Zusammenarbeit verbessert Versorgungssicherheit und stärkt Resilienz gegen Wasser- und Biodiversitätsrisiken

Wasserknappheit, verschmutzte Gewässer und der Verlust biologischer Vielfalt setzen den Anbau vieler Agrarprodukte unter Druck und treffen damit auch den Lebensmitteleinzelhandel. Eine WWF-Studie zu Obst- und Gemüselieferketten deutscher, österreichischer und schweizer Lebensmittelhändler zeigt: Kollektive Maßnahmen auf Landschaftsebene sind ein wichtiger Lösungsansatz, der noch zu wenig genutzt wird. Wenn Unternehmen in gemeinsamen Beschaffungsregionen kooperieren, können sie Wasser- und Biodiversitätsrisiken gezielter angehen und ihre Lieferketten stabilisieren.

„Wenn Unternehmen sich zusammenschließen und in zentralen Beschaffungsregionen gemeinsam handeln, stärken sie die Resilienz der gesamten Lieferkette“, sagt Christian von Loewenich, Projektmanager Biodiversity Stewardship beim WWF Deutschland. Bislang bleibe das Engagement jedoch oft bei Pilotprojekten oder Plattformmitgliedschaften stehen. „Was fehlt, sind substanzielle Investitionen in bewährte, aber risikoreiche Anbauregionen.“

Gemeinsame Risiken erfordern gemeinsame Lösungen

Viele Händler beziehen Produkte aus denselben Hochrisikoregionen, etwa Avocados aus Peru oder Erdbeeren aus Südspanien. Dürre, steigende Temperaturen oder sinkende Wasserqualität betreffen alle Marktakteure gleichzeitig. Ein Wechsel der Region verschiebt Probleme häufig nur und ist somit bestenfalls eine kurzfristige Lösung. Sogenannte Collective Action Landscape Projects (CALP) bündeln daher die Kräfte mehrerer Akteure in einer Region und verbinden Aktivitäten auf Betriebs-, Landschafts-, Community- und Governance-Ebene. Händler, Erzeuger, NGOs und weitere Partner entwickeln gemeinsame Ziele und adressieren Risiken über Betriebsgrenzen hinweg, etwa im gesamten Einzugsgebiet eines Flusses. So können etwa Landwirte beim Anlegen von Uferrandstreifen unterstützt und Feuchtgebiete wieder vernässt werden, während gleichzeitig vulnerable Bevölkerungsgruppen in Entscheidungen einbezogen und Wasserkonzessionen an ökologische Mindestabflüsse geknüpft werden. Entscheidend ist, dass Unternehmen mit anderen Akteuren koordiniert und gemeinsam handeln.

In der Studie wurden zehn Handelsunternehmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz untersucht, namentlich Aldi Süd, Aldi Nord, REWE, EDEKA, Lidl, Kaufland, Spar, Billa, Coop und Migros. Grundlage waren ein Fragebogen, Interviews, sowie öffentlich verfügbare Informationen. Mit einigen dieser Unternehmen arbeitet der WWF auch im Rahmen strategischer transformativer Partnerschaften zusammen.

Bewusstsein wächst, Umsetzung bleibt begrenzt

Rund die Hälfte der untersuchten Unternehmen ist derzeit in CALPs aktiv. Das Engagement bleibt jedoch meist auf Pilotprojekte, Plattformmitgliedschaften oder einzelne Partnerschaften beschränkt. Eine strategische Skalierung in besonders kritischen Beschaffungsregionen findet bislang selten statt.

Positiv ist das wachsende Risikobewusstsein, auch durch neue regulatorische Anforderungen wie die Richtlinie zur unternehmerischen Nachhaltigkeitsberichterstattung (CSRD) und EU-Lieferkettenrichtlinie (CSDDD). Viele Händler führen Wasser-Risikoanalysen durch, teils auch zu Biodiversität. Zertifizierungen wie GlobalG.A.P. dominieren weiterhin das Risikomanagement, greifen bei landschaftsweiten Problemen jedoch zu kurz.

Hürden bremsen kollektive Ansätze

Als zentrale Hemmnisse nennen Unternehmen fehlende standardisierte Kennzahlen und Berichtsformate, regulatorische Unsicherheiten sowie interne Budgetkonflikte. Hinzu kommen mangelnde Unterstützung auf Führungsebene sowie Bedenken hinsichtlich mangelnder Differenzierung zu Wettbewerbern und Skalierbarkeit. Kurzfristiger Preisdruck erschwert Investitionen in langfristige Resilienz. Gleichzeitig zeigt sich eine Art Pattsituation: Viele Akteure warten auf belastbare Erfolgsbeispiele oder auf ein stärkeres Engagement der Wettbewerber. Oft steigt die Kooperationsbereitschaft erst bei akutem Reputationsrisiko, so etwa bei der Debatte um Erdbeeren aus dem Umfeld des Doñana-Nationalparks in Spanien.

Weitere Auslöser für ein aktives Engagement sind klar erkennbare systemische Risiken, die sich nicht auf Betriebsebene lösen lassen, gut strukturierte Plattformprojekte, an die sich Händler anschließen können oder hoher regulatorischer Druck.

Drei Hebel für mehr Wirkung

Die Studie empfiehlt erstens, besonders risikobehaftete Beschaffungsregionen konsequent zu priorisieren. Zweitens braucht es eine engere und aktivere Zusammenarbeit zwischen Händlern, vorgelagerten Akteuren in der Lieferkette, NGOs und Kooperationsplattformen, damit Maßnahmen besser aufeinander abgestimmt sind. Drittens plädiert die Studie für eine stärkere Standardisierung von Umsetzung und Reporting. Gemeinsame Wirkungskennzahlen und klare Leitlinien sollen die interne Akzeptanz erhöhen und die Vergleichbarkeit zwischen Initiativen verbessern.

Kooperative, landschaftsbezogene Ansätze gelten als vielversprechend, um Obst- und Gemüselieferketten langfristig zu sichern. Angesichts zunehmender Extremwetterereignisse und wachsender regulatorischer Anforderungen steht der Handel vor einer Richtungsentscheidung. „Wer heute nicht in widerstandsfähige Landschaften investiert, riskiert morgen leere Regale. Kooperation wird damit vom freiwilligen Engagement zum strategischen Erfolgsfaktor”, so von Loewenich.

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