Neobiota: Aliens im Tier- und Pflanzenreich
Vom Menschen eingeführten Arten verändern die heimische Flora und Fauna

- Wanderratte. © Chris-Martin Bahr / WWF-Canon
Um sich erfolgreich fortzupflanzen und „wettbewerbsfähig“ zu bleiben, besiedeln Tiere und Pflanzen häufig neue Lebensräume. Dazu bedienen sie sich natürlicher Ausbreitungsmechanismen, die bei vielen Arten allerdings nur über kurze Distanzen funktionieren.
Ozeane und Gebirge stellen dabei meist kaum zu überwindende natürliche Hindernisse dar. Mit dem Eingriff des Menschen ändert sich die Funktion dieser natürlichen Barrieren: Seit große Strecken mit dem Schiff oder Flugzeug überwunden werden können, werden auch Tiere und Pflanzen in alle Herren Länder verschleppt. Gerade in heutiger Zeit werden Handelswaren durch die ganze Welt transportiert. Unzählige fremde Organismen befinden sich an oder in Verpackungen von Früchten, Blumen, Holz, Pflanzenteilen oder Tieren, an Schiffsrümpfen oder im Ballastwasser von Schiffen.
Diese gebietsfremden Arten werden als Neobiota bezeichnet. Der Begriff steht für Organismen, die vom Menschen in eine neue biogeografische Region eingeschleppt wurden. Bei Neozoen handelt es sich um Tierarten, bei Neophyten um Pflanzenarten.
Die Auswirkungen, die diese Organismen auf die jeweilige angestammte Flora und Fauna haben können, sind äußerst vielfältig. Die meisten eingeschleppten Arten können sich in ihrem neuen Lebensraum allerdings nicht vermehren.
Bei den fest etablierten gebietsfremden Arten wird zwischen invasiv und nicht invasiv unterschieden – je nachdem, ob unerwünschte Auswirkungen, wie das Verdrängen anderer Arten oder massenhafte Ausbreitung der Art, verursacht werden. In Deutschland sind etwa 1.150 nicht-heimische Tier- und 12.000 Pflanzenarten registriert, von denen sich über 600 Neophyten und über 260 Neozoen fest etabliert haben.
Was Columbus mitbrachte
Neozoen gelangten und gelangen immer noch auf vielfältigen Wegen nach Mitteleuropa. Schon um das 7. Jahrtausend vor Chr. wurden Nutztiere aus Vorderasien nach Europa gebracht. Die Wikinger haben um das Jahr 1.000 die bis vor kurzem noch für einheimisch gehaltene Sandklaffmuschel (Mya arenaria) aus Nordamerika in die Nord- und Ostsee gebracht. Mit der Entdeckung Amerikas und dem Beginn der Entdeckungs- und Handelsreisen über alle Ozeane wurden immer mehr Arten, beabsichtigt und unbeabsichtigt, aus ihren eigentlichen Lebensräumen in alle Welt verteilt. Ein Beispiel dafür ist die Schiffsbohrmuschel (Teredo navalis), die Christoph Columbus aus Mittelamerika mitbrachte und die zuerst sein eigenes Schiff zerfraß, sich dann über die Häfen und Flotten Europas verbreitete und noch jetzt Uferschutzbauten an vielen Küsten zerstört.
Besonders die von europäischen Schiffen entkommenen Hausratten hatten auf kleinen Inseln in den Tropen und Subtropen die Bestände zum Beispiel von Boden brütenden und flugunfähigen Vögeln innerhalb kürzester Zeit ausgelöscht. Ziegen und Schafe, die als lebender Proviant für die Seeleute mitgeführt wurden, fraßen ganze Inseln kahl und entzogen den einheimischen Tierarten ihre Lebensgrundlage. Eingeschleppte Krankheiten, die bis dato unbekannt waren, löschten ganze Arten aus. Besonders dramatische Folgen, auch für den Menschen, hatte die Einschleppung der Wanderratte aus Asien: Mit ihr gelangte der Pestfloh und das Pestbakterium nach Europa und löste die große Pestepidemie von 1350 mit Millionen von Toten aus.
Verschleppung in voller Absicht
Neben dieser eher unbeabsichtigten Verschleppung von Arten wurden unzählige Organismen absichtlich in fremde Regionen gebracht – meist, um sie für Jagdzwecke oder für die Landwirtschaft zu nutzen. So wurde das Europäische Kaninchen als jagdbares Wild in Australien eingebürgert und hat sich dort zu einer Plage entwickelt. Versuche, den Tieren mit Krankheitserregern in Australien Herr zu werden, sind bisher missglückt. Der Fasan wurde in Europa zur Jagd eingeführt und stammt ursprünglich aus Asien. Als Pelzlieferant wurde der nordamerikanische Bisam in Farmen Europas gehalten und später freigesetzt. Mittlerweile wird der Bisam mit großem finanziellen Aufwand in Europa als Problemart bekämpft, da er zum Beispiel Dämme, die dem Schutz vor Hochwasser dienen sollen, beschädigt.
Die Ansiedlung von fremden Arten wird erleichtert, wenn sie auf Lebensräume stoßen, die noch freie Nischen bieten, in denen sie überleben können. Auch vom Menschen veränderte Biotope mit instabilen Lebensgemeinschaften bieten einen optimalen Nährboden für neue Organismen. Wenn das zu besiedelnde Gebiet zusätzlich noch Ähnlichkeit mit dem Herkunftsgebiet und nur wenige natürliche Feinde aufweist, haben Arten kaum Schwierigkeiten, sich dauerhaft zu etablieren.
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