Wie das Zitrusprojekt von EDEKA und WWF für mehr Leben auf den Anbauflächen sorgt. Ein Interview mit Biodiversitätsexperte Jesús Quintano Sánchez.

Jesús Quintano Sánchez, Biodiversitätsexperte
Jesús Quintano Sánchez, Biodiversitätsexperte © Sylvia Ratzlaff / WWF

Bereits seit mehr als zehn Jahren arbeiten der WWF und EDEKA im gemeinsamen Zitrusprojekt daran, den konventionellen Anbau von Orangen, Mandarinen und Clementinen nachhaltiger zu gestalten.

Mit Erfolg: Die teilnehmenden Farmen verbrauchen heute im Durchschnitt 36 Prozent weniger Wasser als der spanische Durchschnitt, und 2024 wurden 69 Prozent weniger Pestizide eingesetzt als vor dem Einstieg ins Projekt. 87 Hektar – das ist etwas weniger als halb so groß wie der Berliner Tiergarten – sind alleinig der Förderung der Biodiversität vorbehalten. Auf den Farmflächen konnten inzwischen 172 Wirbeltierarten nachgewiesen werden, darunter auch bedrohte Arten.

Daran hat Jesús Quintano Sánchez einen entscheidenden Anteil. Er ist seit Start des Projekts in Südspanien als Experte für Biodiversität mit dabei und begleitet die Betriebe vor Ort, um ihnen ganz konkrete Hilfestellung und Anleitung zu geben. Im folgenden Interview gibt er einen Einblick in seine Arbeit vor Ort.

Interview mit Jesús Quintano Sánchez, Biodiversitäts-Experte

Jesús, wenn eine Farm neu ins Projekt aufgenommen wird – wie gehst du dabei vor?

Am Anfang steht immer eine Bestandsaufnahme. Wir schauen uns an, welche Pflanzen-und Tierarten auf der Farm vorkommen und in welchem ökologischen Zustand sich die Flächen befinden. Besonders wichtig ist dabei der Blick auf Insekten, denn viele von ihnen können uns beim Pflanzenschutz unterstützen. Ich checke also: Welche Schädlinge gibt es und welche Nützlinge sind bereits vorhanden?

Bei Rundgängen über die Farmen lässt sich außerdem viel über die bisherige Bewirtschaftung erkennen – etwa ob viele Pestizide eingesetzt wurden oder wie die Flächen gepflegt werden. Diese Beobachtungen ergänzen wir durch Gespräche mit den Landwirt:innen und Agrartechniker:innen. Nur so verstehen wir, wo die größten Potenziale für mehr Biodiversität liegen, und welche Maßnahmen als erstes sinnvoll sind.

Und wie geht’s weiter? Welche Maßnahmen setzen die Betriebe dann konkret um?

Blühstreifen am Orangenhain
Blühstreifen am Orangenhain © Jesús Quintano Sánchez

Es gibt einen Biodiversitäts-Maßnahmenkatalog, den alle Betriebe erfüllen müssen. Kurzfristig geht es vor allem darum, den Einsatz von Pestiziden und deren Toxizität deutlich zu reduzieren und sie nur noch dann einzusetzen, wenn es wirklich notwendig ist.

Außerdem werden sensible Bereiche wie Hecken, Böschungen oder Gewässerränder geschützt, die Lebensraum für Insekten, Vögel, kleine Säugetiere und Reptilien bieten. Abfälle werden aus der Umgebung entfernt.

Langfristig bauen die Betriebe sogenannte ökologische Infrastruktur auf. Damit meine ich Blühstreifen, begrünte Flächen zwischen den Baumreihen oder Rückzugsräume für Tiere. Auch Nistkästen und Sitzstangen für Greifvögel gehören dazu.

Diese Strukturen schaffen Lebensräume für viele Arten und sorgen so gleichzeitig für die natürliche Schädlingskontrolle. Die Begrünung, Mulch aus Schnittresten und Kompost helfen dabei, einen höheren Gehalt an organischer Substanz im Boden zu erreichen. Auch das unterstützt viele Nützlinge, da ein Teil ihres Lebenszyklus, etwa die Eiablage, im Boden stattfindet.

„Eine der wirksamsten Veränderungen ist der Verzicht auf Pestizidbehandlungen nach festen Terminen. In der Vergangenheit wurde häufig vorsorglich gespritzt, unabhängig davon, ob tatsächlich ein Problem bestand.“

Jesús Quintano Sánchez, Biodiversitätsexperte

Welche Maßnahmen zeigen besonders schnell Wirkung?

Eine der wirksamsten Veränderungen ist der Verzicht auf Pestizidbehandlungen nach festen Terminen. In der Vergangenheit wurde häufig vorsorglich gespritzt, unabhängig davon, ob tatsächlich ein Problem bestand.

