Eine logistische Herausforderung mit globaler Bedeutung für den Artenschutz: WWF Deutschland und der Tierpark Berlin haben im Rahmen ihres gemeinsamen Wiederansiedlungsprojekts erneut Wisente in den Kaukasus überführt. Mit 18 Tieren handelt es sich um die größte einzelne Umsiedlung seit Beginn des Projekts im Jahr 2019 – und um einen weiteren Meilenstein in einem der größten und ambitioniertesten Wiederansiedlungsprojekte dieser Art weltweit.
Das Wiederansiedlungsprojekt Return of the European Bison to the Caucasus zählt international zu den herausragenden Beispielen erfolgreicher Wildtier-Wiederansiedlung. Ziel der Initiative ist es, Wisente, die überwiegend in zoologischen Einrichtungen geboren wurden, dauerhaft in ihrem historischen Verbreitungsgebiet im Kaukasus zu etablieren.
Die Tiere wurden von Frankfurt/Hahn per Frachtflugzeug nach Baku in Aserbaidschan gebracht. Dabei wurden sie von einem interdisziplinären Expert:innenteam begleitet. „Vor einem solchen Transport erfordert jeder Schritt – von der Auswahl der Tiere über die medizinische Untersuchung bis zur Vorbereitung und Umsetzung des Transports – Expertise in Tiermedizin, Wildtiermanagement und Logistik“, erklärt Christian Kern, Zoologischer Leiter von Zoo und Tierpark Berlin. „Wir begleiten die Wisente während des gesamten Prozesses, bis sie sicher im Nationalpark ankommen.“
Die Tiere – neun Wisentkühe und drei Bullen – stammen aus zoologischen Gärten in ganz Europa¹ und sind bereits im Tierpark Berlin zu einer Herde zusammengeführt worden. In diesem Jahr sind zudem sechs Wisente aus dem Wisentprojekt im Rothaargebirge in Nordrhein-Westfalen dabei. Die Auswahl erfolgt durch das Europäische Erhaltungszuchtprogramm (EEP), das inzwischen von Dr. Jennifer Hahn im Zoo Berlin koordiniert wird. Grundlage sind ein optimaler Gesundheitszustand sowie passende genetische Voraussetzungen.
Das Expert:innenteam von WWF und Tierpark Berlin begleitete die Wisente von der Abholung über die Abfertigung am Flughafen, den Flug und den anschließenden LKW-Transport bis in den Shadagh Nationalpark im Norden Aserbaidschans. Dort übernehmen Ranger:innen und lokale Fachkräfte des WWF Aserbaidschan und der zuständigen Behörden die Betreuung sowie das langfristige Monitoring der Tiere.
„Die Rückkehr des Wisents in die Urwälder des östlichen Großen Kaukasus ist ein wichtiger Beitrag zur Erreichung nationaler, regionaler und internationaler Naturschutzziele zum Erhalt der Biodiversität“, erklärt Aurel Heidelberg, Projektleiter und Referent für die Ökoregion Kaukasus beim WWF Deutschland. „Erst die enge Zusammenarbeit zwischen Naturschutzorganisationen, zoologischen Einrichtungen, Forschungseinrichtungen und Behörden über Ländergrenzen hinweg macht eine Wiederansiedlung dieser Größenordnung möglich.“
Seit Beginn der Zusammenarbeit im Jahr 2019 wurden bis heute 64 Wisente nach Aserbaidschan gebracht, die sich erfolgreich fortpflanzen: Allein im vergangenen Jahr wurden neun Kälber geboren. Mit der aktuellen Umsiedlung steigt die Zahl der Wisente im Shadagh Nationalpark – wo sie über ein Jahrhundert lang ausgestorben waren – auf rund 90 Tiere an. Der Park, eines der größten Schutzgebiete des Kaukasus, bietet mit seinen weitläufigen Berg-, Wald- und Offenlandstrukturen ideale Voraussetzungen für eine langfristig stabile Wisentpopulation.
„Das Wisent ist in den 1920er Jahre aus der Wildnis verschwunden und hat nur in zoologischen Einrichtungen überlebt, unter anderem in Berlin. Dass wir heute wieder Wisente in den Wäldern Europas und Asiens haben, ist ein Meilenstein, für den fast 100 Jahre Artenschutzarbeit nötig waren. Die Rückkehr der Wisente in den Kaukasus ist dementsprechend ein gemeinschaftlicher Erfolg, auf den wir sehr stolz sind“, ergänzt Dr. Andreas Knieriem, Direktor von Zoo und Tierpark Berlin.
„Die Rückkehr der Wisente nach einem Jahrhundert ist für unsere Region von besonderer Bedeutung. Lokale Gemeinden, Schulen und Besucher werden in unsere Arbeit eingebunden und erleben direkt, wie Ökosysteme funktionieren und welche Rolle bedrohte Arten dabei spielen“, erklärt Zeynab Khalilova, Projektleiterin beim WWF Aserbaidschan.
Neben dem Austausch mit internationalen Fachgremien wie der Bison Specialist Group der IUCN und der European Bison Friends Society unterstützt auch die NGO Rewilding Europe das internationale Projekt. „Große Pflanzenfresser wie das Wisent gestalten die Landschaften, in denen sie leben, zum Nutzen vieler anderer Pflanzen- und Tierarten“, sagt Sophie Monsarrat, Rewilding Landscapes Managerin bei Rewilding Europe. „Der Schutz der Wisent-Lebensräume im Kaukasus wird weitreichende ökologische Vorteile für die gesamte Region bringen. Wir freuen uns sehr, dass der European Wildlife Comeback Fund diese komplexe Umsiedlung nun bereits zum zweiten Mal unterstützen kann.“
¹Herkunft der Wisente:
Die Tiere stammen aus dem Tierpark Berlin, dem Wisentgehege Springe/Sosto Zoo in Ungarn, dem Tierpark Neumünster, dem Tierpark Chemnitz, dem Alpenzoo Innsbruck in Österreich und aus dem Prager Zoo und Zoo Olmütz in Tschechien.
Veranstaltungshinweis:
Für alle, die mehr wissen wollen, wie so ein Wisent-Umzug funktioniert und was die Tiere in ihrer neuen Heimat erwartet, veranstaltet der WWF am 5. März für alle WWF-Unterstützer:innen einen Living Planet Talk mit Projektleiter Aurel Heidelberg
WWF Living Planet Talk