Der WWF hat beim Marine Stewardship Council (MSC) offiziell Einspruch gegen die erneute Zertifizierung der antarktischen Krillfischerei eingelegt. Die Umweltorganisation fordert, dass keine Zertifizierung vergeben wird, bis vorsorgliche und wirksame Managementmaßnahmen für die Fischerei verbindlich vereinbart sind.
„Antarktischer Krill ist die Grundlage des Lebens im Südpolarmeer. Pinguine, Robben, Seevögel und Wale sind ohne ihn nicht überlebensfähig. Trotzdem wird Krill in industriellen Mengen gefangen, um daraus Fischfutter und Omega-3-Kapseln herzustellen. Das erzeugt Nahrungsknappheit für wildlebende Tiere. Diese Fischerei ist zum jetzigen Zeitpunkt weit davon entfernt, nachhaltig zu sein", sagt Dr. Philipp Kanstinger, Fischereiexperte beim WWF Deutschland.
Die Krillfischerei rund um die Antarktische Halbinsel und die Scotiasee führt zu lokalen Bestandsrückgängen, die krillfressende Tierarten erheblich gefährden. Zusätzlich werden die Krillbestände durch die Klimakrise künftig starken Schwankungen ausgesetzt sein.
Zuständig für die Regulierung der Krillfischerei ist die Kommission zur Erhaltung der lebenden Meeresschätze der Antarktis (CCAMLR). Eine zentrale Schutzmaßnahme sorgte bis vor zwei Jahren für eine räumliche Verteilung des Krillfangs. Sie lief allerdings 2024 ersatzlos aus. Im darauffolgenden Jahr 2025 wurde die gesamte jährliche Fangquote von 620.000 Tonnen in verhältnismäßig kleinen, stark konzentrierten Gebieten in sehr kurzer Zeit ausgeschöpft. Das bringt andere Arten stark in Bedrängnis.
„Die räumliche Konzentration der Fangaktivitäten hat gravierende ökologische Konsequenzen. Eine aktuelle Studie zur Reproduktion von Buckelwalen belegt: Ist lokal weniger Krill verfügbar, sinkt die Trächtigkeitsrate der Tiere deutlich – mit spürbaren Folgen für den Bestand. Der MSC sollte eine derart schädliche Praxis nicht durch sein Siegel legitimieren", so Dr. Philipp Kanstinger.
In der Antarktis-Kommission herrscht Stillstand in Sachen Schutzmaßnahmen. Auf der CCAMLR-Jahrestagung im Oktober 2025 gelang weder eine Einigung auf kurz- noch auf langfristige Verbesserungen der Krillfischerei. Zudem konnte die Ausweisung eines neuen Meeresschutzgebiets an der Antarktischen Halbinsel, bekannt als „Domain 1", nicht beschlossen werden. Dass in den vergangenen zwei Jahren nicht einmal eine Übergangslösung zum Schutz des Ökosystems zustande kam, bereitet dem WWF ernsthafte Sorge.
„Das empfindliche Ökosystem des Südpolarmeers und Schlüsselarten wie Krill dürfen, wenn überhaupt, nur unter strikter Rücksichtnahme auf die Natur genutzt werden. Der WWF fordert die Antarktis-Kommission deshalb nachdrücklich auf, das ökosystembasierte Management der Krillfischerei erheblich zu verbessern und das Meeresschutzgebiet ‚Domain 1' endlich einzurichten", betont Dr. Philipp Kanstinger.
Konkret fordert der WWF folgende Maßnahmen:
-
Größere Verteilung der Fangaktivitäten, um die Konkurrenz mit krillfressenden Tierarten wie Walen zu verringern
-
Strengere Fangbegrenzungen auf Grundlage des Vorsorgeprinzips und Klimaprognosen
-
Verbesserung der Datenerhebung zu Krill und krillfressenden Arten sowie eine Aktualisierung des CCAMLR-Ökosystem Monitoring Programms (CEMP), damit es seinen Schutzauftrag erfüllen kann
-
Bessere Beifangvermeidung, unter anderem durch verbindliche Mindestabstände zu jagenden Tieren
-
Strengere Kontrollmechanismen, darunter häufigere Fangmeldungen, intensivere Schiffsinspektionen, klare Regelungen zu Umladungen auf See, vollständige Überwachung durch unabhängige Fischereibeobachter sowie verpflichtender Einsatz elektronischer Überwachungsmaßnahmen einschließlich Kameras