WWF Deutschland

http://www.wwf.de/


Content Section

Stand: 20.06.2014

Tansania: Eine kleine, nachhaltige Revolution für den Wald

Verkauf konfiszierter Holzkohle an einem Checkpoint © Kirsten Milhahn / WWF
Verkauf konfiszierter Holzkohle an einem Checkpoint © Kirsten Milhahn / WWF

Tansanias Küstenregenwälder zählen zu den artenreichsten Ökosystemen in ganz Ostafrika. Durch Umweltzerstörung drohen sie zu verschwinden. Ein groß angelegtes Naturschutzprojekt soll diese letzten Refugien für seltene Tiere und Pflanzen retten. 

Bernadette Leenges betreibt eine Köhlerei. Doch das Geschäft, welches die 42-jährige Tansanierin direkt an der einzigen Fernstraße zwischen der Küstenmetropole Dar es Salaam und dem Süden Tansanias unterhält, ist illegal. Der Holzkohleofen am Straßenrand raucht seit Tagen und jeder der vorbeifährt kann es sehen.

Leenges wird schon bald Holzkohle „ernten“, mit einem einzigen Mal bis zu 100 Kilogramm. Das sind rund 40 Kohlesäcke, die sie später an der Straße vor dem Haus und auf dem Markt im nächsten Dorf verkaufen wird. Eine offizielle Zulassung für die Köhlerei habe sie nicht, gesteht sie. Das Holz dafür hole sie aus dem Wald hinterm Haus, auch ohne Genehmigung. Für gutes Brennmaterial schleiche sie schon mal in den angrenzenden Regenwald. Der ist zwar geschützt und wird von Wildhütern der Forstbehörde bewacht, aber sie kennt die Schleichpfade. Viele ihrer Nachbarn machen das so. Was solle sie auch tun, sagt Leenges. Andere Einnahmequellen habe sie nicht und von irgendetwas müsse sie leben. 

Regenwald wird zu Holzkohle

Illegale Holzkohle aus einem Wald bei Tawi in der Region Lindi © Kirsten Milhahn / WWF
Illegale Holzkohle aus einem Wald bei Tawi in der Region Lindi © Kirsten Milhahn / WWF

Wer Tansanias einzige Küstenstraße nimmt, bekommt einen Eindruck vom Ausmaß der Zerstörung. Wo einst dichter Regenwald stand, wachsen heute zwischen Waldsavanne Mais und Sesam in Planquadraten. Die Route gleicht einem endlosen Markt für Holzkohle. Mannshohe Säcke türmen sich vor Hauseinfahrten, fertig verpackt für den Verkauf. Sie werden bis hinauf in die Großstadt transportiert, per LKW, Mofa oder notfalls auf dem Fahrrad.

Holzkohle gilt an der Küste Tansanias als hauptsächliche Energiequelle vor allem in armen Haushalten, wo es kein Geld gibt für Strom. Und sie ist neben wertvollen Edelhölzern die Haupteinnahmequelle. Jeden Tag gelangen LKW-Ladungen voller Holz über die Straße nach Dar es Salaam: für teure Möbel, Bootsbau und Export. Das Holz stammt vielfach aus den letzten Tieflandregenwäldern der Provinzen Rufiji, Kilwa und Lindi entlang der Küste. 

Wald hat wenig Lobby

Um diese Regenwälder steht es inzwischen schlecht. Ein Drittel ihrer Waldfläche ist allein zwischen 1990 und 2007 in den Küstenprovinzen verloren gegangen, größtenteils durch unkontrollierten Holzeinschlag, aber auch, weil Bauern für immer neue Äcker wertvollen Wald abfackeln. Dass die Regenwälder an der Küste schrumpfen, weiß Tansanias Regierung schon seit Jahrzehnten. Unternommen hat sie in der Vergangenheit wenig.

