Wie lassen sich traditionelle Krabbenfischerei und Schutz des Nationalparks und Weltnaturerbes Wattenmeer miteinander vereinbaren? In Niedersachsen diskutieren Landesbehörden, Krabbenfischer, und Umweltverbände derzeit über die Einrichtung fischereifreier Zonen.
Nun hat der WWF seine Vorschläge für fischereifreie Gebiete vorgelegt, damit auch unter Wasser wieder ein vielfältiges und natürliches Ökosystem entsteht. Gut 50 Prozent der derzeit befischten Nationalparkbereiche sollen demnach künftig der Natur vorbehalten und nicht mehr befischt werden, so wie es das Bundesnaturschutzgesetz vorschreibt. Die Flächen sind so gewählt, dass die Fischereitätigkeit der Krabbenkutter in den niedersächsischen Küstengewässern nur um rund 35 Prozent beschränkt wird und gleichzeitig besonders wertvolle Naturräume geschützt werden.
„Der ökologische Zustand der niedersächsischen Gewässer ist besorgniserregend. Es fehlen Rückzugsräume, die die marine Artenvielfalt stärken und das Ökosystem gegen den Klimawandel wappnen. In den ständig wasserbedeckten Bereichen des Wattenmeers existieren heute fast keine fischereifreien Flächen. Das ist mit dem Zweck eines Nationalparks nicht vereinbar, es muss ein Kompromiss gefunden werden“, sagt Catherine Zucco, Meeresschutzexpertin beim WWF Deutschland. Ruhezonen müssen die verschiedenen Arten und Lebensräume ausreichend repräsentieren und besser schützen. „Es braucht unbefischte Gebiete in ausreichender Größe, die vollständige Tidebecken mit ihren Prielen, Flussmündungen und Offshore-Gebiete umfassen. Wo es möglich und für den Naturschutz sinnvoll ist, enthält unser Vorschlag ökologisch wertvolle Flächen, die sowieso nicht intensiv befischt werden“, so Zucco. Zudem tragen die benannten Gebiete der hohen Bedeutung der Osterems und des Ems-Dollart-Bereiches für die Krabbenfischerei Rechnung und sparen diese – ebenso wie wichtige Kulturflächen der Miesmuschelfischerei - von Stilllegung aus.
Der WWF-Vorschlag sieht u.a. vor, wertvolle Tidebecken zwischen Inseln und Festland, die Offshore-Gebiete vor Borkum und Juist sowie vor Wangerooge und Spiekeroog, das Wattgebiet zwischen Jade und Weser sowie Teile des Wattgebiets zwischen Weser und Elbe als fischereifreie Gebiete auszuweisen.
Gerade die Krabbenfischerei kann die Natur erheblich schädigen, etwa durch hohe Beifangraten. In den bodenberührenden Schleppnetzen der Kutter landen neben den Garnelen viele junge Plattfische und andere Meeresbewohner, die dann dem Ökosystem fehlen. Bei einigen Arten, etwa bei jungen Miesmuscheln oder Seegras, kann schon ein einmaliger Schleppvorgang die Wiederansiedlung zunichtemachen. Die einst weit verbreiteten Sandkorallenriffe wurden bereits zerstört.
„Die Krabbenfischerei gehört zur Nordseeküste dazu, doch der Meeresboden braucht Zonen, wo er in Ruhe gelassen wird. Unser Vorschlag soll der Natur und der Fischerei Raum geben“, sagt Catherine Zucco weiter. Aus der geplanten Transformation der Fischerei erwächst laut WWF eine Verpflichtung. Die Bundesregierung hat im Jahr 2025 auf Forderungen der Fischerei reagiert und 20 Millionen Euro in einem Abwrackprogramm zur Verfügung gestellt. Ziel ist es, die Flotte der Krabbenkutter um rund 30 Prozent zu verkleinern. Gegenüber der EU wurde die öffentliche Finanzierung der Stilllegungsprämie mit dem Verlust von Fanggebieten u.a. durch Meeresschutzgebiete begründet. Dieser Schutz müsse nun auch in die Tat umgesetzt werden, fordert der WWF. „Die geplante Flottenreduzierung muss sich angemessen in der Fläche widerspiegeln. Weniger Kutter brauchen weniger Platz, für die Natur können störungsfreie Refugien im Schutzgebiet entstehen. So lässt sich der Fischereidruck auf ein weitgehend nationalparkverträgliches Maß verringern und mehr Rechtsicherheit für die Fischerei schaffen“, erläutert WWF-Expertin Zucco.