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Mitten im Krisenherd

Nach dem bewaffneten Konflikt Anfang August 2008 zwischen Georgien und Russland hat sich die Lage im Zentralkaukasus glücklicherweise wieder stabilisiert. Wie sich der seit Jahrzehnten schwelende Konflikt zwischen den ethnischen Gruppen im Kaukasus jedoch entwickeln wird, ist schwer vorherzusagen.

Bedrohte Landschaft im Kaukasus. © Aurel Heidelberg / WWF
Bedrohte Landschaft im Kaukasus. © Aurel Heidelberg / WWF

Die derzeitigen WWF-Projektregionen in Georgien liegen außerhalb der kürzlich umkämpften Provinzen Abchasien und Südossetien. Jedoch waren während der russischen Besetzung Georgiens auch die Projektregion (Ausbruch von Waldbränden) und die Projektarbeit (eingeschränkter Zugang für WWF-Mitarbeiter in die Projektregion) betroffen. Nach dem Abzug der russischen Truppen aus dem georgischen Kernland sind nun keine akuten Einschränkungen mehr für die Projektarbeit zu erwarten.

 

Waldbrände unter Kontrolle

Die uns am 17. August 2008 von WWF-Kollegen gemeldeten Waldbrände am Fluss Kura nahe des ersten Nationalparks Georgiens, dem Borjomi-Kharagauli Nationalpark, konnten gelöscht werden. Feuerwehrleute aus den betroffenen Gemeinden wurden von Kollegen aus anderen Provinzen Georgiens, dem technischen Hilfswerk Georgiens, Nationalparkrangern, dem Umweltministerium Georgiens und freiwilligen Helfern der Region dabei unterstützt, die Waldbrände unter Kontrolle zu bekommen. Dieser Erfolg ist nicht zuletzt dem Einsatz eines durch die türkische Regierung entsendeten Löschflugzeugs zu verdanken. Nach ersten Informationen konnte dies aufgrund der instabilen Sicherheitslage erst verzögert eingesetzt werden.

 

Rund 900 bis 1000 Hektar Bergwald fielen den Flammen zum Opfer. Die Befürchtungen, dass sich das Feuer auf Siedlungen oder angrenzende Schutzgebiete ausweitet, sind glücklicherweise nicht eingetroffen.

 

Politische Spannungen durch ethnische Vielfalt

Der Kaukasus weist bereits seit dem Altertum eine hohe ethnische und kulturelle Vielfalt auf, die zwar nicht die direkte Ursache für die aktuellen Konflikte darstellt, aber deren Ausgangslage bildet. Über 40 verschiedene Volksstämme und Sprachen finden sich in der Kaukasus-Region, der größte Teil davon im Nordkaukasus. Eine Ursache der großen ethnischen Vielfalt sind die meist erzwungenen Umsiedlungen und die russische Kolonisation der Gebiete. Kaum eine andere Region war von den Deportationen ganzer Volksgruppen unter Stalin so stark betroffen wie der Kaukasus.

Bau einer Pipeline durch den Kaukasus. © Frank Mörschel / WWF
Bau einer Pipeline durch den Kaukasus. © Frank Mörschel / WWF

Ursachen der Konflikte

Die Spannungen in der Provinz Berg-Karabach bestehen bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Das Gebiet, das mehrheitlich von Armeniern bewohnt wird, wurde im russisch-türkischen Friedensvertrag von 1921 Aserbaidschan zugesprochen, womit sich Armenien nie abfinden konnte. Der Konflikt brach 1988 aus, nachdem die armenische Bevölkerung der Provinz erneut erfolglos in Moskau den Anschluss ihres Gebietes an Armenien forderte. Heute hält Armenien knapp ein Viertel von Aserbaidschan besetzt, offizielle Kontakte zwischen den Regierungen gibt es kaum.

