Tierpark Berlin und WWF haben erneut Wisente zur Auswilderung in den Kaukasus transportiert

Geweitete Nüstern prusten Nebelschwaden in die kalte Herbstluft und ein paar große dunkle Augen blicken erwartungsvoll auf die neue Heimat: Den 130.508 Hektar großen Shahdag Nationalpark im Großen Kaukasus. In dieser Woche sind zehn Wisentkühe vom Tierpark Berlin nach Aserbaidschan gereist, wo sie gestern erstmals den Boden des Nationalsparks betreten haben. Die abenteuerliche Reise in ihren ursprünglichen wilden Lebensraum war damit erneut erfolgreich.
 
Einst im natürlichen Lebensraum ausgerottet, ziehen heute wieder Wisente durch Europäische Wälder. Die Geschichte des Wisents gilt als eine der hoffnungsvollsten im modernen Artenschutz, doch noch immer sind Maßnahmen nötig, um die Zukunft des Wisents längerfristig zu sichern. Daher sind in den vergangenen Monaten - im Rahmen des Erhaltungszuchtprogramms des Europäischen Zooverbandes EAZA - Wisente aus den Zoologischen Gärten Chemnitz, Rostock, Bernburg, Zoo Berlin, Fota (Irland), Köln und Pilsen (Tschechische Republik) in den Tierpark Berlin gezogen. Nachdem die Tiere sich in Berlin einige Monate lang aneinander gewöhnt hatten, reiste die Wisent-Herde in einer Frachtmaschine von Frankfurt/Hahn nach Baku. Begleitet wurden die Tiere von Expert*innen vom WWF und Tierpark Berlin.
 
Aurel Heidelberg, Referent für die Ökoregion Kaukasus beim WWF Deutschland, berichtet: „Nachdem der Tierpark Berlin und der WWF einen gemeinsamen Rettungsplan für das Wisent im Großen Kaukasus besiegelt haben, freuen wir uns sehr, die inzwischen vierte Herde aus Berlin in den Shahdag Nationalpark zu begleiten. Hier treffen sie auf insgesamt 31 weitere Tiere, die in den letzten vier Jahren bereits ihren Weg zurück nach Aserbaidschan gefunden haben, beziehungsweise Kälber, die bereits im Nationalpark geboren wurden. Seit sich vor einem Jahr die Tore zur Kernzone des Nationalparks geöffnet haben, leben nun ganz offiziell wieder wilde Wisente in Aserbaidschan. Ein solches Projekt ist ein Kraftakt, der nur durch eine langfristige vertrauensvolle Zusammenarbeit von internationalen, nationalen und nicht zuletzt lokalen Partnern geleistet werden kann.“ Neben Aurel Heidelberg und Tierpflegerin Viola Gandert sorgte auch Tierpark-Tierärztin Anja Hantschmann dafür, dass es den Tieren unterwegs an nichts fehlte.
 
Anja Hantschmann: „Die gesamte Herde hat den Flug nach Baku gut überstanden und befindet sich nun in einem Eingewöhnungs-Gehege. Vorab haben wir zwei der Tiere, die später am ehesten die Funktionen als Leitkühe einnehmen werden, mit GPS-Halsbändern ausgestattet. So werden wir die Herde aus der Ferne auch zukünftig begleiten können“, ergänzt sie. Zu den besenderten Tieren gehört auch Tingstinella, die 2018 im Tierpark Berlin geboren ist. Als waschechte Berlinerin bringt sie ideale Charaktereigenschaften für ihre mögliche Rolle als zukünftige Leitkuh der Herde mit. "Sie ist dominant, groß und hat ihre guten Mutterinstinkte bereits unter Beweis gestellt“, berichtet der stellvertretende Zoologische Leiter Dr. Florian Sicks. „Die Transportkisten haben wir entsprechend der unterschiedlichen Größe der Tiere anfertigen lassen. Außerdem haben wir in diesem Jahr mit finanzieller Unterstützung des WWF unsere Ställe umgebaut, um mehr Kapazitäten für dieses Auswilderungsprojekte zur Verfügung stellen zu können.“
 
Hintergrund: Rückkehr der Wisente in Europa
 
Einst waren Wisente in weiten Teilen Europas zu finden. Doch schrumpfende Lebensräume und Jagd führten bereits ab dem 11. Jahrhundert zum Rückgang der Wisent-Populationen. 1927 wurde dann der letzte Wisent im Kaukasus erschossen. Damit waren die majestätischen Wildrinder in ihrem natürlichen Lebensraum ausgerottet. Nur Dank weniger Tiere in der Obhut zoologischer Einrichtungen konnte diese Tierart vor dem endgültigen Aussterben gerettet werden. Um das weitere Überleben der Art zu sichern, wurde im August 1923 durch die Initiative europäischer Zoodirektoren und Wissenschaftler die „Internationale Gesellschaft zur Erhaltung des Wisents“ im Zoo Berlin gegründet. Diese gemeinsamen Bemühungen sind somit der Vorläufer der heutigen Erhaltungszuchtprogramme für viele bedrohte Tierarten. Bereits seit 1872 zählen Wisente zum Tierbestand des Zoo Berlin. Auch der Tierpark trägt seit seiner Eröffnung 1955 beachtlich zur Erhaltungszucht der Wisente bei. Bis heute wurden in den Zoologischen Gärten Berlin über 200 Wisente geboren. Der Wisent gilt laut der Weltnaturschutzunion (IUCN) als gefährdete Tierart.

 

Kontakt

Tobias Arbinger

Pressesprecher für Naturschutz, Biodiversität, Süßwasser, Asien, Kinder & Jugend / Berlin

  • Amur-Tiger © Ola Jennersten / WWF Schweden Bedrohte Arten

    Der Rückgang der biologischen Vielfalt wird maßgeblich durch menschliches Handeln verursacht. Der WWF setzt sich weltweit für den Schutz bedrohter Arten ein. Erfahren Sie mehr zum Artenschutz