Das Putumayo-Projekt
Um den Wald am Putumayo vor Brandrodung und illegalem Holzeinschlag, gigantischen Verkehrsprojekten und Ölförderung zu bewahren, hat der WWF 2009 ein neues, grenzüberschreitendes Projekt ins Leben gerufen. Die EU unterstützt derzeit dieses Projekt finanziell. Entlang des Flusses will die Umweltstiftung bis 2013 mehr als zwei Millionen Hektar Regenwald sichern – eine Fläche von der Größe Thüringens.

Tapire tasten mit ihrem Rüssel grunzend den Boden ab, Brüllaffen turnen lautstark durch das Geäst und Aras schweben wie bunte Fahnen über ein dampfendes, dunkelgrünes Kronendach: Am Mittellauf des Putumayo erscheint der Regenwald noch undurchdringlich und voller Geheimnisse. Hier im Grenzgebiet zwischen Ecuador, Kolumbien und Peru leben nur wenige Menschen, vor allem Indianer und Mestizen. In die größeren Dörfer gelangt man mit dem Flugzeug, in die kleineren nur per Boot. Weil diese Region Amazoniens so abgeschieden ist, sind ihre Regenwälder auch noch weitgehend unberührt. Genau genommen ist es ein Mosaik aus Land und Fluss, ein riesiger Überschwemmungswald, der mit dem Putumayo atmet und gedeiht. Hier jagen noch Ozelot und Jaguar, Anakonda und Kaiman, Riesenotter und Süßwasserdelphin. So manche der unzähligen Pflanzen- und Tierarten hier sind noch gar nicht erforscht.
Schatzkammer vor der Plünderung?
Doch die Tage der Abgeschiedenheit sind gezählt. Die ökologische Schatzkammer am Mittellauf des Putumayo, einem Nebenfluss des Amazonas, droht brutal geöffnet und geplündert zu werden. Die Regierungen Ecuadors, Kolumbiens und Perus wollen, dass das „unproduktive“ Land endlich Geld abwirft. Zum einen durch Erdöl: Unter dem Regenwald schlummern große Reserven schwarzen Goldes. Neue Techniken und steigende Preise machen einen Abbau entlang des Putumayo zunehmend rentabel. Zum anderen liebäugeln die drei Staaten damit, den Fluss zu einer gigantischen Wasserstraße bis zum Pazifik auszubauen. Und schließlich wird immer mehr Wald vom Westen her für Land- und Viehwirtschaft gerodet. Schon werden entlang der Flüsse die wertvollsten Baumarten illegal gefällt.
Das alles sind sehr große und konkrete Gefahren. Doch sie dürfen uns nicht entmutigen: Wie David gegen Goliath haben wir hier durchaus Möglichkeiten, das scheinbar Unvermeidliche aufzuhalten. Wir müssen auch nicht bei Null anfangen. Denn auch in den Regierungen von Ecuador, Peru und Kolumbien gibt es Kräfte, die den Regenwald von Putumayo erhalten wollen. Deshalb gibt es bereits zwei große Schutzgebiete in der Region: In Ecuador das 600.000 Hektar große Cuyabeno-Reservat und in Kolumbien den La Paya-Nationalpark mit 422.000 Hektar. Im Peruanischen Projektgebiet sollen in der 625.000 Hektar große Güeppi-Region ein Nationalpark und zwei indigene Reservate entstehen. Der WWF setzt alles daran, dass diese Entscheidung bald gefällt wird.

Partner für Putumayo
Doch um die gesamte Regenwald-Region am Mittellauf des Putumayo zu sichern, müssen wir noch mehr tun: Der WWF möchte, dass das Cuyabeno-Reservat erheblich erweitert wird. Und vor allem, dass die Schutzgebiete in Ecuador und Kolumbien durch einen grünen Waldkorridor miteinander verbunden werden. Damit soll verhindert werden, dass der noch zusammenhängende Regenwald am Putumayo in kleine Waldinseln zerschnitten wird. Um das Einzugsgebiet des Putumayo als Ganzes zu schützen, arbeitet der WWF mit den Umweltbehörden der drei Länder sowie den drei Schutzgebietsverwaltungen zusammen.
Weitere Partner sind in Ecuador die Organisation Fundacion Natura, in Kolumbien die Stiftung Tropenbos und in Peru die Indianerorganisationen AIDESEP und CEDIA. Alle gemeinsam wollen diese Region Amazoniens schützen und nachhaltig entwickeln. Dazu sollen bereits formelle Vereinbarungen zu Kontrolle und Management des Gebietes zwischen den drei Umweltbehörden beschlossen werden. Der WWF hilft, deren Parkverwaltungen auszurüsten und mitzufinanzieren sowie neue Schutzgebiete auszuweisen und zu überwachen. Weitere Ziele der Putumayo-Partner:
- Das Recht auf nachhaltige Nutzung der Naturressourcen – besonders der Fische – soll vor allem den 14 hier lebenden indigenen Völkern gewährt werden. Die Fischerei gilt über die Region hinaus als mögliche Einkommensquelle, da es hier weltweit teuer gehandelte Zierfischarten gibt.
- Bei Energie- und Infrastrukturprojekten sollen Umweltverträglichkeitsprüfungen durchgeführt werden, bei denen die Rechte der lokalen Bevölkerung, die Artenvielfalt und die Umweltdienstleistungen des Waldes berücksichtigt werden.
- Industrieländer sollen sich an dem Stopp der Entwaldung am Putumayo beteiligen, um Emissionen zu verringern und so das Klima zu schützen.

Kleine Schritte zum großen Ziel
Doch zunächst mangelt es an so simplen Dingen wie ausreichend Kraftstoff, um illegale Holzfäller verfolgen zu können. Und es fehlen Wildhüter, die den Wald kontrollieren. Inzwischen wurden mehrere Ranger eingestellt, mit Zelten, passender Kleidung, Computer und GPS ausgerüstet und im Umgang mit modernen Gerätschaften unterrichtet. Außerdem wurden sie im Verfassen von Berichten unterwiesen, was für juristische Auseinandersetzungen von Nutzen sein kann. Im Laufe dieses Jahres sollen noch mehr ausgebildete Ranger auf Patrouille gehen. In Ecuador wurden Gebäude der Parkverwaltung saniert und in Kolumbien eines für die dortige Aufsicht gekauft. In diesem Haus wird auch der Parkverwaltung Perus ein Raum zur Verfügung gestellt.
Im Rahmen des Projektes wurde auch mit der Entwicklung eines systematischen Überwachungsplanes begonnen. Dies ist die Grundlage für eine künftige grenzüberschreitende Kontrolle des Gebietes. Ranger dürfen zum Beispiel illegale Holzfäller festhalten und der Polizei übergeben. Indigene wiederum lernen in zahlreichen Workshops zur nachhaltigen Nutzung, ihre Naturgüter besser zu nutzen und nicht auszubeuten. Neben diesen praktischen Hilfen gelang auch bereits ein entscheidender Schritt zur langfristigen finanziellen Sicherung des Waldes: Eine Machbarkeitsstudie für ein Klimaschutzprojekt in Ecuador wurde fertig gestellt. Mit dem gemeinsamen Projekt wollen die Partner nicht nur den Regenwald am Putumayo schützen und dessen nachhaltige Entwicklung fördern. Auch die diplomatischen Beziehungen zwischen Ecuador und Kolumbien – nach mehreren politischen Zwischenfällen auf Frostniveau abgekühlt – können durch die Initiative wieder verbessert werden.
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