Heute überwachen die Farmteams wöchentlich, welche Schädlinge und Nützlinge vorhanden sind. Damit die Mitarbeitenden wissen, worauf sie achten müssen, bieten wir auch Schulungen an. Oft reicht die natürliche Regulierung durch Nützlinge aus, sodass gar kein Pestizideinsatz notwendig ist. In der Folge sehen wir, dass viele Arten bereits im Folgejahr auf die Flächen zurückkehren.

Wie reagieren die Landwirte und Landwirtinnen auf die Veränderungen im Betriebsablauf bedingt durch die Projektteilname, die Du vor Ort dann einführst?

Jesús Quintano Sánchez im Gespräch mit einem Landwirt
Jesús Quintano Sánchez im Gespräch mit einem Landwirt © Jesus Martinez

Am Anfang gibt es häufig Skepsis – aber das ist ganz normal. Schließlich verändern wir Arbeitsabläufe, die teilweise seit Jahren oder Jahrzehnten Bestand haben.

Entscheidend ist, dass wir die Landwirt:innen eng begleiten und gemeinsam beobachten, wie sich die Maßnahmen auswirken. Wenn sie sehen, dass es mit weniger Pestiziden trotzdem funktioniert, dadurch Kosten sinken, ihre Orangen weiterhin wachsen und gedeihen und gleichzeitig mehr Nützlinge auftreten, die sich um Schädlinge kümmern, wächst das Vertrauen schnell und die Vorbehalte schwinden.

Ich bin etwa vier Mal im Jahr auf den Farmen und somit ziemlich engmaschig im Austausch.

Wie messt Ihr, ob sich die Biodiversität tatsächlich verbessert?

Wir arbeiten mit verschiedenen Kennzahlen. Dazu gehören regelmäßige Erfassungen von Tier- und Pflanzenarten, wie von Vögeln, Wirbellosen wie Marienkäfern und Schmetterlingen oder der Vegetation zwischen den Baumreihen.

Außerdem beobachten wir, wie sich Hecken, Böschungen oder begrünte Flächen entwickeln. Gleichzeitig prüfen wir, wie konsequent das Monitoring von Schädlingen und Nützlingen umgesetzt wird. All diese Daten zeigen uns, wie sich die Farmen im Laufe der Zeit verändern.

Geburtshelferkröte
Geburtshelferkröte © Jesús Quintano Sánchez

Ein gutes Beispiel ist eine Finca bei Tarragona in Katalonien, auf der wir seit vier Jahren arbeiten. Anfangs fanden wir auf einem winzigen Bereich am Rande der Anbauflächen ein paar Geburtshelferkröten (Alytes obstetricans) vor.

Die Anbauflächen waren regelmäßig mit Glyphosat behandelt worden. Als die Farm ins Projekt aufgenommen wurde, musste sie darauf verzichten, denn das Mittel ist bei uns ausgeschlossen.

Zunächst wechselte die Farm auf andere Mittel, aber brachte sie nur noch punktuell aus. Im zweiten Jahr stellte sie die Anwendung ganz ein und setzte auf mechanische Methoden der Unkrautbekämpfung.

Die Wirkung war deutlich: Ab dem dritten Jahr breiteten sich die Kröten unverkennbar aus, im vierten Jahr besiedelten sie bereits mehr als 70 Prozent der Finca – sogar direkt neben den Bäumen. Gleichzeitig tauchte erstmals auch die Betische Perleidechse (Timon nevadensis) auf. Besonders spannend: Es wurden Jungtiere beobachtet, ein klares Zeichen dafür, dass sich die Art dort erfolgreich fortpflanzt.

Das zeigt eindrucksvoll, wie schnell sich Biodiversität erholen kann, wenn sich die Bewirtschaftung ändert – und wie wirksam gezielte Maßnahmen dafür sind.

Worauf bist Du im Projekt besonders stolz?

Vor allem darauf, dass viele Fincas heute deutlich weniger Pestizide einsetzen und stattdessen stärker auf funktionale Artenvielfalt setzen. Jede Behandlung, die nicht mehr nötig ist, ist ein Erfolg. Durch die vielfältigere Vegetationsdecke rund um die Anbauflächen gibt es viel mehr natürliche Gegenspieler, die uns helfen Schädlinge in Schach zu halten.

Das zeigt, dass Landwirtschaft und Naturschutz zusammen funktionieren können. Wenn wir Landwirt:innen dabei unterstützen, natürliche Prozesse besser zu nutzen, profitieren sowohl die Natur als auch die Betriebe.

Herzlichen Dank für das Interview!

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