Korrupte Verwaltungen, Armut, verfehlte Landwirtschaft
- es gibt massenhaft Gründe, warum es in diesem Teil der Welt so schwierig ist, Regenwald zu erhalten. Schlimmer noch: Wie in vielen ostafrikanischen Staaten avanciert Holzeinschlag auch in Tansania immer wieder zu einem Politikum, bei dem es vornehmlich um Geld und Korruption geht. Wald hat wenig Lobby im Land. Schutzbestimmungen werden missachtet. Mitunter hat die tansanische Regierung selbst die Hand im Spiel, wie im Jahr 2008, als das Umweltministerium illegal tonnenweise wertvolles Hartholz aus den eigenen Wäldern nach China exportierte. 

Der WWF vor Ort in Tansania © Kirsten Milhahn / WWF
Der WWF vor Ort in Tansania © Kirsten Milhahn / WWF

Heute sind von etwa 4200 Quadratkilometern Wald noch rund 2700 übrig. Intakte, aber vielfach isolierte Regenwaldreste, die sich wie ein Flickenteppich inmitten von Ackerland und Waldsavanne bis ins Landesinnere ausbreiten. Es gilt zu verhindern, dass diese letzten Flecken unberührter Wald nicht auch zu Holzkohle verkohlt oder niedergeholzt werden. In einem groß angelegten Naturschutzprojekt entlang der Küstenregion kooperiert der WWF deshalb inzwischen seit fast vier Jahren mit dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP), der Global Environmental Facility (GEF) und der tansanischen Regierung.

„Es geht um nichts Geringeres, als Tansanias letzte Küstenregenwälder zu retten, die Flicken nach Möglichkeit zu vergrößern und bestenfalls zu einem grünen Band zu vernetzen“, sagt Isaac Malugu, der das Projekt für den WWF-Tansania koordiniert. Es gehe aber auch um mehr Wohlstand für die Millionen Menschen in der Region, die zu den ärmsten des Landes zählt. Knapp drei Millionen Euro haben UNDP und GEF dem tansanischen Forstsektor dafür bereitgestellt. 

Nicht nur irgendein Wald

Ein enormer finanzieller Aufwand für ein paar Waldflicken. „Doch die Küstenwälder sind nicht irgendwelche Forste“, insistiert Malugu. Sie zählen zu den wertvollsten Ökosystemen in ganz Ostafrika. Tausende seltene Tier- und Pflanzenarten sind dort inzwischen entdeckt worden, viele davon stehen auf der Roten Liste für bedrohte Arten der IUCN. Ein Großteil der Spezies gilt als endemisch und kommt nur in diesen Wäldern vor. Im internationalen Maßstab zählen sie deshalb inzwischen sogar zu den „Globalen Hotspots der Artenvielfalt“. Und sie sind Refugien für alle Arten von Großwild. Elefanten, Löwen und Leoparden leben dort, und sogar Löffelhunde. „Ein ökologisches Desaster, wenn dieses einmalige Naturerbe verlorengeht“, sagt Malugu. 

„Naturschutz funktioniert aber nur, wenn wir uns die Menschen vor Ort ins Boot holen.“ Er denkt dabei an die Bauern, die rund um die Regenwaldflicken leben, aber auch an die Distriktverwaltungen der Regierung und die zuständige tansanische Forstbehörde. Seit acht Jahren verhandelt der 46-jährige Ökologe mit ihnen im Auftrag des WWF. Er versucht Behörden zu überzeugen, vermittelt zwischen Dorfgemeinden und lokalen Verwaltungen. Sein Credo: Die Bevölkerung am Naturschutz zu beteiligen – in Tansania ist das ziemlich neu. Nach Landesgesetz gehört der Grund und Boden dem Staat, der Landbevölkerung bleibt vielfach nur die Pacht. Oft reicht dafür nicht das Geld. Die Armut treibt die Menschen deshalb illegal in die Wälder. Das soll sich ändern.

