„Wir wollen das letzte Schlupfloch zur Waljagd schließen“
Interview mit Volker Homes über wissenschaftlichen Walfang, mögliche Kompromisse und das Dilemma der Internationalen Walfangkommission (IWC)

- Der Biologe Volker Homes leitet beim WWF Deutschland den Bereich Artenschutz und TRAFFIC und kümmert sich unter anderem darum, bedrohte Flagschiffarten zu schützen und den internationalen Handel mit bedrohten Tieren und Pflanzen sowie deren Produkten naturschonend zu gestalten. © WWF
Frage: 2009 will Japan erneut bis zu 935 Zwergwale, 100 Seiwale sowie 50 Brydewale und 50 Finnwale töten. Auch Island hat die Quote massiv erhöht. Im Januar 2009 hat Island angekündigt, innerhalb der nächsten fünf Jahre insgesamt 100 bedrohte Finnwale, 100 Minkwale und 50 Seiwale zu jagen. Beide Vorhaben widersprechen dem seit 1986 bestehenden Walfangverbot für Großwale. Sind das normale Vorgänge?
Homes: Leider, das geht im Prinzip bereits seit Jahrzehnten so. Neu ist dieses Jahr, dass die Quoten in Island so immens hoch sind. Der Inselstaat will tatsächlich seine Fangmengen um ein Mehrfaches erhöhen. Bei einer Bevölkerungszahl von etwa 300.000 Menschen fragt man sich schon, wer das ganze Walfleisch eigentlich essen soll.
Frage: Wenn das so irrwitzig ist, warum tun es diese Staaten?
Homes: Die isländische Regierung will wohl der Welt klarmachen, dass sie sich von niemandem Vorschriften machen lassen wollen, wie viele Wale sie fangen. Hier spielt Nationalstolz eine erhebliche Rolle. Japan hingegen konsumiert tatsächlich auch mehr Walfleisch.
Frage: Sind Japan und Island schon immun gegen Proteste?
Homes: Offenbar ja. Beide Länder lassen sich inzwischen durch internationale Proteste wenig beeindrucken. Die Japaner jagen zudem noch weit mehr Wale und Walarten als die Isländer. Und sie haben bereits in den letzten Jahren ihre Quoten peu à peu erhöht.
Frage: Beide Länder jagen ja zu angeblich wissenschaftlichen Zwecken. Wieso können sie sich mit dieser Ausrede über das Moratorium hinwegsetzen?
Homes: Seit mehr als 60 Jahren, als die Internationale Walfang-Kommission entstand und die Walfang-Konvention aufgestellt wurde, sieht deren Artikel 8 die Nutzung der Wale aus wissenschaftlichen Gründen explizit vor. Damals wollte man das Walfleisch nicht verkommen lassen und hat es verkauft. Dieser Artikel gilt unverändert und dient bis heute als juristisches Schlupfloch, das beide Länder nutzen. Obwohl die Welt diese Wissenschaft an getöteten Walen gar nicht braucht.

- Walfleisch auf Tokios Fischmarkt. © Michel Gunther / WWF-Canon
Frage: Was hat Island mit den enormen Mengen an Walfleisch vor?
Homes: Vielleicht Geschäfte machen und das Fleisch an Japan liefern. Dies würde zwar gegen die Statuten des Washingtoner Artenschutzübereinkommens CITES verstoßen, wonach Fleisch bedrohter Tierarten international nicht gehandelt werden darf. Es wäre aber nicht wirklich illegal.
Frage: Wenn Japan und Island offenbar den Walfang als Teil ihrer Kultur verteidigen, kann es da einen Kompromiss mit diesen Ländern geben? Könnte also wie den Inuit in der Arktis auch Japan und Island eine eingeschränkte Jagd zugestanden werden? Und wäre der WWF damit einverstanden?
