WWF fordert politische Vertreter:innen bei der COP30 auf, Klima- und Naturschutzmaßnahmen in den Mittelpunkt von Strategien zur finanziellen Resilienz zu stellen.
In einem neuen WWF-Bericht mit Fokus auf Industrieländer (Link) warnt der WWF, dass Klimakrise und Naturverlust die Grundlagen der globalen Versicherungsmärkte rapide untergraben, die wirtschaftlichen Verluste durch Extremwetterereignisse in die Höhe treiben und die „Versicherungsschutzlücke" – den Anteil unversicherter Schäden – vergrößern. Die daraus resultierende finanzielle Belastung bedroht nicht nur Haushalte und Unternehmen, sondern auch öffentliche Haushalte und eine stabile Wirtschaft.
Versicherungen bilden das Fundament moderner Volkswirtschaften, indem sie Vermögenswerte schützen, Investitionen ermöglichen und den Wiederaufbau nach Katastrophen unterstützen. Doch zunehmende Überschwemmungen, Dürren, Waldbrände und Stürme in Kombination mit dem Verlust natürlicher Schutzbarrieren wie Wälder und Feuchtgebiete machen Versicherungen zunehmend unerschwinglich oder nicht verfügbar.
Nach Angaben des UN-Büros für Katastrophenvorsorge erreichen die weltweiten Katastrophenkosten mittlerweile 2,3 Billionen US-Dollar jährlich, einschließlich indirekter Verluste und Ökosystemschäden. Allein im vergangenen Jahr gaben die USA knapp 1 Billion US-Dollar für klimabedingte Kosten aus, während die EU 43 Milliarden Euro wegen Hitzewellen, Dürren und Überschwemmungen ausgegeben hat.
In den großen Volkswirtschaften haben die Versicherungsmärkte zunehmend Schwierigkeiten, diese wachsenden Risiken zu absorbieren:
- In den Vereinigten Staaten sind die Versicherungsprämien für Hausbesitzer seit 2019 um 38 % gestiegen, wobei die Deckung in 18 Bundesstaaten unrentabel geworden ist.
- In Europa sind nur 20 % der Katastrophenschäden versichert, und die Schutzlücke wächst weiter.
- In Australien gibt mittlerweile einer von sechs Haushalten mehr als ein Monatseinkommen für Versicherungsprämien aus.
- Insgesamt steigen laut Swiss Re die versicherten Schäden bei sogenannten „Naturkatastrophen" (überwiegend durch klimabedingte Ereignisse verursacht) inflationsbereinigt um 5 bis 7 % jährlich.
Da Versicherer Prämien erhöhen, den Versicherungsschutz einschränken oder sich aus Hochrisikoregionen zurückziehen, werden Regierungen gezwungen, als Versicherer der letzten Instanz einzuspringen – dieses Bürgen für den Ausfall belastet bereits begrenzte öffentliche Haushalte zusätzlich. Der 30-Milliarden-Euro-Wiederaufbau-Fonds nach der Ahrtal-Flut in Deutschland und Spaniens 2,2 Milliarden Euro schwere Nothilfe für Landwirte nach der Dürre 2023 verdeutlichen, wie unversicherte Risiken zu fiskalischen Verbindlichkeiten führen. Im Ahrtal war nur etwa ein Fünftel der Schäden versichert. In den USA verabschiedete die Regierung 2024 Katastrophenhilfen in Höhe von 110 Milliarden Dollar für Hilfsmaßnahmen in von Hurrikanen und Tornados betroffenen Bundesstaaten.
„Die exponentiell wachsenden Verluste und Schäden durch Extremwetterereignisse, die den Versicherungsmarkt untergraben, werden sowohl durch steigende Temperaturen als auch durch die Zerstörung von Ökosystemen verursacht, die uns schützen", sagte Kirsten Schuijt, Generaldirektorin von WWF International. „Wälder, Mangroven oder Feuchtgebiete sind entscheidend für die Verringerung der verheerenden Auswirkungen dieser Extremereignisse und müssen daher im Zentrum der Strategien stehen, um unsere Resilienz zu erhöhen und Regionen versicherbar zu halten."
Laurence Tubiana, Sonderbeauftragte für Europa für die COP30, erklärt: „Die Deckungslücke im Versicherungsschutz lässt Menschen schutzlos zurück, wenn Extremwetterereignisse sie hart treffen. Da weltweit über die Hälfte der klimabedingten Schäden unversichert sind – und in Entwicklungsländern mehr als 90 Prozent – ist dies nicht mehr nur ein Problem des Versicherungsmarktes, sondern eine systemische Bedrohung für die Lebensgrundlagen der Menschen, die wirtschaftliche Resilienz und sogar die finanz- und fiskalpolitische Stabilität."
Regierungen und Finanzaufsichtsbehörden müssen die Grundursachen – Klimakrise und Naturverlust – angehen, wenn unsere Gesellschaften versicherbar bleiben sollen.
Der WWF fordert politische Entscheidungsträger:innen und Finanzaufsichtsbehörden auf:
- Eine ganzheitliche und zukunftsorientierte Risiko- und Resilienzbeurteilung durchzuführen, die direkte und indirekte Verluste einbezieht, um Regierungsmaßnahmen zu informieren und fiskal- und ordnungspolitische Entscheidungen zu lenken.
- Treibhausgasemissionen zu senken und den Naturverlust umzukehren, um langfristige Risiken zu stabilisieren und Versicherbarkeit zu gewährleisten.
- Natur zu einem Kernelement von Resilienz- und Anpassungsstrategien zu machen und ihren kosteneffizienten Schutzwert anzuerkennen.
- Die regulatorische und makroprudenzielle Aufsicht zu stärken, um Finanzsysteme mit langfristigen Resilienz-Rahmenbedingungen in Einklang zu bringen.
- Marktanreize zu erhöhen, um die Schutzlücke einzudämmen und präventive Maßnahmen zu fördern.