Das Wandern ist der Vögel Lust ...

... und Leid: Die Nutznießer der Jahreszeiten sind Weltenbummler aus Not

Ziehende Kraniche. © WWF / Thomas Neumann
Ziehende Kraniche. © WWF / Thomas Neumann

Die Welt umspannenden Wanderungen von Millionen von Zugvögeln gehören zu den faszinierendsten Naturwundern. Um über Tausende von Kilometern im Nonstop-Flug das geeignete Ziel zu finden, vollbringen sie enorme Energie- und Orientierungsleistungen.

Unsere Vorfahren konnten sich das alljährliche Verschwinden und Auftauchen vieler Vogelarten kaum erklären. So vermuteten sie etwa, dass plötzlich verschwundene Schwalben am Grund von Sümpfen überwinterten. Erst mit dem Beginn der Beringung vor rund 100 Jahren wurde ihr Zug offensichtlich.

Trotzdem sind wir auch heute noch fasziniert, wenn ein im Wattenmeer beringter Knutt in Südafrika auftaucht.

Inzwischen wissen wir, weshalb Vögel wandern. Sie weichen ungünstigen Lebensbedingungen, wie Kälte, Hitze, Trockenheit oder Mangel an Nahrung aus, die mit dem Wechsel der Jahreszeiten einhergehen. Viele Arten auf der Nordhalbkugel ziehen deshalb im Winter nach Süden. Und von der Südhalbkugel fliegen einige aus gleichen Gründen nach Norden.

Mit dem Wandern erschließen sich die Vögel Lebensräume, die nur in bestimmten Jahreszeiten besiedelbar sind - dann aber zu besten Bedingungen: mit Nahrung in Hülle und Fülle und ohne allzu viele Feinde, die die Brut stören. So einfach ist zu erklären, warum es in der arktischen Tundra für wenige Wochen im Sommer von Vögeln wimmelt, während dort in der restlichen Zeit des Jahres allenfalls Schneehühner ausharren.

Wandern kostet Energie

Über das "wie" des Wanderns sind sich die Wissenschaftler mittlerweile auch weitgehend einig: das Magnetfeld der Erde dient, neben erlernten geografischen "Kenntnissen" und dem Stand der Sonne, als wichtigste Orientierungshilfe. Einfach ist das Vagabundenleben trotzdem nicht. Das Wandern ist riskant und kostet Energie. Und weit wandern kostet viel davon.

Die Vögel kommen außerdem während ihres Zuges immer wieder in Gebiete, deren Bedingungen sie nicht kennen. Sie wissen vorher nicht, wo üblicherweise ein Greifvogel oder ein Jäger lauert. Es kann auch passieren, dass der körpereigene "Treibstoff", das für den Zug angesammelte Fett, nicht ausreicht und sie deshalb das Ziel nicht erreichen oder dort so ausgezehrt sind, dass ihnen die Kraft zum Beispiel zum Brüten fehlt.

Vogelzug ist also keine "Erholungsreise". Doch für viele Arten überwiegen offensichtlich die Vorteile gegenüber dem Bleiben. Selbst in unseren Breiten sind viele Vogelarten zugleich Zugvögel. Auch bei so genannten Standvögeln sind die Individuen im Winter mitunter nicht die gleichen wie im Sommer. Oder es wandert zumindest ein Teil der Population.