Eine kleine Revolution

„Das Küstenregenwaldprojekt sieht vor, den Menschen in den Gemeinden lukrativere Einnahmequellen zu verschaffen und sie gleichzeitig am Waldmanagement zu beteiligen“, sagt Malugu. In so genannten Gemeinde-Waldschutzgebieten, Waldarealen, die an ein Dorf grenzen und nicht zum Regenwald gehören, bekämen Kommunen quasi einen Landtitel und damit das Recht, Tiere, Pflanzen und Ressourcen des Waldes zu nutzen. Was er ein Gemeinde-Waldschutzgebiet nennt, ist eine kleine politische Revolution. Die Dorfbewohner sollen sich in Selbstverwaltung um ihren Gemeindewald kümmern. Profitieren würden allein die Leute im Dorf: Sie könnten ganz legal nutzen, was in ihrem Wald lebt oder wächst, nach einer vorher mit den zuständigen Behörden festgelegten Nutzungs- oder Einschlagsquote. „Die Gemeinden lernen so ihr Eigentum zu schätzen, nutzen es ohne es zu zerstören, weil es ihnen gehört.“ Umliegende Regenwälder blieben unbehelligt. 

Imkerei in Tansania © Kirsten Milhahn / WWF
Imkerei in Tansania © Kirsten Milhahn / WWF

Wie so etwas funktionieren kann, sieht man in Utungu bei Rufiji, wo es bereits ein Gemeinde-Waldschutzgebiet gibt. Ramadhani Kassim schlüpft einmal in der Woche in den Imkeranzug, schnappt sich den Smoker, eine Art Blechkanne in der Holzspäne glimmen und stapft in den angrenzenden Wald. Das Dorf betreibt dort seit knapp drei Jahren eine Bienenzucht. Zwölf Bienenkästen stehen in Reih und Glied im Bienenhaus am Waldrand, 13 weitere Körbe hängen im Wald. In jedem wohnt ein Volk der Afrikanischen Honigbiene, eine sehr produktive, jedoch angriffslustige afrikanische Art. Kassim hält die Bienenstöcke sauber, damit die Gemeinde bald schon den ersten Honig ernten kann.

Bevor Utungu mit dem WWF kooperierte, war Kassim traditioneller Imker. „Im Regenwald haben wir den Honig der Wildbienen aus den Waben geangelt. Für die Familie hat´s gereicht, für mehr nicht“, sagt der 34-Jährige. Andere Leute aus dem Dorf hätten ihr Auskommen mit Holzkohle bestritten. Seit der Kooperation gäbe es jedoch einträglichere Perspektiven. Der erste Honig, den die Bienenstöcke abwerfen, ist für den Verkauf auf dem lokalen Markt bestimmt. Der WWF will helfen, auch größere Absatzmärkte zu finden. Mit dem Geld plant die Gemeinde, in weitere Bienenstöcke und Imkerzubehör zu investieren. Vielleicht reichen die Mittel sogar für ein zweites Bienenhaus.

Kleinspargruppen und Kleinkredite © Kirsten Milhahn / WWF
Kleinspargruppen und Kleinkredite © Kirsten Milhahn / WWF

Kleinkredite für die Nachhaltigkeit

Ganz ähnlich macht das auch die Gemeinde Mandawa bei Kilwa. Neben ihrer Bienenzucht setzt sie jedoch noch auf eine andere Form der Nachhaltigkeit. In so genannten Kleinspargruppen zählen dort Dorfbewohner auf ein besseres Leben. Das Knowhow haben sie vom WWF. Männer und Frauen legen auf wöchentlichen Sitzungen kleine Geldbeträge zusammen, sparen an und verleihen sich später gegenseitig Kleinkredite gegen Zinsen aus dem Topf ihrer Ersparnisse.

Mit einem solchen Darlehen lässt sich ein kleines Geschäft finanzieren: etwa eine Kochnische an der Straßenecke, später vielleicht eine Kuh oder ein Stückchen Land, um Mais oder Sesam anzubauen. Womöglich reicht das Geld bald auch für ein Haus aus Stein, statt der Hütte aus Lehm - oder für die Ausbildung der Kinder. 