Homes: Diese Frage ist schwer zu beantworten. Der WWF jedenfalls ist solange gegen jeglichen Walfang, bis es innerhalb der IWC-Staaten eine Einigung gibt, die im Sinne des Naturschutzes ist. Konkret unterstützt der WWF einen Kompromissvorschlag, der mehrere Bedingungen vorsieht. Er umfasst unter anderem, dass es keinen Walfang in Schutzgebieten geben darf – so wie das zurzeit in der Antarktis der Fall ist. Es darf keine Jagd auf bedrohte Walarten wie etwa Finn-, Sei oder Buckelwale geben. Und der Artikel 8 der Konvention müsste umgehend abgeschafft werden – denn wir wollen das letzte Schlupfloch zur Waljagd schließen. Mit diesem Kompromiss soll gleichzeitig erreicht werden, dass die IWC sich viel stärker um tatsächlich hoch bedrohte Walarten kümmert und der Naturschutz dadurch gewinnt.
Frage: Der WWF würde also eine eingeschränkte nachhaltige Nutzung weniger, nicht bedrohter Walarten akzeptieren, wenn zugleich die bedrohten Walarten weltweit besser geschützt werden würden?
Homes: Ja, wenn die Konvention Maßnahmen für alle bedrohten 86 Walarten inklusive der Kleinwale angeht – und sich nicht nur, wie bisher, hauptsächlich um die zwölf Großwalarten kümmert.
Frage: Die Kleinwale werden bis jetzt nicht durch das IWC-Moratorium geschützt?
Homes: Formell nicht, obgleich ein Großteil der derzeit 85 IWC-Staaten sich auch mit Kleinwalen befassen. Denn viele dieser Arten sind hoch bedroht und man müsste dringend mehr zu ihrem Schutz tun. Hierfür wäre die IWC genau das richtige Forum. Wir brauchen eine Regelung, die alle Walarten umfasst und vor allem den Schutz auf alle Walarten ausweitet.
Frage: Wie realistisch ist so eine überarbeitete Konvention?
Homes: Seit anderthalb Jahren ist eine so genannte „Kleine Arbeitsgruppe“ der IWC am Werk. Deren Vorsitzender stellt für dieses Jahr noch keine Einigung in Aussicht, weil die genannten schwierigen Punkte bislang ausgeklammert wurden – der erwähnte Artikel 8 wurde bislang noch nicht mal behandelt – und weil vor allem von Japan bislang keine Kompromissbereitschaft zu erkennen ist.
Frage: Das heißt, der WWF erwartet von der IWC-Tagung 2009 nichts Positives?
Homes: Zumindest nicht in diesem Punkt. Der gordische Knoten wird sicher noch nicht durchschlagen werden. Doch wir möchten dort mit den Delegierten über diese „Kleine Arbeitsgruppe“ reden. Denn wir wollen künftig stärker darin eingebunden werden. Wir wollen auf jeden Fall erreichen, dass mit der Schließung des Schlupfloches „Wissenschaftlicher Walfang“ sich nicht andere, neue Schlupflöcher für andere Staaten auftun, wieder auf Waljagd zu gehen.
Frage: Es gibt also auf der diesjährigen IWC-Tagung voraussichtlich keinen Fortschritt im Walschutz. Besteht denn die Gefahr eines Rückschritts, dass das bisherige Moratorium aufgehoben werden könnte?
Homes: Das glaube ich nicht. Dafür wäre eine Dreiviertel-Mehrheit erforderlich und die ist nicht in Sicht.
Frage: Was sind weitere wichtige Themen in Portugal?
Homes: Mit unserer WWF-Delegation vor Ort wollen wir zum Beispiel auf das Schicksal der letzten rund 130 Westpazifischen Grauwale aufmerksam machen, für deren Erhalt sich der WWF stark macht. Dann ist der Klimawandel ein Thema: Der WWF wird einen Report über den Einfluss der Erderwärmung auf die Walarten veröffentlichen. Hinzu kommt eine hoffentlich rege Diskussion über die Kleinwale. Aber auch das alte Ammenmärchen, dass Wale zu viel Fische fressen, könnte wieder auf die Tagesordnung gelangen. Da müssen wir mit unserer Lobbyarbeit Schlimmeres verhindern.
Das Gespräch führte Donné Norbert Beyer

