehen können. Denn die Nord-Eifel ist strukturell ein eher schwaches Gebiet. Man hat sich hier zuallererst wirtschaftliche Vorteile ausgerechnet. Die Bürgermeister waren überzeugt, dass durch einen Nationalpark der Tourismus angekurbelt wird. Das hat sich dann auch bewahrheitet. Aber auch die Struktur in den Orten hat sich teilweise verändert. Vorher war der öffentliche Personen-Nahverkehr völlig zum Erliegen gekommen. Außer ein paar Schulbussen gab es hier nichts. Jetzt gibt es wieder Buslinien; das sind alles positive Veränderungen in der Region.

Gab es auch eine Art Erfolgsrezept bei der Planung des Nationalparks?

Ja! Man muss eine Diskussion mit den Menschen in der Region führen und das machen wir sehr intensiv – eigentlich zu jedem Thema. Wir wollten zusammen mit den Menschen dieses Schutzgebiet aufbauen. Und das haben wir getan. Die Menschen in der Region sagen heute, es ist ihr Nationalpark. Ein größeres Lob kann man als Nationalparkverwaltung nicht bekommen!

Nationalpark Eifel © A. Simantke
Bach im Nationalpark Eifel © A. Simantke

Über welche Entscheidungen wurde in der Eifel denn am meisten diskutiert?

Hier bei uns hat die Menschen das Wegenetz im Nationalpark am meisten interessiert. Das haben wir diskutiert – zum Beispiel mit Wanderern, Radfahrern und Reitern – und gemeinsam mit vielen Beteiligten aufgebaut. Es war ein Prozess von anderthalb Jahren und, wie bei jedem guten Kompromiss, mussten alle Parteien Federn lassen. Insgesamt hat der Nationalpark Eifel heute 240 Kilometer Wanderwegenetz. Das ist eine Menge.

Neben der Freizeitnutzung spielt im Nordschwarzwald auch die Angst vor einer Borkenkäferplage eine Rolle. Welche Erfahrungen konnten Sie im Nationalpark Eifel damit sammeln?

Wir haben von Anfang an gesagt, vom Nationalpark darf kein Schaden für fremde Wald- und Landbesitzer ausgehen. Um zu verhindern, dass der Borkenkäfer überspringt, betreiben wir ein sehr intensives Borkenkäfer-Monitoring. Wir haben eine gedachte Pufferzone von 500 Metern innerhalb des Nationalparks. Damit kommen wir sehr gut zurecht. Bisher haben wir jedenfalls in den ersten zehn Jahren keine schlechten Erfahrungen gemacht.

Was möchten Sie den Menschen im Schwarzwald mit auf den Weg geben?

Ich rate dringend dazu, die Diskussion zu versachlichen – vor allem im Bereich der Holzindustrie! Ein Entwicklungsnationalpark wie der Nordschwarzwald erfordert eine lange Umbauphase in den Wäldern, die mindestens 30 Jahre dauert. In dieser Umbauphase wird dem Wald sogar mehr Holz entnommen als bei einer nachhaltigen Forstwirtschaft. Die Angst der Sägewerke, dass sie kein Holz mehr bekommen, ist für die nächsten 30 Jahre also unbegründet. Man muss diese Diskussion versachlichen – genauso wie die Diskussion über Wanderwege und das Naturerleben der Bevölkerung.

Welche Rückmeldung bekommen Sie von der Bevölkerung in der Eifel heute, fast 10 Jahre nach Gründung des Nationalparks?

Weit mehr als die Hälfte der Menschen sagt heute noch, der Nationalpark war für uns ein Segen! Und diesen Mehrwert bestätigen nicht nur die Bürger, sondern auch die Bürgermeister und Landräte. Das ist für uns ein wichtiges Indiz, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Wenn man vernünftig mit den Menschen umgeht, ihnen die Wahrheit sagt und hinterher genauso handelt – das ist das Entscheidende – dann kann man mit der Bevölkerung zusammen ein solches Projekt auch ohne Widerstände realisieren.

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