 

Abchasien, seit 1921 eigenständiger Teil der Sowjetunion, wurde 1931 Teil der Autonomen Republik Georgien. 1990 forderte Abchasien die Wiederherstellung seiner Souveränität und berief sich dabei auf die Verfassung von 1925. Georgien lehnte dies ab, auch um die Sicherheit der anderen Bevölkerungsgruppen Abchasiens nicht zu gefährden, die inzwischen mehr als 80 Prozent der Bevölkerung ausmachten. Es kam zum Bürgerkrieg, in dessen Verlauf über 300.000 Menschen vertrieben wurden. 1992 erklärte Abchasien seine Unabhängigkeit und ringt seitdem vergeblich um internationale Anerkennung. Ähnlich wie in Südossetien scheinen sich die Spannungen nun in einen Unabhängigkeitskrieg zu entladen.

 

Die Region Ossetien wurde 1767 unter heftigem Widerstand in das russische Reich eingegliedert. 1922 wurde Süd-Ossetien als autonomes Gebiet Teil der Autonomen Republik Georgiens, während Nord-Ossetien 1936 Autonome Sozialistische Sowjetrepublik wurde. Süd-Ossetien erklärte 1990 seine Unabhängigkeit, nachdem die weitgehende Autonomie der dortigen Bevölkerung durch georgisch-nationale, antisowjetische Kräfte in Frage gestellt wurde. 1991 kam es zur ersten militärischen Konfrontation, die 1992 durch einen Waffenstillstand beendet wurde. Die Spannungen blieben und entluden sich im August 2004 erneut, wobei Russland die separatistischen Tendenzen der selbst ernannten Süd-Ossetischen Führung zu unterstützen scheint. Deren Ziel ist eine Vereinigung mit Nord-Ossetien, das zur Russischen Föderation gehört. Nach den gegenseitigen Provokationen und dem Einmarsch von georgischen Einheiten am 8. August 2008 nach Süd-Ossetien entladen sich die Spannungen in heftigen Kämpfen zwischen georgischem Militär und ossetischen Separatisten und russischem Einheiten.

Die Konflikte zwischen Russland und Tschetschenien existieren im Prinzip schon seit Jahrhunderten. Ein trauriger Höhepunkt war die von Stalin 1943 angeordnete Zwangsdeportation der Tschetschenen nach Kasachstan. Im Gegensatz zu Georgien wurde Tschetschenien nicht das Recht zur Trennung von der Russischen Republik zugesprochen. Dennoch erklärte es 1991 seine Unabhängigkeit. Der erste Tschetschenienkrieg von 1994 bis 1996 konnte durch einen Friedensvertrag beendet werden. 2001 flammten die Kämpfe erneut auf, wobei sie diesmal von Russland als 'Antiterror-Operationen' deklariert wurden. Es folgte eine Reihe von terroristischen Anschlägen tschetschenischer Rebellen wie die Geiselnahme in einem Moskauer Theater im Oktober 2002. Am 1. September 2004 nahmen tschetschenische Terroristen 1.200 Kinder und Lehrer in einer Schule in Beslan als Geiseln, um inhaftierte tschetschenische Rebellen freizupressen.

 

Menschenrechtsorganisationen verzeichnen immer wieder massive Menschenrechtsverletzungen an der tschetschenischen und russischen Zivilbevölkerung. Verschärft werden die Spannungen in der Kaukasus-Region noch durch die Entdeckung großer Erdöl- und Erdgasvorkommen im Kaspischen Meer. Der Kaukasus gewinnt dadurch als Brücke nach Europa große internationale Bedeutung, besonders für die Großmächte USA und Russland, die beide versuchen, ihren Einfluss in dieser Region auszubauen.


Naturschutz als Konfliktlösung

Bereits 1990 startete der WWF ein Schutzprogramm speziell für Georgien, das bald auf die gesamte Kaukasusregion ausgeweitet wurde. Im Jahr 2000 gelang es dem WWF mit finanzieller Unterstützung der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und der MacArthur Foundation, Vertreter aller sechs Regierungen an einen Tisch zu bekommen und ein gemeinsames Schutzkonzept für die gesamte Ökoregion auszuarbeiten, den ökoregionalen Aktionsplan – ein großer Erfolg für den Naturschutz wie für die Völkerverständigung. Nun wird an der Umsetzung dieses ambitionierten Plans gearbeitet. Erste grenzüberschreitende Projekte sind bereits in Vorbereitung.

Spenden Sie mit der Spendenkarte für artenreiche Wälder im Kaukasus und erhalten Sie ein persönliches Waldschützer-Zertifikat.

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