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Stand: 23.04.2014

Interview mit Thorsten Milse: Wie man einen Tiger fotografiert – aus der Trickkiste eines Naturfotografen

Thorsten Milse fotografiert vor allem Wildtiere - vom Tiger bis zum Eisbären. Im Interview erzählt der Canon-Botschafter von seinen spannendsten Erlebnissen. Der Fotograf hat aber auch einige gute Tipps zum Ablichten des eigenen Stubentigers parat, schließlich ist die Hauskatze auch ein kleines Raubtier.

WWF: Herr Milse, Sie haben schon unzählige Tierarten in der ganzen Welt fotografiert. Welches ist Ihr Lieblingsmotiv?

Thorsten Milse: Das ist schwer zu sagen, jedes Tier hat seine ganz eigene Faszination. Letztes Jahr war ich bei den Elefanten – die mag ich wegen ihres tollen Sozialverhaltens. Ein Leopard dagegen ist ein Einzeltier und hat etwas Stolzes, fast schon Machohaftes.  Der Tiger als größte Katze ist sehr majestätisch. Grundsätzlich fotografiere ich sehr gerne Raubtiere, weil sie sehr eigenwillig und selbstbewusst handeln – besonders wenn es dominante Tiere sind.

Tiger © Thorsten Milse
Tiger © Thorsten Milse

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Einmal saß ich mit meiner Kamera in Indien auf der offenen Pritsche eines Jeeps, als plötzlich dieser dominante Tiger mit einer riesigen Schulterhöhe auftaucht. Als er an mir vorbeigeht, ist er größer als ich auf meiner Pritsche. Der Tiger macht einen kleinen Bogen und würdigt mich nicht mal eines Blickes. Er weiß, er ist das dominante Tigermännchen, das ist sein Revier, und der Fotograf  in dem Auto ist ihm völlig egal. Was für eine coole Attitude!

Sie sind in Dschungel, Wildnis und dem ewigen Eis unterwegs, um wilde Tiere vor die Linse zu bekommen. Haben Sie auch manchmal Angst?

Angst nicht, aber vielleicht ein bisschen Unbehagen. Das Wichtigste ist, dass man ruhig bleibt und sich nicht hektisch bewegt. Einmal habe ich riesige Wüstenelefanten vor noch riesigeren Sanddünen fotografiert. Ich bin einigen Elefanten zu Fuß gefolgt, in etwa 100 Meter Abstand. Nach einer Biegung guckt mich plötzlich eine Elefantenkuh direkt an: Sie hatte sich umgedreht und lief auf mich zu. Was nun? Laufen ist auf jeden Fall verkehrt. Elefanten können in wenigen Sekunden auf 40 bis 50 Stundenkilometer beschleunigen. Ich hätte es nie bis zum Land Rover geschafft. Da war mir schon ein bisschen komisch. Zum Glück hat die Elefantenkuh dann angehalten. Vielleicht wollte sie einfach nicht fotografiert werden. 

Das heißt, Sie nähern sich Ihren wilden Motiven ohne Schutz oder Tarnung?

Thorsten Milse © Thorsten Milse
Thorsten Milse © Thorsten Milse

Tarnverstecke nutze ich fast nur in Deutschland. Denn unsere Tiere werden hier stark bejagt, da ist natürlich die Fluchtdistanz ganz anders. Bei Eisbären oder anderen Raubtieren reicht es, ihnen genug Flucht- oder Spielraum zu lassen. Ein gutes Beispiel sind Eisbärenmütter mit ihren Kindern. Da ist ja rundum nichts. Ich kann in jede Richtung bis zum Horizont gucken und da ist nichts. Die Eisbärin bemerkt uns eher, als wir sie finden, da braucht man sich nichts vormachen. Aber sie kann uns auch gut einschätzen. Sie sieht, wo wir sind, und merkt, wir halten Distanz. Ich lasse den Tieren ihren natürlichen Raum und dringe nicht bei denen ein. Man merkt sofort, wenn die Tiere nervös werden, umherschauen und sich unbehaglich fühlen.

Gibt es besondere Tricks bei der Tierfotografie?

Man sollte sich vorher mit den Tieren beschäftigen, damit man im entscheidenden Moment weiß, wie sie ticken und wie ihr Fluchtverhalten ist. Aber der größte Trick ist die Geduld! Man kann vieles planen: Wann hat ein Tier Junge? Wann kommen die aus ihrer Höhle? Hat ein Ranger vor Ort schon Spuren gesehen? Aber dann muss das Wetter mitspielen, man muss die Tiere wirklich finden – und sie müssen im passenden Licht rauskommen. Da sieht man zum Beispiel eine Eisbärin in einer Schneewehe, die nur ihren Kopf aus der Höhle steckt und sich ein bisschen umguckt. Dann steht man da sechs bis acht Stunden bei minus 40 Grad. Da friert wirklich alles. Und man steht vor der Höhle und wartet und wartet und es passiert gar nichts den ganzen Tag.

Hat die Naturfotografie Sie auch zum Naturschützer gemacht?

Jaguar © Thorsten Milse
Jaguar © Thorsten Milse

Auf jeden Fall! Ich finde es traurig, wie wir Menschen mit den Tieren und der Umwelt umgehen. Gerade war ich zum Beispiel in Brasilien. Ich habe in einer Hängematte auf einer Klippe übernachtet, um beim ersten Tageslicht Aufnahmen zu machen. Wenn man dort über das Grasland guckt, sieht man aber auch viele Rauchsäulen an den Stellen, wo der Wald für Soja gerodet wird. Das macht einen sehr wehmütig und man fragt sich: Wie ist das, wenn ich in zehn Jahren wieder komme? Schaue ich dann runter auf Soja? Und sehe nicht mehr die Wälder oder fliegende Papageien, weil nichts mehr davon da ist? Ohne den Lebensraum werden wir die Tiere nicht halten können. Das vermittle ich auch mit meinen Fotos, in meinen Büchern und Ausstellungen.

Bonustracks: Von neugierigen Eisbären und flirtenden Jaguaren

Im Telefoninterview berichtet Naturfotograf Thorsten Milse von weiteren aufregenden Erfahrungen mit Leoparden, Eisbärbabys & Co.

Was war Ihr bisher schwierigstes tierisches Motiv?

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Gibt es trotzdem ein Erlebnis im Tarnversteck, von dem Sie erzählen können?

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Wie machen Sie das nachts, wenn Sie in der Nähe von Wildtieren übernachten: Gibt es da Tarn- oder Schutzmaßnahmen?

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Ist die Naturfotografie für Sie ein ganz normaler Beruf oder ist es doch mehr?

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Das Interview führte Stephanie Probst.

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