Berlin, 26.3.2026: Die Chemieagenda der Bundesregierung bleibt hinter dem Notwendigsten zurück, um die Chemie in Deutschlands zukunftsfest zu machen. Das bemängelt der WWF anlässlich der Vorstellung der Agenda an diesem Donnerstag. „Die Chemieagenda der Regierung ist keine Vision für eine klimafreundliche und moderne Chemieindustrie, sondern Relikt fossiler Träumereien“, sagt Viviane Raddatz, Klimachefin beim WWF Deutschland.
So soll durch eine Raffinierstrategie an Strukturen für Öl und Gas festgehalten werden, obwohl nicht nur die Klimakrise die verheerenden Risiken dieser Energien deutlich aufzeigt: Auch die jüngsten geopolitischen Entwicklungen unterstreichen – wieder einmal – wie gefährlich die Abhängigkeiten von Öl und Gas sind.
Die geplante Abschwächung des europäischen Emissionshandels lockert genau die falschen Schrauben: „Energiekosten können nur dauerhaft gesenkt werden, wenn die Erneuerbaren ausgebaut und Investitionen in saubere Technologien angereizt werden, statt Verschmutzung weiter künstlich günstig zu halten. Planungssicherheit für Investitionen in den nötigen Wandel bekommt die Chemieindustrie so nicht“, so Raddatz.
Zudem wird das Potential der Kreislaufwirtschaft für die Klimaneutralität der Chemieindustrie aber auch für die Resilienz Deutschlands und Europas nicht adressiert. Dabei stehen die Technologien bereit. Ressourcenströme müssen insgesamt reduziert und verlangsamt und Materialkreisläufe geschlossen werden. Das mechanische Recycling sollte grundsätzlich Vorrang vor dem chemischen Recycling haben. Auch bei der Biomassenutzung dürfen fossile Abhängigkeiten nicht durch neue ökologische Risiken ersetzt werden, denn Biomasse ist begrenzt, ein 1:1 Ersatz fossiler Rohstoffe ist nicht zielführend.
Die Zivilgesellschaft wurde während des gesamten Prozesses trotz wiederholten Angebots nicht konsultiert. Dabei gab es von zivilgesellschaftlicher Seite bereits Vorschläge, wie eine wirkungsvolle Chemieagenda aussehen könnte. Diese beinhalteten die Forderung, klare Leitplanken zu setzen für die zügige Umstellung der Chemieindustrie auf Strom aus Erneuerbaren sowie die Nutzung von grünem Wasserstoff in der Vorkette.
Parallel zum Erneuerbaren-Ausbau und der entsprechenden Nutzung in der Chemie muss der Ausstieg aus den fossilen Energien und Rohstoffen forciert werden. Hier braucht es einen regulatorischen Rahmen, etwa über Investitionsanreize. Quoten für nachhaltige Chemieprodukte etwa in der öffentlichen Beschaffung können einen wichtigen Beitrag für den nötigen Wandel der Chemieindustrie leisten. Hier liest sich die Chemieagenda der Bundesregierung insofern positiv, als dass die lang erwartete Etablierung grüner Leitmärkte endlich angestrebt wird und Labels entwickelt werden sollen.
Zum Hintergrund:
Als Schwergewicht beim CO2-Ausstoß trägt die Chemieindustrie eine Schlüsselrolle für Deutschlands Transformation. Allein die zwölf treibhausgasintensivsten Chemieparks Deutschlands sind für rund drei Prozent der deutschen Treibhausgasemissionen verantwortlich, wie eine WWF-Studie 2024 berechnete. Gleichzeitig liegt in der Chemieindustrie enormes Innovationspotenzial – ein Vorteil für Deutschland im internationalen Wettbewerb, wenn die politischen Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden. Über eine umfassende Elektrifizierung und den breiten Einsatz von Kreislaufwirtschaftstechnologien könnte die Chemie essenzielles Standbein der Industrie bleiben und Wirtschaftsmotor für Deutschlands Zukunft sein. Die Chemieagenda der Bundesregierung leistet hierfür leider nicht die angemessene Grundlage.
Im September 2025 hatten mehrere Organisationen bereits einen Aufschlag für eine zukunftsfähige Chemieagenda gemacht, diesen finden Sie hier: https://www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/Publikationen-PDF/Unternehmen/Zukunftsf%C3%A4hige-Chemieagenda.pdf