Seit 2010 hat der WWF insgesamt 30 Gemeinden in Rufiji, Kilwa und Lindi zu ihrem Waldschutzgebiet verholfen. Tawi in der Provinz Rufiji gilt als eine der fortgeschrittenen Kommunen. Sie hat sich schon vor Jahren entscheiden ihren einst völlig übernutzen Wald in einen gesunden Forst zu verwandeln und will nun Waldwirtschaft nach FSC-Richtlinien zu betreiben.

Zusammen mit Isaac Malugu und seinen Kollegen vom WWF hat der „Gemeindeausschuss für nachhaltige Ressourcen“ dafür einen Managementplan aufgestellt und bei der zuständigen Forstbehörde eingereicht. Der Plan sieht etwa vor, wie viele Bäume einer Baumart im Gemeindewald gefällt werden dürfen. In Sachen FSC-Forstwirtschaft sitzt Tawi bereits in den Startlöchern. Längst hat der Ausschuss die Gehölze im Wald markiert, die nach FSC geschlagen werden sollen. Der notwenige FSC-Stempel für die Zertifizierung ist ebenfalls vorhanden. Nur die tansanische Forstbehörde lässt sich Zeit beim Genehmigungsverfahren. Sobald das abgeschlossen ist, soll es losgehen. Das FSC-Holz ist für den umliegenden Markt bestimmt, aber auch für Dar es Salaam und womöglich für den Export. Die Einnahmen kommen dem ganzen Dorf zugute. Die Hälfte Geldes will die Gemeinde in den Wald investieren: für neue Baumpflanzungen oder um im Notfall Waldbrände zu bekämpfen. Der Rest wird im Dorf angelegt. „Ein Hospital muss dringend her“, sagt Habibu Mniwa, Sekretär des Ausschusses. „Statt der vom Regen aufgeweichten Lehmwege brauchen wir eine befestigte Straße, eine neue Schule wäre gut oder ein Brunnen für sauberes Trinkwasser.“

Landschaft in Tansania © Kirsten Milhahn / WWF
Landschaft in Tansania © Kirsten Milhahn / WWF

Die Zebras sind zurück

Wie ernst die Leute aus Tawi ihr Eigentum nehmen, zeigt sich in regelmäßigen Waldpatrouillen. Mniwa und die Männer vom Gemeindeausschuss streifen wöchentlich durchs Schutzgebiet und notieren akribisch, was sie in ihrem naturnahen Wald entdecken. Inzwischen hat der Wald wieder Leben. „Zebras und Impala-Antilopen sind zurück“, sagt Mniwa. „Wir haben Elefanten im Wald und kürzlich sogar ein paar Leopardenspuren entdeckt.“

Weitere Gemeinden mit Waldschutzgebieten folgen, denen bereits etablierte Kommunen als Vorbild dienen. Leute wie Bernadette Leenges müssten dann nicht mehr Kopf und Kragen riskieren für illegale Holzkohle. Das alles funktioniert aber nur, wenn die tansanische Forstbehörde und auch die Distriktverwaltungen mitziehen. Sie müssen künftig in Fragen des Waldmanagements mit den Dorfgemeinden kooperieren und die Regenwaldflicken besser vor illegalen Machenschaften schützen. Bleibt fraglich, ob die Regierung dafür die nötige Manpower aufbringt. Nicht zuletzt ist es eine Frage des politischen Willens. Es gibt sie durchaus, die Politiker, die ein einzigartiges Naturerbe bewahren wollen und den Wert der Küstenwälder erkennen. Es gibt aber eben auch jene die korrupt sind, im illegalen Holzeinschlag mitmischen, um sich selbst zu bereichern.

Kirsten Milhahn

  • Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Pinterest
  • drucken
   
Tierwanderung
sichern
Tierwanderung
sichern